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dort, eine mittelgroße Gestalt mit nervösem Gefichtsansdruck, genial nach! hinten geworfenem Haar und einem goldenen Klemmer auf der Nase. Geläufig floß feine Rede dahin, während er sich unruhig hin- und herwiegte und mit den knochigen Händen viele überflüssige Gesten machte. Zuweilen begleitete er seine Worte mit Tonen auf dem Eleltrophon, die er zu erstaunlicher Kraft anschwellen ließ, sodaß man vermeinte, die brausenden Klänge einer Orgel zu hören.
„Tie Töne lassen sich nach Belieben halten", hob er hervor, „und vom Piano zum Fortissimo steigern. Tas ist ein außerordentlicher Vorteil gegenüber der bisherigen Klaviatur mit Hammerwerk, bei der das Halten der Töne nur von beschränkter Tauer ist und ein Anschwellen zur Unmöglichkeit gehört." 1 ■
Während er sich in weitere Auseinandersetzungen vertiefte, wandte er den Kopf zu den Logen empor, sodaß ihm Tatiana voll ins Gesicht sehen konnte. Sie setzte ihr Glas an die Augen und stutzte — die Physiognomie Ilja Popows war ihr nicht fremd. Sie hatte diese Züge schon gesehen- ab-r sie wußte nicht wo und bei welcher Gelegenheit; eifrig verglich sie jene, des Redners mit denen Milica Popows- ohne eine Aehnlichkeit zwischen ihnen entdecken zu können. „Man sollte nicht glauben, daß sie Geschwister sind", dachte sie, ,chenn sie gleichen sich nicht im mindesten." Sinnend senkte sie das Glas, und rastlos ließ sie alle Menschen an sich! vorübergleiten, mit denen sie in den letzten Jahren verkehrt hatte, aber Ilja Popow befand sich; nicht unter innert. „Und doch kenne ich ihn", betonte sie, während sie wieder ihr Glas vor die Augen nahm und ihn aufmerksam musterte, „er ist mir schon in meinem Leben begegnet."
Von dem Redner schweifte ihr Blick zu Timitry Kalussoff, der ebenso wie Milieu aufmerksam dem Vorträge olgte, aber von Zeit zu Zeit verstohlen zu seiner Nachs- barcn hinsay u:rd sich an ihrer Schönheit zu begeistern Men. Hinter beiden nahm sie einen Herrn wahr, der chr gleichfalls bekannt dünkte. „Wenn es nicht Wahnsinn wäre", schpß es ihr durch den Kopf, „möchte ich behaupten, daß er der dreiste Kellner aus dem Hotel ist." Trotz ihres! Unglücks mußte sie über den regen Flug ihrer Phantasie lächeln. „Unsinn", widerlegte sie sich, „wie soll der Mensch hierher klommen!" Sie suchte mit dem Glase weiter und gelangte zur Säule, an der vor der Pause der Water gestanden hatte. Eine Täuschung wär ausgeschlossen — er befand sich wieder an derselben Stelle, und ihm zur Seite sah sie einen andern, den sie gleichfalls kannte, Konstantin Simonowsffh, der sie bei ihrer Ankunft in Moskau am Bahnhofe erwartet hatte.
Bleich und verstört starrte Jefim Godunow aus den Redner, der jetzt mit hohen: Pathos die Fortschritte der modernen Naturwissenschaften und insbesondere der elektrischen Wissenschaften pries. Aber lange hörte Jefim Godunow die Rede nicht an — er schier: sich nur mit Mühe aufrecht zu halten und verließ bald am Arme des alten Freundes den Saal.
Wie entsetzlich leidend der Vater aussah! Wie sich im Ausdruck seiuer Züge der Grain zu erkennen gab, wie seine Haltung gebeugt und sein Auge getrübt war! Und diesen Mann, der so schwer um seines mißratenen Sohnes willen litt, dem der, Schmerz das Herz zernagte und die Jahre kürzte, hatte sie, die eigene Tochter, noch zu reizen und zu kränken vermocht? Tie Schwingen der Reue berührten sie, und unter ihrem Flügelschlage fand sie den Vater, entkleidet aller Schwachen, wieder.
Ilja Popoiv war unter dem lebhaften Beifall des Publikums schwungvoll zum Schluß seiner Rede gelangt, in- den: er dem Nationalstolz ein Kompliment machte und das unwiderstehliche Vordringen des Slaventums auch aus den Gebieten von Wissenschaft und Technik konstatiert hatte. Befriedigt von der Anerkennung, die er gefunden, gestattete er sich die Aufforderung an die Versammelten, zum Podium heranzutreten, UM die Konstruktion des- Instruments näher in Augenschein zu nehmen unb Fragen zu stellen, zu deren Beantwortung er sofort bereit sei.
Tie feierliche Stille war einem summenden Geräusch gewichen; man tauschte Ansichten über den Vortrag und das Instrument aus und suchte, langsam nacfj dem Podium vorzudringen.
Auch eine breite, kräftige Gestalt- die sich vorher imj Hintergründe des Saales gehalten hätte, strebte in die Nähe des JnstrumentA und des Erfinders zu gelangen.
„Boris Mi'irvfanowitsch!" klang e§ überrascht Aus W- tianas Munde.
Als ob die Gestalt da unten den leisen Ruf gehört, hob sie ihr Haupt flüchtig zur Loge empor, und über ihre Züge flog ein Lächeln- wie in Freude über das unverhoffte Wiedersehen.
Vor dem Podium und nur wenige Schnitte von Ilja Popow entfernt, hielt Boris Mitrofanowitsch an.
Was spielte sich ab?! Tatiana zuckte zusammen. Sie sah, wie unter dem drohenden Blick des Rheders Ilja! Popow blaß wie eine Leiche wurde, tote er seine Augen entsetzt aufriß, als sei urplötzlich ein Gespenst aufgetaucht, wie seine Kniee schlotterten, und wie er sich gegen den Flügel stützen mußte, um nicht umzusinken. Zugleich vernahm sie Boris Mitrofanowitschs sonore Stimme, die, um Gehör bittend, das Summen und Brausen kräftig übertönte.
„Ter Herr Erfinder", hörte sie ihn, nachdem Stille eingetreten war, mit schneidender Ironie sagen, „hat gestattet, Fragen bezüglich des Instruments an ihn zu stellen. Meine Frage geht dahin: Rührt die Erfindung wirklich von ihm her?"
Was sollte das heißen?! Auf Aller Mienen lag das höchste Staunen. War man düpiert worden? Lautlos und gespannt hingen die Blicke des gesamten Publikums an Ilia Popol in Erwartung einer gebührenden Entgegnung.
Aber Ilja Popoiv war wie erstarrt.
Zu Stein schien auch! Milieu Popow verwandelt zu seinwährend Timitry Kalussoff mit aschfahlem Gesicht nervös aufgesprungen war.
T-ce Versammlung geriet in Erregung. „Antworten! Antworten!" tönte es drohend.
Ter Mann auf dem Podium rührte sich; noch immer nicht.
„Sie sehen. Meine berechtigte Frage bleibt unbeantwortet", fuhr Boris Mitrofanowitsch erbarmungslos fort »So habe ich; nur noch zu erklären, daß der Herr die geniale Erfindung eines Ausländers, die dieser in Ruß^ land zu patentieren versäumte, fälschlicherweise für seine eigene ausgegeben hat. Ich; habe das Patentjournal des betreffenden ausländischen Staates im Foyer des Hauses niedergelegt, um jedermann zu beiveisen, daß die Veröffent- lichung der Erfindung schon vor einigen Jahren erfolgt ist. Ter Erfinder ist mir persönlich bekannt. Im übrigen bürge ich Boris Mitrofanowitsch Lyschnin aus Odessa, für die Wahrheit der von mir ausgestellten Behauptung mit meinem Ehrenworte!"
Etwas Ueberzeugendes lag in diesen ernst und fest gesprochenen Worten, unter denen sich jeder beugte.
Auf der Versammlung lag Totenstille — es war, als laste auf jedem der Anwesenden ein Alp, den nur der Angeschuldigte durch eine energische Abweisung der niederschmetternden Anklage zu lösen vermöge.
Und wirklich;, in die Gestalt auf dem Podium kam iviedev Leben; sie reckte sich; empor, sie streckte wie zur Beschwörung des drohenden Sturmes pathetisch! die Rechte aus und schmet-. terte mit scharfer Stimme in den Saal hinein: „Es ist der elende Streit eines Neiders, den idji verachte."
Tumult erhob sich Hunderte von Stimmen drangen durch einander. Zischen und Bravorufen kämpften um die Wette, das Dosen wuchs — die Erregung stieg zu ihrem Höhepunkte. Zahlreiche Herren drängten nach vorwärts, die Tanten beugten sich; weit aus den Logen, Timitry Kalussoff bot, wie Tatiana bemerkte, Milica Popow ostentativ den Arm und führte sie hinaus, Boris Mitrofanowitsch aber sprang mit einem Satze auf das Podium und rief, während seine Hand auf den zum Künstlerzimmer zurückweichenden Gegner wies, mit Stentorstimme: „Sehen Sie den Schwindler und Abenteurer, der, wie man mir versichert hat, sogar einen falschen Namen trägt!"
Ein markerschütternder Schrei gellte durch das Dosen; er kam von oben und bebte durch den ganzen Saal. Wer Augen richteten sich entsetzt -hinauf — langsam glitt eine elegante, jugendschöne Frauengestalt von der Logenbrüstung kraftlos in die ausgebreiteten Arme einer älteren Tante.....
Während es unten wie in einem !Vulkan in wilder! Erregung tobte und nicht zur Ruhe kommen wollte, verstrichen in der Loge Minuten in banger Sorge. Regungslos ruhte Tatiana Godunoiv in tiefer Ohnmacht in einem Sessel. Eine furchtbare Aufklärung 'war ihr geworden, unter deren Wucht sie widerstandslos zusammengebrochen war.


