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„In welcher Nacht? In der Ihr Bruder Wladimir starb?"
„Husch, Clarita! Lassen Sie uns nicht davon reden!"
„Aber Feodor, seien Sie doch nicht kindisch. Gewiß ist's traurig, daß Ihr Bruder so rasch in der Blüte seines Lebens dahin starb, warum Sie jedoch nicht daran denken, nicht davon reden wollen, das ist —"
„O, Clarita — Sie wissen nicht alles, verteidigte sich Feodor. Wenn Sie es wüßten, was hier geschehen — dort, ein paar Stuben tiefer in dem stillen, düsteren Flur, Sie würden sich erschrecken."
„Ich bin nicht so furchtsam. Erzählen Sie nur mutig das Schrecklichste!"
„Ich darf nicht, es ist mir verboten — und doch", fügte der Knabe plötzlich, da Clarita schwieg und ihn nur forschend ansah, schwankend bei, „ich möchte es Ihnen gern sagen, amiga; denn ich denke oft und viel daran und darf nimmer bei Madame davon reden- Es bedrückt mir manchmal die Seele. Ich habe Alexis so geliebt. Sehen Sie dort unten im Gange, da liegen seine Zimmer, und hier — hier wohnte der arme Wladimir!"
Tes Knaben Hand zitterte; er konnte die Zimmerthüre nicht erschließen, Clarita that es statt seiner. Sie traten in ein großes, Halbdunkeles Gemach- Etwas wie Moderluft wehte ihnen entgegen; denn darinnen waren die Fenster, die in dem einstigen Kinderzimmer geöffnet gewesen, wie hermetisch verschlossen und die Vorhänge fest zugezogen. Es mochte seit langer Zeit niemand mehr diesen Raum betreten haben. Dumpf war es darin und Staub lag ringsumher in dichten Schichten. Die Möbel erschienen wie von einem grauen Schleier umzogen; abgesehen davon, war die Einrichtung zwar ält, aber nicht ohne Geschmack. Eine geschickte Hand, ein gebildeter Geist verriet sich darin-
Clarita war rasch eingetreten; impulsiv schritt sie ans Fenster und zog die Vorhänge sachte etwas zurück.
Licht strömte herein und ließ unwillkürlich die beiden in der graüesstillen Stube ausatmeu- Trotz seiner Beklemmung schaute Feodor sich neugierig um- „Es ist nichts verändert", sagte er leise, „alles noch ebenso, wie ich es zuletzt gesehen!" „Da sind auch die Bücher alle!" setzte er freudig hinzu, indes er zu einem großen Bücherschrank eilte, der eine halbe Wandfläche ausfüllte. Neugierig stöberte er darin umher-
Seine Gefährtin achtete diesmal nicht auf ihn, durch das einfallende Licht war ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Gegenstand gelenkt worden, auf ein großes Bild, das iiber dem Diwan hing-
Es war das Portrait einer schönen, ernsten Frau mit leidenden Gesichtszügen und großen, sprechenden Augen. Dieselben schienen einen überall hier zu verfolgen. Förmlich ergriffen davon, ries Clarita hastig:
„Feodor — wer ist das? Ich meine die Dame auf dem Bilde?"
Ter Knabe sah auf. „Das ist Wladimirs und Alexis Mutter!" i
„Ah! ich dachte es mir, und dies" — o wie ähnlich ist es noch — hätte sie beinahe ausgerusen — doch faßte sie sich noch rechtzeitig und ergänzte: „dies, die beiden Knaben, das sind Ihre Brüder als Kinder, nicht wahr, Freund?"
Sie war dabei rasch einem kleinen Bilde, das unter dem großen Portrait hing, nahe getreten und betrachtete mit heißen Blicken die zwei hübschen Knaben, von denen der kleinste, ein reizender Blondkopf, stolz auf einem Schaukelpferd saß und das linke Aermchen um den Nacken des Bruders geschlungen hielt, der gleich einem treuen Wächter neben ihm stand- Dessen ernstes, von schwarzem Haar umwalltes Gesichtchen zeigte den gleichen, fast melancholischen Ausdruck, wie das schöne, stille Antlitz seiner Mutter.
„Das ist wohl Wladimir?" fragte Clarita leise; denn ihre Stimme zitterte, und Thränen, heiße Thränen füllten ihre Augen. *
„Ja — es ist Wladimir und der Blondkopf Alexis, aber — was ist Ihnen, Clarita, Sie weinen?"
Ja, sie konnte ihren Thränen nicht länger wehren, mühsam dieselben zurückdrängend, sagte sie nur mit Anstrengung: „Mich ergreift das Schicksal Ihrer beiden Brüder, dieser fröhlichen Knaben, die beide, wie Sie sagen, so frühe dahin starben!"
„Und wenn Sie erst wüßten — wie! Clarita", sagt« der Knabe leise; „kein Wunder, daß die Leute im Haus diese Stätte meiden- Ich glaube, sie alle fürchten sich hier
einzutreten; denn sehen Sie dort — nicht in dem Schlafkabinett— dort auf dem Divan fand man Wladimir —“• „Tot?" ergänzte fragend Clarita, da der Sprecher stockte.
„Ermordet!" flüsterte der Knabe, sich ängstlich an die Gefährtin anschmiegend.
In dem Moment lvankten dieser die Kniee, sie mußte sich niederfetzen, nach Atem ringen, ehe sie zu wiederholen! vermochte: „Ermordet? Durch wen?"
„O, Clarita, ich — ich weiß es nicht."
„Feodor, Sie wissen es nicht? Hat man den Mörder denn nicht entdeckt? Auf wen fiel der Verdacht?"
„Auf einen, der entfloh?"
„Und man lieh ihn entfliehen?"
„Ja, Clarita, man ließ ihn entfliehen; denn — o, das ist das Schrecklichste — es war Alexis!"
„Was? Alexis sollte zum Kain geworden sein, seinen Bruder ermordet haben? Und Sie, Feodor, der Sie Wexis lieben — Sie glauben das?"
„Ich muß es wohl", schluchzte Feodor auf, sich gegen den kleinen Sessel lehnend, auf den Clarita sich niederfetzte.;
In dem stillen Totengemach waren die beiden allein, eintönig klatschte der Regen draußen in das grüne Gezweig der Bäume nieder, deren Wipfel leise klagend sich vor den Fenstern hin und her bewegten. Feodor erschauerte in sich vor namenloser Beänstigung- Clarita suchte ihn zu trösten. „Ihr Bruder Alexis mag dennoch unschuldig sein, andere Gründe mögen ihn zu einer schnellen Abreise bewogen haben; er kann feinen Bruder nicht ermordet haben."
„Nicht mit Absicht, mit Vorbedacht! gewiß nichf, aber — Alexis konnte so heftig sein und Wladimir so bittere! Worte gebrauchen. Jedenfalls hatten sie an dem Abend vor Wladimirs Tod, wie die Diener gehört, einen Wort-, wechsel miteinander gehabt, freilich in fremder Sprache, aber in zornigem, hastigem Ton- Vielleicht hat Wladimir ihn da gereizt, ihn durch ein böses Wort toll gemacht —: und er im Zorn nicht wissend, was er that, stieß dafür dem Unglücklichen den Dolch in die Brust; denn so wurde! Wladimir hier gefunden. — IN der Wunde stak noch der Dolch, eine Art spanisches Stilet, das Kyrill, -der Diener,- wenige Stunden vorher noch unter Alexis Effekten bemerkt«' Das lenkte den ersten Verdacht auf Alexis, der allein! noch spät am Wend bei Wladimir gewesen. Niemand sonst hatte nach ihm die Stube mehr betreten — bis Mama den Ermordeten fand."
(Fortsetzung folgt.)
Mekchens Maskenball.
Novelette von Luise Glaß.
(Nachdruck verboten.)
„Nee! sägte der Schuhrnächiermeister Klengel, nee! Mas^ kenbAle leid ich nich."
Eigentlich redete der alte Klengel jetzt ein höchst gebildetes Hochdeutsch!; er konnte sich's leisten, hatte 10 Gesellen sitzen, und kam von Stiesel zu Stiefel mehr in Ruf und Mode.
An seinem Hochdeutsch konnte man ihm vielleicht etwas abhandeln, wenn er aber „Nee!" sagte, dann klang's wie! ein scharfer Schaß: der saß und traf und war nicht ungeschehen zu machen.
Trotzdem versuchte das hübsche Riekchen das Unmögliche. Sie stand in der Werkstatt, deren Hämmern und Pochen sie eben jetzt bitter ärgerte, weil alle Gesellen dasaßen und zuhörten. Natürlich hörten sie zu; sowie die hübsche Meisterstochter in die Werkstatt kam, flogen 20 Gesellen- und 6 Lehrjungenaugen hinter ihr drein, bis das Riekchen hinter die Tapetenwand huschte, die des Vaters Zuschneidetisch von der allgemeinen Werkstatt trennte. Wav der letzte Zipfel ihrer blauen Schürze verschwunden, sv wandten sich die 26 Augen wieder Leisten, .Hammer, Ahlen und Oertern zu, und statt ihrer legten sich 26 Ohren auf Kundschaft.
Trotzdem tippte Riekchen den Vater leise an die Schulter,- und sagte: „Ach-, Vater! wo ich! doch! die Eintrittskarte; geschenkt krieg'! — Eingeladen, Vater! — Guck mal, so fein! Goldschnitt und einen hübschen Kasper drauf! und bei den Studenten! — Zehn Bekannte gönnen mir's kein bißchen!"-
„Erseht recht nich!"
„Hu, das Deutsch! dachte Riekchen, laut aber sagte frer „Vater! und drüben das Röschen von TijWer Werners hat auch eine! und die darf!!"


