Nachdruck verboten.
„Es sah eine Linde ins tiefe Thal."
Novelle von R. Litten.
(Fortsetzung.)
! V.
Nach fünfzehn Jahren.
Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder, die lang' ich vergessen geglaubt.
Auf dem weichen, den ganzen Fußboden bedeckenden Ämyrnateppick) eines mit feinem künstlerischem Geschmack «nsgestatteten Zimmers in der vornehm stillen Straße einer süddeutschen Universitätsstadt wanderte ein schlanker jugendlicher Mann auf und nieder. Augenscheinlich war er im Banne tiefer Gedanken; denn sein geistvolles Gesicht mit den dunkelblonden, sich über der weißen Stirn bäumenden Haarwellen trug einen in sich gekehrten Ausdruck, und hin und wieder sprach er leise mit sich selbst, wie es wohl Leuten von reichem inneren Geistesleben und solchen, welche viel aus die eigene Gesellschaft angewiesen sind, eigen zu sein pflegt.
Nun sahen die mächtigen stahlgrauen Augen auf, erst zerstreut, nichts erfassend, dann blieben sie aus dem großen Pfeilerspiegel haften, ßrc blieb stehen und nickte feinem Bilde, welches das Glas so klar zurückwarf, lächelnd M. ---
„Ja, ja, alter Freund und Wandervogel", sagte er halblaut dabei mit einer angenehmen tiefen Stimme, „nun heißt es, die Schwingen fein säuberlich zusammenfalten und den ehrbaren schwarzen Rock des deutschen Gelehrten darüber hängen. Höchstens für ein paar Ferienwochen Wunen wir sie nw# gebrauchen, für die übrige Zeit des Jahres aber heißt es fortan: An der Scholle kleben! Seßhaft, seßhaft, alter Freund!"
Wieder nickte er seinem Spiegelbilde, dieses Mal ermutigend zu.
„Immer konnten wir ja nicht unter dem blauen Himmel des Südens atmen, uns nicht immer an dem Reichtum feiner, von den Jahrhunderten überlieferten Schätze be- rauschen; wir mußten verwerten, was wir eingeheimst, wnb wo thut man das lieber und besser als in der Heimat".
Donnerstag den 24. Mai.
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abcn, wer hätte sie nicht? Talente — Spielzeug für Kinder, Erst der Ernst macht den Mann, erst der Fleiß das Genie. Theodor Fontane.
Heimat! — Er legte; die Hände auf den Rücken und nahm die vorhin unterbrochene Wanderung wieder auf. — Wundersamer Klang! Sirenenstimme, der sich kein Ohr verschließen läßt! Wie oft hatte er sie zu hören vermeint in den Lorbeerhainen Italiens, in den Pinienwäldern Griechenlands, die sein Fuß! durchschritten, selbst nach Kleinasien, nach Syrien war sie ihm gefolgt, immer lockend, immer bittend, immer sanft überredend. Im vierten Jahre seines Aufenthaltes in der Fremde war sie dringender geworden, lauter, hatte ihm nicht Rast und Ruhe gelassen, bis er seine Sammlungen, seine Kunstschätze gepackt, seine Verbindungen gelöst und den Fuß auf deutschen Boden gesetzt. Da war er aber, als die erste Wiedersehensfreude mit dem Vaterland vorüber, stutzig geworden.
Was hatte ihn denn eigentlich so mächtig hierhergezogen? Wo waren die Augen, die aufleuchteten bei seinem Anblick, wo die Arme, die ihn warm umschlossen, an ein klopfendes Herzs drückten, wo der Mund, der ihn willkommen hieß? Seine Eltern schlummerten längst unter grünem Rasen, Verwandte besaß er nicht oder kannte sie kaum, und die wenigen Freunde aus der Schul- und Universitätszeit waren ihm bei dem Nomadenleben der letzten Jahre aus den Augen gekommen — was wollte er eigentlich hier? Einen Augenblick dachte er daran, umzukehren, sich wieder der bella Italia zuzuwenden, aber schließlich, nach einigen unerläßlichen Besuchen bei Geistesverwandten, Künstlern und Gelehrten, mit welchen er im Gedankenaustausch gestanden, verließ er die Residenz, die er zuerst ausgesucht, und reiste in das kleine, weltfremde, ost- preußische Stäbchen, an welches sich all seine Kindheitserinnerungen knüpften.
Wie diese wieder erwachten, als er von der gelben rumpelnden Postkutsche aus die wohlbekannte Kirchturm-, spitze, die niedrigen roten Dächer und die Hügelkette dahinter erblickte! Wie sie dann neben ihm über das holperige Pflaster schritten, wie.sie mit ihm zugleich über die Schwelle des einstigen Doktor Hauses traten, wie sie mit ausgestrecktem Finger in jedes Gemach, in jeden Winkel wiesen, wie sie wisperten und raunten, jauchzten und klagten, kicherten und weinten, bis es ihm warm ums Herz und feucht im Auge wurde.
Dort im Wohnzimmer stand noch derselbe runde Tisch, an dem der Onkel Doktor, der alte Mann mit dem rauhen Antlitz und dem weichen Herzen, ihm den Unterricht erteilt, ihm die Keime zu -allem Schönen und Edlen ins Herz gesenkt. Wie hatten die alten Augen aufgeleuchtet, wenn der Schwestersohn ihm begeistert gelauscht, wenn er ihm mit glühendem Interesse gefolgt war, wohin seines Herzens eigenstes Sehnen ihn selbst gezogen von Jugend an: zu dem alten Volke, aus dessen Schönheitsborn die Menschheit noch heute schöpft. Dann hatte er wohl seine Hand er-


