Ratschlägen und Ermutigungen aus sie einsprach. Sie solle das Schicksal nicht so tragisch nehmen, da sei er oft schon in schlimmeren Situationen gewesen. Es käme gewöhnlich nicht so arg, wie man dächte, und wenn der Spießer, der Lehmigke, die Zähne zeigte, solle sie ihm sofort den Rücken kehren, und ihm telegraphieren, wann er sie wieder an der Bahn erwarten könne. Dann wollten sie das weitere überlegen. Vielleicht könne sie fürs erste ganz in Berlin bleiben, unter dem Vorwand, eine Stellung zu suchen, er habe einen Plan, einen ganz famosen Plan, ititb werde ihr das weitere dann mittetlen. Und Traute hat das Gefühl, als führe sie zu ihrem eigenen Begräbnis, als wäre sie bereits von Camill getrennt, wie der Sargdeckel den Toten von den Lebenden trennt.
Und wie sie von dem Wagenfenster des Eisenbahnzuges aus einen letzten Blick auf ihn wirft, wie er in dem goldenen Sonnennebel, der in die Halle flutet, langsam ihren Augen entschwindet, da weiß sie, daß sie ihn verloren hat.
Achtzehntes Kapitel.
Zu Fuß wandert Traute von der letzten Bahnstation Scherenberg ihrem Heimatsdvrfe zu. Sie vermeidet die Landstraße, und schlügt den Fußpfad über die Felder und Wiesen ein, den sie genau kennt. Hier kann sie höchstens einigen Arbeitern oder Kindern begegnen, und sie möchte heute keinem von alten Freunden und Standesgenossen ins Gesicht sehen.
Das Wiedersehen der alten Heimat ist zu bitter schwer! Schnellen, festen Trittes geht sie ihren Weg. Sie trägt den Kopf hoch, und beißt die Zähne zusammen, sie bleibt nicht stehen, sie sieht sich nicht um, sie sieht nur gerade vor sich hin, auf ihr Ziel. Sie bemüht sich, nichts zu denken, nichts zu fühlen, sie will keine Erinnerung auf- kommen lassen. Sie hätte am liebsten die Augen fest zugemacht, wenn sie ihren Weg blind gefunden hätte.
Wenn sie nur heute gerade nicht die alte Heimat wiederzusehen brauchte! So bettelarm, so schiffbrüchig, so totwund ist ihr das Herz in der Brust. Wenn sie nur diese Felder, diese Wege und Bäume nicht zu sehen brauchte, diese lieben, alten Bekannten und Freunde jener glücklichen Zeiten, als sie noch ein fröhliches, unwissendes Kind war, als sie noch nichts von der Not und Angst des Lebens wußte!
Wenn sie nur heute diese Lust nicht zu atmen brauchte, die sie so heimatlich und vertraut umweht, die so frisch und würdig aus den reifenden Feldern und feuchten Wiesen «mporstergt. Ach, sie kennt ihn so gut, diesen weichen, warmen Sommerwind, der aus den Fichtenwäldern über das Torfmoor streicht, sie kennt diese träumerisch dämmernden Sommerabende so gut, an denen es sich so herrlich unter den alten Kastanien im Brantikower Park spielen ließ, wenn man sich in der heißen Tagessonne müde gelaufen hatte, um Kornblumen in den Feldern und Kalmus und Vergißmeinnicht in den Mesen zwischen den Torf- tzräben zu suchen, um den Kuckuck im Walde zu fragen; »Kuckuck, wie lange lebe ich?" und betr alten Schäfer dort bei dem Ziehbrunnen auf der Trift zu besuchen, der so schön Flöten und Pfeifen aus Weidenzweigen schneiden konnte, und immer das Wetter für den nächsten Tag voraus wußte.
Sie kennt es noch so gut, das wonnige Heimats- gesühl, wenn man müde und staubig, mit Schätzen beladen, mit wilden, Blumen, Steinen, Schnecken, Beeren, Und anderem Spielzeug daherkam, die Dorfstraße herunter, und überall grüßten und nickten freundliche, wohlwollende Gesichter aus den Hütten und Häusern. „Herr- schasts Ander kommen!^ dieser Rus lockte die lärmende Schar der Dorstugend von ihrem Spielplatz herbei, und Manche Bauersfrau, manch einen Mann von ihrer Arbeit weg, um die schwielige Hand zum Gruß zu bieten oder eine frisch erblühte Blume, eine reife Frucht aus den kleinen Kohlgärten mit den hohen Lattenzäunen und den großen, gelben Sonnenblumen, die über sie weg guckten.
Ueberall Liebe und Ehrerbietung, überall gehegt, ge- »orgen und getragen von dem schützenden Heimatsgefühl I Ach, die alte Dorfstraße mst ihren Linden und Rüstern, mit dem großen Ententeich, und dem Backofen ! Und das Vaterhaus! Das alte, lieble Haus! Wie traulich grüßte das Lampenlicht aus seinen Fenstern, wenn man so mühe und hungrig tzeimkehrtet
Wenn sie eß nnv heute, nur Made Heute nicht
wiederzusehen brauchte! Traute hatte jetzt eine mit Birken, Fichten und Akazien bewaldete Anhöhe erreicht, und vor ihr im letzten Abendsonneuschein liegt ihr Heimatdorf, sind die Dächer, die Baumwipfel, die Storchnester auf den Scheunen, das ist alles noch wie damals, und doch gewahrt sie auf den ersten Blick manch große Veränderung., Nach dem Torf und Gutshof führen breite, chauffierte Straßen, wo es stüher Landwege mit tiefen Gleisen und Pfützenlöchern gab, am Eingang des Parkes ist ein prächtiges, gußeisernes Thor an Stelle des alten hölzernen, während ein stattliches Eisengitter Gehöft und Garten abschließt. Fabrikschornsteine ragen aus dem Hof empor, und dort in der Niederung, bei der Lehmgrube, die zu ihres Vaters Zeiten nur ein Schmutztümpel war, ist ein ganzer Komplex von Gebäuden und Fabriken entstanden, von denen ein Schienenstrang bis zur Chaussee führt.
Fremdartig wehte es Traute an. Sie fühlt auf den ersten Blick des Wiedersehens die große Veränderung heraus, die hier vor sich gegangen ist. Das ist nicht mehr die alte Heimat, eingesponnen in weltentlegenen Frieden, ein Nest für fromme Träume, goldene Illusionen und Märchen- ideale, nein, ein ftemder Geist hat hier die Herrschaft ergriffen, er hat den ganzen Zaubertraum ihrer Jugend wie alten Plunder ausgekehrt, und neue Götter auf die umgestürzten Throne gesetzt. Er hat jede Spur von dem Leben und Wirken ihrer Familie ausgelöscht, und vernichtet, und allem den eigenen machtvollen Stempel auf- gedrückt. Wie überall auf Erden Wahrheit über Täuschung sich in die höchsten, idealsten Lebensformen kleidet.
Schweren, müden Schrittes geht Traute weiter. Sie versucht auf Uniwegen den Park zu erreichen, dort will sie sich auf einen der entlegensten Plätzchen verbergen, bis es dunkler wird, damit sie unerkannt durch das Torf bis zu Graumanns gelangen kann.
Im einsamsten Teil des Parks, tief im Gebüsch sucht sie eine Bank und findet sie. Es ist zwar nicht mehr die alte, halb verfallene Birkenbank von damals, sondern selbst bis in diesen Winkel sind Intelligenz und Ordnungsliebe gedrungen. Selbst hier ist alles sauber und aufgeräumt, das wuchernde Gebüsch mit der Schere des Gärtners beschnitten, die Wege tadellos geharkt, und von Unkraut befreit, und unter dem alten Vogelbeerbaum steht eine moderne, elegante Gartenbau!. Aber das Plätzchen ist noch ebenso still und einsam wie früher. Ringsumher verschließt dichtes Gebüsch jeden Blick über die nächste Umgebung hin- aus, und Traute will heute nichts mehr sehen, sie stützt den Kopf in beide Hände, und hält die Augen zu.
Ihre Seelenangst steigt. Es ist ein Gedanke, ein ent- etzlicher Gedanke, der sich ihr aufdrängt, und gegen den ie ftch in Verzweiflung wehrt. Der'Gedanke, daß ihr ganzes Leben aus Sand gebaut war, der ihr jetzt unter >en Füßen verrinnt, und sie in einen bodenlosen Abgrund kürzen läßt. Auf den Flugsand der Täuschung und Jllu- ion. Und das Leben jenes Mannes, den sie so gering ge- chätzt hat, ist auf Granit gebaut. Aus den granitenen Untergrund realer, wahrer Begriffe und solider Arbeitskraft.
Es schadet nicht, daß diese Basis in den Staub und Schmutz der Werkeltagsmühe hineingerammt ist — auf ihr lassen sich Paläste mit den stolzesten Zinnen erbauen — und schon sieht Man hier die festen, unerschütterlichen Mauern sich türmen. Aber selbst die idealsten, herrlichsten Gebilde, die über allen Staub und Schmutz erhabenen Gebäude, die der Menschengeist ersinnen mag, müssen elendiglich als Luftschlösser zusammenstürzen, sobald dieser Untergrund ihnen fehlt.
Traute drückte die Hände fester aus die Augen, aber ihr ist, als hörte sie das Donnern und Krachen der zusammenbrechenden Mauern und schützenden Dächer ihrer Existenz, deren Schutt und Trümmer ihr erstickend auf die Seele fallen, und sie lebendig begraben. Ter Glaube an den Wert allen Strebens, aller Ziele ihres Lebens! bricht, der Glaube, das Rechte gethan und gewollt zu hüben, der Glaube an die Erzieher und Leiter ihrer Jugend, und an deren Urteilskraft und Fähigkeit. Der Glaube an ihre Eltern bricht, und der Glaube an ihre Liebe zu dem Manne ihrer Herzenswahl. Der Glaube am die ganze Richtschnur ihres Lebens. W ist ein entsetzlicher Zusammensturz, und um sie her em Trümmerhaufe und wüsteH ChaM Ihr Leben war müßige Spielerei mit schönen Ge- Wken, Und nie zu realisierenden, stets unwahrer» Dräu-


