Nr. 21.

1902.

I sj

f in guter Ruf ist wie ein stattlich Haust

Das baut sich, Stein um Stein, allmählich anZ.

Doch mit gewissenloser Hand

Jni Nu steckt es ein Lump in Brand.

Heinrich Lenthold.

(Nachdruck verboten.)

Verschollen.

Original-Erzählung von M. Lndolff-

(Fortsetzung.)

Freundlich blickte Clarita ihren jungen Freund an- Fürchten auch Sie sich, Feodor Iwanowitsch? Glauben auch Sie an die Gespenster, womit der Aberglaube der Dienerschaft den alten Bau bevölkert?"

Scheu, verlegen wich Feodor Claritas Blick aus, indes er fest flüsterte:Dort ist Wladimir gestorben! O Clarita, es war damals so schaurig. Seitdem sind in dem alten Bau alle Zimmer abgeschlossen, selbst Mama hat sie nie mehr betreten, und wissen Sie, Clarita, es ist auch der Grund, weshalb Mama alle Liebe für Ornatoffsko verloren hat- Die Erinnerung ist ti)r zu peinvoll; sie haßt das Gerede der Dienerschaft, und fie hat streng verboten, von dem Hausgeist zu sprechen. Die Leute thun's aber doch, und gestern noch erzählte der greife Jwaz, um Mitternacht durchwandre ein ruheloser Geist den alten Bau, er selbst habe zuweilen einen Hellen Schein gleich einem Irrlicht hinter den Fensteril hergleiten . sehn."

Aber Feodor, Sie werden doch auf solchen Aberglauben, von' dem die Leute hier scheint's überall erfüllt sind, keine Minute lang achten ? Sie sind ja bald ein Mann und wollten sich fürchten gleich einem unverständigen Kinde? Das sieht Ihnen nicht gleich. Lassen Sie uns sofort den Gang unternehmen, weder Sie noch ich fürchten den Hausgeist, oder doch?"

Clarita lachte bei der letzten Frage, und des Knaben Stirne überzog die Röte der Scham. Was ihn bislang scheu gemacht, floh vor Claritas ermutigenden Worten, und die in ihm schlummernde, knabenhafte Lust zum 'Abenteuerlichen gab schnell dem Vorschlag einen eigenen Reiz. Mit Clarita zusammen empfand er keine Furcht, und sobald nur einmal Neugierde und Lust zu dem Unternehmen bei ihm geweckt war, erschien es ihm selbst interessant-

Ja, Clarita", bestätigte er herzhaft,Ihre Idee ist gut: ich will Ihnen den alten Bau zeigen, doch erst muß ich dazu Taliana Petrowna die Schlüssel abschmeicheln."

Bringen Sie aber Taltana selbst nicht mit", bat Clarita;wir beide finden uns schon allein zurecht, wir brauchen niemanden dazu lassen wir auch die andern bei ihrem Spiel,"

Die andern ließen sich darin auch gar nicht ftörett, Lisavctta war zu rauschender Musik übergegangen, welche das Zwiegespräch int Nebenzimmer, sowie die Entfernung der beiden von dort unhörbar gemacht; während die Schach- spielenden gleichfalls tticht darauf geachtet hatten, mit solcher Zähigkeit kämpfte Madame Duflois gegen das drohende! Matt" an.

Flink erreichte Feodor die unteren, von der Diener­schaft bewohnten Räume- In ihrer eigenen Stube, woselbst alle den Haushalt dirigierenden Fäden ans- und wieder zusammen liefen, thronte Taliana im Vollbewußtsein ihrer Unentbehrlichkeit und Würde. Von der Wichtigkeit ihrer Person war niemand so überzeugt wie sie selbst; sogar ihr Manu nicht, der Gutsintendant- Er war kein zugänglicher Mann, eher mürrisch, jedenfalls sehr schweigsam- Seine Frau sprach deshalb für ihn mit, doch nur, was sie wollte. Sie gehörte zu den fingen Frauen, die sich selber nie ver­gessen. Sie verstand, ihre Leute zu behandeln, und selbst bet der stolzen Herrin Wera Sergewna hatte sie einen Stein im Brett. Die Barinitschi vertraute ihr ganz und überließ ihr völlig das Regiment über die zahlreiche Dienerschaft. So fühlte Taliana sich als Herrin int kleinen, als welche! sie natürlich auch ihre Liebhabereien besaß- Dazu gehörte vorab Besuch, mit dem sich nach Herzenslust schwatzen ließ. Auch heute hatte sie solch erwünschten Gast. Die Popadja,. des Popen Gattin, aus dem nächsten Dorfe hatte sie heim- gesucht, und die beiden Damen befanden sich bei schäumen­dem Bier und frischgebackenem Gebäck äußerst behaglich. Keine von ihnen verschmähte das beliebte Getränk, wobei die Unterhaltung über einen neuen Frauenkopfputz sich in vollem Fluß erhielt-

Diesem Umstande blieb es wohl zu danken, daß Claritas Wunsch Erfüllung fand und Feodor ohne Umstände zu den notwendigen Schlüsseln gelangte- Taliana horte weder ihn noch sein Begehren, da Duina, eine flinke, junge! Dienerin sich leicht von dem jungen Bärin bereden ließ- ihm das Gewünschte auszuhändigen. Er war ja der Bärin, und wenn er die. Schlüssel verlangte, konnte selbst Taliana! Petrowna sie ihm nicht verweigern- Davon überzeugt, ber­eifte sich die leichtfüßige Duina, gefällig zu sein, und Feodor nickte ihr gnädig zu, indes er behende davon sprang- In innerer Erregung erwartete ihn Clarita; nun schritten die beiden leise miteinander plaudernd den langen Gang nach! dem alten Bau hin- Um in dessen erstes Stockwerk zu gelangen, mußten sie einige Treppenstufen hinabsteigen- welche die Vermittlung mit dem neueren, höher gebauten! Hause bildeten- Sowie sie die Stufen passiert hatten, sahen! sie sich aufs neue in einem langen und zwar düsteren Gang^ Solche Totenstille herrschte darin, daß es Feodor unheim­lich werden ntochte, seine Stimme sank wenigstens zum! Flüsterton herab, während er die erste Zimmerthür er­schließend, seiner Gefährtin erklärte:Sehen Sie, Clarita das hier tuar mein Kinderzimmer. Hier lag ich damals krank, alsnun ich meine in jener schrecklichen Nacht-"