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1902. — Nr. 193.
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(Nachdruck verboten.)
Kinder des Ostens.
Original-Roman von Georg Buß.
(Fortsetzung.)
Ein Glockeiizeich.en — und tiefe Stille trat ein. Mer Mugen richteten sich nach der kleinen Thür in der Nähe des Podiums. Ms der Schnelle erschien eine hoste, stolze Frauengestalt, und durch das Haus flüsterte es in Erregung: -Milica. Popow!" Timitry Kalussoff war der Erste, der Beifall klatschte und hiermit das Zeichen zu einer lärmenden Begrüßung gab, für welche die Künstlerin mit Lächeln und graziösem Verneigen dankte.
Ja, Milica Popow war schön — hinreißend schön! Ta- tiana luußte es gestehen, obwohl ihr Herz blutete. Etwas Kühnes und Beherrschendes, das Unterwerfung forderte, lag in der Erscheinung dieser Frau. Wer in den Zügen prägte sich auch etwas Kultes) Hartes und Grausames aus, das selbst durch das freundlichste Lächeln nicht gemildert Würde.
Irgend welchen Pomp hatte Milica Popow an ihrer Toilette verschmäht, denn ihre goldbraune Seidenrobe war ohne jeden Schmuck geblieben. Wer dieses Goldbraun leuchtete und schimmerte bei jeder Bewegung der Gestalt wie das Kostüm einer Serpentintänzerin seltsam auf, als vb sich eine Glorie zur .Verherrlichung der Schönheit bilden solle. —
Tie schlanken weißen Finger schwebten über den Tasten Und griffen kräftig hinein — das Konzert statte begonnen.
Töne von süßem Wohlklange zogen dastin, von zartestem Pianissimo zum machtvollsten Fortissimo anschwellend, sich verschlingend zu einem brausenden Gewdge und ausströmend zu rythmischen Figuren von edelstem Bau. Feierlich und ergreifend fluteten die Klänge aus Händels Messias in die Herzen der Hörer, sodaß sichi in andachtsvollem Schweigen jedes Haupt beugte und man kaum zu atmen wagte.
Milica Popow spielte gut, und Schischkin war geneigt, ihr im Stillen Wbitte zu leisten.
Als das Finale verklungen war Und der Bann, der jeden umfing, sich gelöst hatte, tobte der Beifall, und drohte er zu erlahmen, so ließ ihn Timitry Kalussoff wieder empor- flammen. Unaufhörlich mußte sich Milica Popow verneigen, während funkelnde Augen ihre Gestalt umfaßten und sie nicht losließen.
Oh, Datiana verfolgte alles, jede Bewegung, jede Miene, jeden Blick des Mannes- der da unten der Künstlerin mit heißblütiger Leidenschaft huldigte, und je mehr sie beobachtete, um so Unerbittlicher wandelte sich ihr Empfinden für ihn zu starrer Kälte.
„Sie hält sichj tadellos und verdient Betvunderung, denn es gehört Energie dazu, solchen Schmerz zu überwinden".
dachte Madame Praksin, während sie unbemerkt neugierig« Blicke auf Datiana warf.
Tas Konzert nahm seinen Fortgang, aber der Beifall wurde spärlicher, besonders als Milica Popow ihre eigenen Kompositionen zu Gehör brachte. Timitry Kalussvffs Am strengungen als Claqueur hatten immer weniger Erfolg, sodaß sein seltsames' Gebahren um so auffälliger wurde. Nur bei der letzten Nummer, einer beliebten Schöpfung Tschaikowskys, erreichte der Beifall wieder die frühere Hösts; die Künstlerin hatte mit dem Vorträge dieser Komposition und jener aus Händels Messias ihr Bestes geboten. Unter tiefem Verneigen verließ sie das Podium, während ihr die Blicke Datianas Mit dem Ausdrucke glühenden Hasses folgten.
Eine Pause trat ein. Geräuschvoll drängte das Publikum zum Foyer.
„Sehen Sie Timitry Kalussoff?" wandte sich Madame am mit flüsternder Stimme an Tatiana. „Er ver- ht das Foyer und wendet sich; dem Künstlerzimmer zu, indem' er sogleich verschwinden wird."
Wer Madame Praksin erhielt keine Antwort; Datiana hatte sich plötzlich über die Brüstung der Lage gelehnt, UM Mit gespannten Blicken einen alten Herrn zu beobachten) der eben hinter einer Säule hervorgetreten war — Jefim Godunow!
„Seltsam, Papa in einem Konzert", murmelte Datiana überrascht. „Was Mag ihn hergetrieben haben?" IN sorgen-, voller Unruhe suchte sie nach den Gründen für sein Erscheinen, das um so merktvürdiger war, als Jefim Musik und Theater für die überflüssigsten Tinge der Welt hielt.
Tie Pause war zu Ende. Dias Publikum strömte zu seinen Plätzen zurück, Um den Wortrag Ilja Popows über das Instrument zu hören. Auf der Schwelle der kleinen Thür erschien wieder Milica Popow, gefolgt von einigen Herren, unter ihnen auch; Timitry Kalussoff. Sie ließ sich auf dem reservierten Sessel neben Kalussoff nieder, der eifrig mit ihr plauderte und sichi in Aufmerksamkeiten er-, schöpfte. Tie Augen ihres Nachbars schienen noch eine be- sondere Sprache zu reden, denn jeder Blick war so feurig und ausdrucksvoll, wie wenn er sagen wollte: „Ich liebe Dich!"
„Ja, der Traum ist zerronnen", flüsterte Datumä, Sie wandte den Blick und saß gedankenvoll da. Frohe Hoffnungen waren vernichtet, der Reiz des Daseins war zerstört, vor ihr lag eine trostlose Nacht. Ihre Augen schimmerten) als vb ihnen Dhränen entrollen wollten, und gegen ihr laut klopfendes Herz mußte sie die Hand pressen. Wer die Schwäche wich. Ihre Seele erwachte aus dusterer Traurigkeit, aus zagendem Kleinmut und dumpfem Zorn zu freudige Stolze. „Fahre wohl, Timitry Kalussoff"- redeten ihre Gedanken, „wir sind für ewig geschieden! •
In die tiefe Stille drang die Stimme eines Bortragem den. Datiana fuhr empor und richtete ihre Blicke imcder zum Podium. Ein Mann in der Mitte der Dreißiger stand


