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Nls sie in die Mär trat erblickte sie ihren Vater, der in ctnent Korbstuhl am Ösen saß steif und ernst, das Gesicht in würdige Falten gelegt.

Ja, Vater, da bin ich wieder!" Sie reichte ihm die Hano.Nun zürnst Du mir doch nicht mehr, ich will anch thnn, was in meiner Macht steht, nm Dir das Leben zu verschönern."

Blaugefroren und zitternd standen die Kinder da nnb sahen den Alten an, der Knabe mit dem großen Ueberrock, der bis zur Erde schleppte, fragte:Sieht ein Großvater so ans?"

Und hier sind zwei kleine Menschenkinder, die anch gern beim Großvater sein wollen."

Er schielte mit einem Blick zn ihnen hinüber, als wollte er sagen, daß, er es einstweilen noch werde dahingestellt sein lassen, ob er sie als eheliche Kinder anzuerkennew gedenke; als aber Helene die kleinen Hände in die seinen legte undGnten Abend, Großvater" sagte, da sammelte sich all das Wasser, das noch in den alten Thräuenquellen vorhanden war, zn ein paar Tropfen, die in die Höhlen unter seinen Angen fielen.

@in Gefühl von etwas unsäglich Anheimelndem hatte Helene überkommen, als sie das warme, gemütliche Zimmer betrat, und als sie nun den Blick umhergleiten ließ und die neue geblümte Tapete, die kleine, niedliche Hängelampe, den anflackierten Kohlenkasten, den neuen strahlenden Brüsseler Teppich gewahrte und merkte, wie die Wärme des Zimmers ihre beiden Kleinen umfing, da erfüllte eine heiße Dankbarkeit ihr Herz. Der gute, treue Thomas, der so viele Jahre um sie getrauert hatte, und der sie jetzt, wo sic mit zwei verhungerten Kindern als Bettlerin heim­kehrte, empfing, als sei sie die Königin von Saba!

Sie ging auf ihn zu und drückte ihm die Hand.

Hab' Dank für alles, was Du uns gewesen bist, Thomas!"

Äch laß uns doch davon nicht reden! Jetzt wollen wir essen und eine gute heiße Tasse Kaffee trinken. Die Fahrt war verteufelt kalt!" sagte er, sich Sie Hände reibend.

Ein warmer BrateuLeruch drang ans der Küche herein, ivo Thomas Haushälterin in Qualm und Ranch stand und mit den Vorbereitungen zum Abendbrot beschäftigt war.

Als Helene gerade ein Tischtuch über den Tisch ge­breitet hatte, kam !der alte Müller mit einer großen, fettigen Laterne hereingestürzt, Nase und Ohren guckten zwischen einer Pelzmütze und dem anfgeschlageuen Kragen Heraus.

Aber nein. Da haben wir ja die ganze Gesell­schaft! Herr Du meines Lebens! Guten Abend, liebe, kleine Helene! Herzlich willkommen! Ach ja! Ach ja! Es kann noch alles alles ivieder gut werden!"

Der Bruder saß da und wünschte im stillen, daß er seine Lebensanschauungen nur möglichst schnell zum besten geben möge, aber merkwürdigerweise behielt er sie diesmal für sich, obwohl er noch treulich daran festhielt.

Und da haben wir ja das kleine Fräulein! Nee, so ein großes Mädchen! Soll ich Dir einmal die kleine Nase putzen, mein Lamin? Ja, ja, wir werden uns schon cm- frennden! Und Du, großer Bursche da! Komm mal her, wollen doch mal sehen, ob Du mich wohl unterkriegen kannst! Aber kein Bein setzen, sag' ich Dir!"

Der Knabe kam der Aufforderung sogleich nach und ging so keck auf die alten sechsundachtzigjährigen Knochen los, daß Helene sich schließlich dazwischen werfen mußte, um die Laterne zu retten, die auf einem Schemel stand und in tödlicher Angst erbebte.

Ja, warte nur, mein Freund", tröstete der Alte. Marte Du nur! Ich will Dich schon kriegen!"

Die Kinder verschlangen das Essen wie gierige kleine Raubvögel, mit dem Ausdruck des Heißhungers überflogen die Augen den Tisch.

Helene selber nicht viel, aber die- warmen, guten .Speisen thaten ihr doch unendlich wohl.

Warm und wohlig lehnte sie sich ins Sopha zurück und schaute ihre Kinder an, die vor Wohlsein strahlten. Als sie im selben Augenblick den starken Duft des Kaffees roch und den heißen Dampf in die Höhe steigen sah, hatte sie einen Augenblick ein Gefühl, als umflattere sie eine Schar milder Hausgeister und gelobe ihr für die Zukunft alle mögliche Gemütlichkeit und Sicherheit. Im selben Augenblick aber verscheuchte diese friedliche Stimmung der

Gedanke an ein frisch geschaufeltes Grab', Mer dem tiefe Finsternis ruhte und das der Sturmwind eisig umsauste. Da zuckte ihr ein schneidender Schmerz durchs Herz und! dre Thränen, die sie so lange zurückgehalten hatte, brachen! gewaltsam hervor.

Der alte Müller und der Knabe hatten so viel ver­wandte Züge gefunden in Beziehung auf Laune und Lebens­anschauung, daß sich vom ersten Abend an eine innige Freundschaft zwischen ihnen entwickelt hatte.

Die Hand des Kleinen war wie festgeleimt in der des Alten, vom frühen Morgen bis zum Abend. Bald waren sie zusammen int Garten oder in der Bäckerei, bald schweiften sie durch Moor und Wald, sich Über alles mögliche unter Himmel und Erde unterhaltend.

Zuerst wußte der kleine Bursche nicht so recht, wie er seinen neuen Gefährten nennen sollte, denn es wollte ihm gar nicht in den Kopf, daß dieser gute Alte von Thomas Vater", vom GroßvaterRasmus" und von der Mutter Onkel" genannt wurde, während ihn alle anderen Menschen Rabe" anredeten. Da aber der Name Rasmus am kame­radschaftlichsten klang, wählte der Knabe diesen zu unsäg­licher Belustigung des Alten, der diese Anrede sehr passend! fiir das Verhältnis fand, in dem sie zu einander standen, als erprobte Freunde und Altersgenossen.

Nenne Du mich nur Rasmus, mein Junge das darfst Du gern thun!"

Nein, wie darfst Du wohl Großvaters Bruder so an­reden", schalt Helene.Du mußt ihn Onkel nennen!"

Aber der Knabe hatte sich nun einmal daran gewöhnt, Rasmus zu sagen, und dabei blieb es.

Oft, wenn sie zusammen int Felde nmhergingen, fern von lauernden Ohren, füllte der alte, schlaue Politiker das kleine unschuldige Kinderherz mit demokratischen Scheuß^ Weiten an, die den Knaben allmählich ganz für seine Partei warben. Als aber der Redakteur eines Tages durch ein offen stehendes Fenster die WörterOberst Tscherning" aufgefangen hatte und infolgedessen seinem Bruder beinahe an den Kopf gesprungen wäre, da mußte sich Helene ins Mittel legen und den alten Aufrührer bitten, seine Politik für sich zu behalten. Ob diese Bitte fruchtete, darüber war ste sich nicht so recht klar, wenigstens bemerkte sie sehr wohl, wie der Alte jedesmal, wenn sich der Kleine in der Nähe des Großvaters aufhielt, mit der Unruhe eines böten Gewissens zu den beiden hinüberschielte.

Beinahe jeden Abend kam der Alte hinüber, um den Kleinen auszuziehen.

Kratz mich, Rasmus", sagte dieser eines Abends in befehlendem Tone zu ihm, seinen Rücken zu einem Bogen krümmend.

Ich soll Dich kratzen? Ja, ivo soll ich Dich kratzen, mein Junge.

Das mußt Du doch selber am besten wissen! Du sollst jetzt kratzen."

Aehnliche kleine Szenen kamen den ganzen Tag hin­durch vor zur größten Belustigung des Alten.

Der alte Redakteur seinerseits hatte jetzt so einiger­maßen Frieden mit dem Leben geschlossen, denn die für­sorgliche Liebe der Tochter machte ihm das Dasein an­genehm.

Bleib nur liegen, bis das Zimmer ordentlich warm ist! Jetzt bring' ich Dir gleich eine warme Tasse Kaffee! Soll ich Dir eine Pfeife stopfen? Willst Du nicht im Korbstnhl sitzen? Hier ist ein Kissen."

So ging es mit stiller Herzlichkeit den ganzen Tag hindurch.

Sonderbar aber war es, daß er von Tag zu Tag schwächer wurde; es schien, als löse ihn die milde Luft auf, die ihn umgab. _ Die bitteren Kräuter des Lebens hatten bis dahin auf seine inneren Teile gewirkt wie eine Art Gewürz, das ihn frisch hielt; jetzt aber, wo die Wärme kam, und keine herben Kräuter mehr aufzutreiben waren, fiel er zusammen und schien sich nach dem Sarge zu sehnen.

Helene wirkte auf ihre stille Weise. Es waren nur wenige Tage vergangen, als sie sich schon wieder heimisch in Ostholmstrnp fühlte, und im Laufe der Wochen fand sie sich wieder ganz in die alten Verhältnisse im Mühlhofe, wo sie die Wirtschaft bald wieder unter ihr festes Regiment brachte.

Aber ihre Kräfte erschlafften, sodaß sie oft ihre Arbeit in Küche und Keller unterbrechen und sich hinsetzen mußte, wo sie gerade ging und stand.