Fritz sah sie mit einer Ueberlegenfjeit an, die sonst nicht seine Sache War. Er hatte heute entschieden seinen aufsässigen Tag. „Ich weiß nämlich aus zuverlässiger Quelle, daß Frau Tiefurt jeden Donnerstag bei einer Verwandten aus dem Lande zubringt — und heute ist Donners- tas", sagte er bedeutungsvoll.
'Die drei Damen wußten nicht, ob sie lachen oder sich ärgern sollten. Es war ja nett von dem Jungen, daß er diesen Ausweg aus der Klemme wählte, denn eine Klemme war's — die geschäftlichen Rücksichten geboten ihm am Ende wirklich diesen Besuch — andererseits verdroß es sie doch stark, daß ihr Fritzchen, welches sie zur Folgsamkeit gegen die Hüterinnen seiner häuslichen Penaten erzogen, diesmal ihrem ausdrücklichen Wunsch entgegen, seinen Willen durchsetzte. O, sie wußteu's recht gut,’wenn huch er in seiner Unschuld nichts davon ahnte, Warum sie sich der Bekanntschaft mit Frau Tiefurt Widersetzten. Sie war eine schöne junge Witwe, sehr schön sogar und mit Herrn Liebmann, in dessen Bankgeschäft Fritz Erland die Stelle eines zweiten Buchhalters bekleidete, nahe verwandt — der Fall aber, daß jemand eine Frau nahm, um rasch Garriere zu machen, ereignete sich durchaus nicht selten. Ihr Fritzchen aber sollte nicht heiraten, es paßte ihnen das ganz und gar nicht in ihrem Kram. Und wozu denn auch? Sie sorgten ja so liebevoll für ihn, kochten ihm seine Lieblingsgerichte und nahmen ihm sogar die Mühe ab, seine Kasse zu verwalten, also —---
Während sie noch so kummervoll über die bewußte Angelegenheit nachsannen, wanderte der liebe Fritz, vergnügt den Spazierstock in den unbehandschuhten Händen schwingend, der Straße zu, in der die verführerische Witwe wohnte. Bei ihrem Hause angeiangt, öffnete ihm auf sein Schellen eine zierliche kleine Zofe die Thür.
„Frau Tiefurt zu Hause?" fragte er.
Die Kleine überlegte. „Ich will nachsehen gehen", entgegnete sie und huschte fort.
„Seltsam", dachte Fritz. „Sie weiß nicht, daß ihre Gebieterin ausgesahren ist. Kaum glaublich!"
„Nach einigen Minuten erschien das Mädchen wieder. „Die gnädige Frau ist. nicht z-u Hause", verkündete sie bedauernd.
„So geben Sie ihr bei ihrer Rückkehr meine Karte ab."
Draußen atmete er erleichtert auf. Das war also glücklich erledigt. Er War doch ein kluger Junge? Solche schlauen Einfälle hätte nicht jeder.
Schmunzelnd blickte er nach Frau Tiefurts Fenstern empor. Wie hübsch die aussahen! Ganz mit Blumen und Blattpflanzen bestellt, und dahinter die Gardinen so duftig und blütenweiß, so — ja, aber um Himmelswillen, was War das? Spähte da nicht zwischen den Zweigen eines blühenden Rosenstocks ein glänzendes schwarzes Augenpaar hindurch und--Wahrhaftig, das war sie selbst,
die schöne Frau, das War ihr krauses Stirnhaar, ihr rosiges Gesicht mit den pikanten Zügen, die er schon neulich, als sie nach dem Kontor kam, um ihren Oheim zu sprechen, mit herzklopfender Bewunderung betrachtet.
Solch eine Unverschämtheit! Vorzugeben, daß sie nicht daheim war, während sie ganz gemütlich am Fenster saß! Eigentlich zeigte es von Nichtachtung gegen ihn. Denn, wenn ein hübscher, gut gestellter junger Mann bei einer Dame Besuch -macht, was zweifellos so viel heißt, als ob er ihr sagt, „ich wünsche Sie näher kennen zu lernen, meine gnädige Frau", so darf er doch erwarten, daß sie sich freut. Statt dessen ließ sie sich kurzweg vor ihm verleugnen! Warum nur in aller Welt? . Ob er ihr nickst gefiel? Ob sie nachteiliges über ihn gehört? Das war kaum auzu- uehmeu
In übelster Stimmung langte er zu Hause an. Der Tisch war schon zum Mittagsmahl gedeckt, und seine Damen, sowie die zehnjährige Lena, das Töchterchen seines früh verstorbenen Bruders, für das er nach dessen Tode die Sorge übernommen, saßen im Speisezimmer, seiner harrend.
„Nun —" begrüßte ihn Tante Blanche ironisch — „Dü siehst ja so verdrießlich aus. Du bedauerst es am Ende, für Deinen Besuch nicht einen Tag gewählt zu haben, an dem die schöne Frau Tiefurt zu Hause war?"
„Sie war zu Hause", entgegnete er mit schwerer Betonung.
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„So hast Du sie also doch gesprochen?" riefen die Damen, aufs peinlichste überrascht, einstimmig.
Fritz warf ihnen einen düsteren Blick zu. Einen Moment zögerte er noch bann aber brach die Empörung über die ihm widerfahrene Kränkung gewaltig hervor. Er erzählte ausführlich was ihm geschehen, und ergoß den ganzen Strom seiner sittlichen Entrüstung auf Frau Tiefurts schuldiges Haupt.
Seine Empfindungen fanden vollsten Widerhall bei den Damen. Die feindseligen Mienen, mit denen sie ihn empfangen, verwandelten sich blitzschnell ins Gegenteil. Da er die Strafe für feinen Ungehorsam ihnen gegenüber erhalten, wollten sie sich die gute Gelegenheit nicht entgehen lassen, mit ihrer liebevollen Teilnahme sein Herz zu rühren. Gar nicht genug thun konnte man sich in Schmähungen jener hochmütigen Frau, welche die Ehre, die Herr Fritz Erland ihr durch seinen Besuch erwiesen, nicht zu schätzen wußte. Fritz aber that das Mitgefühl seiner Anverwandten unendlich wohl, und immer mehr redete er sich in die Rolle des Beleidigten hinein.
„Wenn mir von je eine Redensart verhaßt gewesen", rief er erregt, so war’g( die — die gnädige Frau ist nicht zu Hause! Wenn ich einmal verheiratet bin, so werde ich meiner Frau nicht erlauben, sich, vor den Leuten, die sie besuchen wollen, zu verleugnen. Ist sie zu Hause, so muß sie sie auch empfangen — dafür werde ich sorgen."- „Sag’ mal, Onkel —" fragte hier Leuchen, die dem Gespräch aufmerksam zugehört hatte — „wenn FrtzU Tiefurt Dich nun angenommen hätte, würdest Du dann in Deiner Lodenjacke, mit dem alten Filzhut Besuch gemacht haben? Tas wäre doch! recht peinlich für Dich gewesen —"
„Gleich schweigst Du still, Du naseweises Ding", schrie Tanke Adelgunde zornig. „Willst Du Dich über Deinen Onkel lustig machen?"
„Aber Taute, so schilt doch das Kind nicht", fuhr Fritz, dem bei Leuchens Worten das Rot der Beschämung ins Gesicht gestiegen war, dazwischen. „Es denkt nicht daran, sich über mich lustig zu machen."
Nein, Leuchen dachte in der That nicht daran. Die großen Augen in dem holden Gesichtchen schauten ängstlich und erstaunt vom einen zum andern — sie hatte ihre Frage ganz ernsthaft aus reiner Wißbegier gethan und begriff nicht, warum die Taute so erzürnt war. Fritz aber fühlte sich tief betroffen. Dies Kind war die einzige unter ihnen allen, die erkannt hatte, daß es nicht nur Widersinnig von ihm gewesen, sich durch Frau Tiefurt beleidigt zu fühlen, sondern daß er ihr vielmehr zu Dank verpflichtet War, weil sie ihm eine verlegene und beschämende Lage erspart hatte.
„Du hast ganz recht, mein Liebling —" sagte er, sich zu der Kleinen niederbeugend und sie küssend — „es wäre wirklich peinlich für mich gewesen, wenn die Dame mich empfangen hätte. Ich werde auch niemals wieder ans Bequemlichkeit und Schwäche einen Besuch machen, wenn ich glaube, daß die, Welchen er gilt, nicht daheim sind."
„Und Frau Tiefurt hat es gewiß nicht böse gemeint", plauderte Leuchen eifrig weiter. „Sie hat Dich sehr gern, ich habe vorgestern gehört, wie sie mit dem Herrn, bet dem Du im Geschäft bist, über Dich sprach und —"
„Schweig und geh in die Kinderstube", ertönte Tante Adelgundes schrille Stimme.
„Also, was hat sie über mich gesprochen?" forschte Fritz, ohne die Unterbrechung zu beachten.
„Sie lobte Dich sehr; denn der Herr sagte, Du wärst ein sehr netter und gescheiter Mensch, nur eine gräßliche Schlafmütze seist Du, weil Du die alten Damen, die Dich so sehr unter dem Pantoffel hätten, nicht zum Hause hin aus jag test; darauf sagte Frau Tiefurt, dazu hättest Du ein zu gutes Herz, und nur deshalb ließest Du Dir alles gefallen."
„Wo Willst Du das gehört haben, Lene?" forschte Fräulein Blanche.
„Ich spielte gerade mit Else Kramer auf der Promenade, ganz dicht neben der Bank, auf der der Herr Bankier und Frau Tiefurt saßen, da könnt euch alles hören", verteidigte sich das Kind.
„Tas ist nun der Dank, daß mau solch ein Schreckens- kiud im Hause duldet", fauchte Tante Gundchen, indes ihre Mutter beiftimmenb mit dem Kopfe nickte.


