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fräuleins, das die Hauptheldin in dem Drama gewesen sein soll, ist mir überhaupt nicht bekannt geworden. Ich weiß nur, daß dieser angebliche Major Sixtus nach der allgemeinen Ansicht kein simpler Bürgerlicher ist, sondern einem alten, ruhmvollen Adelsgeschlechte angehört, und noch kurz vor dem Ausbruch des letzten großen Krieges als Offizier in einem der vornehmsten Garderegimenter gedient hat. Aus blinder Leidenschaft für die erwähnte junge Dame, so heißt es, habe er sich damals zu einer verbrecherischen Handlung hinreißen lassen, indem er einem ihrer Verwandten, der einen Mord begangen hatte, zur Flucht verhalf. Mit Schimpf und Schande aus der Armee ausgestoßen, soll er sich dann dem Freikorps an­geschlossen haben, dessen Ueberbleibsel wir morgen un­schädlich machen werden. Seinen Namen aber hatte er zuvor für immer abgelegt, und wenn die Geschichte wahr ist, so wird seiner Familie hoffentlich auch die Schwach erspart bleiben, ihn noch einmal ans Licht gebracht zu sehen".

Elisabeth hatte während dieser letzten Minuten un­sägliche Qualen ausgestanden, und erst bei den letzten Worten des Leutnants wagte sie es, einen scheuen, ver­stohlenen Blick zu Franz von der Räcknitz hinüberzuwerfen. Sie hatte erwartet, auch auf seinem Gesicht die Anzeichen einer gewaltigen seelischen Bewegung zu finden, aber mit Schrecken gewahrte sie statt dessen in seinen lauernd auf sie gerichteten Augen jenes tückische, böse Glitzern, das ihr schon einmal die ganze Niedrigkeit und Verworfenheit seines Charakters offenbart hatte. Ein furchtbarer Argwohn stieg in ihrer Seele aus, der Argwohn, daß Franz ihr Geheim­nis erraten oder ausspioniert habe, und daß er jetzt mit vollem Bewußtsein, daran arbeite, seinen edelmütigen Retter zu verderben, indem er das Militär auf feine Fährte brachte. Im Uebermaß ihres Zornes und ihres Abscheus fühlte sie sich für einen Augenblick versucht, aufzuspringen und dem Elenden hier vor allen Zeugen die heuchlerische Maske vom Gesicht zu reißen. Aber sie erinnerte sich glücklicherweise noch; zur rechten Zeit, daß sie damit wahr­scheinlich auch das Schicksal des geliebten Mannes besiegeln würde, und sie preßte die Lippen zusammen, um ihnen kein unbedachtes Wort entschlüpfen zu lassen. Der Plan jedoch- den sie seit der Ankunft der Soldaten unablässig erwogen hatte, war jetzt zum unumstößlichen Entschlüsse geworden, und mit fiebernden Pulsen sehnte sie das Ende dieses qualvollen Beisammenseins herbei.

Charlotte von Menzelius war es, die ihr ahnungslos zu Hilfe kam, indem sie bald nachher aufstand, um sich unter dem Vorwande, daß sie au Kopfschmerzen leide, zurückzuziehen. Ihr angegriffenes Aussehen ließ! die anderen ohne weiteres an die Wahrheit dieser Erklärung glauben; der Leutnant von Kapnist aber, obgleich er bis dahin fast ausschließlich der Herrin des Hauses seine ga­lanten Huldigungen dargebracht hatte, schien doch gerade durch Charlottens Entfernung mit einem Male um alles Vergnügen an dem traulichen Plauderstündchen gebracht worden zu sein. Er erinnerte sich plötzlich, daß er ja schon vor Tagesgrauen wieder im Sattel sein müsse, und Laß es deshalb auch, für ihn an der Zeit sei, sich zur Ruhe zu begeben.

Er schüttelte dem Verwalter beim Abschied besonders kräftig die Hand und erinnerte ihn noch einmal an sein Versprechen wegen des Führers. Frau von Menzelins. ließ es sich nicht nehmen, den lieben Gast bis an die Schwelle des in aller Eile notdürftig für ihn hergerich­teten Zimmers zu geleiten, und Elisabeth sah sich endlich endlich allein.

Sie trat an das Fenster und blickte hinaus. Es war eine Mondnacht; aber schweres, zerrissenes Gewölk jagte dm Himmel dahin und ließ die silberne Scheibe des matt leuchtenden Gestirns nur hier und da auf kurze Zeit sicht­bar werden. Die Luft war schwül, und vereinzelte Wind­stöße schienen wie eilige Herolde das Herannahen einest Unwetters zu verkünden. Fern am Horizont zuckte es, bereits zuweilen in fahlem Leuchten auf.

(Fortsetzung folgt.)

Eindrücke aus Ober-Ammergau.

Von Pfarrer Dr. Grein in Gießen.

Nachdruck verboten.

In zwei Artikeln haben die Familienblätter (Nr. 63 und 71) sich bereits mit den Oberammergauer Passions­spielen beschäftigt, um weiteren Kreisen Mitteilung über die Geschichte des Spiels, Mer die Anlagen des neuen Passionsspielhauses, über die Mitwirkenden, über die Ver­kehrswege nach Ober-Amwergau zu geben.

Es sei nun einem, der kürzlich von hier aus dort war, gestattet, seine mannigfachen Eindrücke wiederzugeben. Es war an einem trüben regnerischen Samstagmorgen, als wir uns von Linderhof her, jenem bekannten Lust­schloß des Königs Ludwig II., int dichtbesetzten Stellwagen Ober - Ammergau näherten. Trotzdem der andauernde Regen in den sonst schmuck aussehenden Straßen des Dorfes bereits große Seen gebildet hatte, war der Ver­kehr von Fußgängern ein recht lebhafter und steigerte sich mit jeder Stunde; denn unaufhörlich rollten Wagen über Wagen aus allen Himmelsgegenden heran mit neuen Gästen. Gegen Abend, wo es sich aufhellte, war das Massengedränge aus den Straßen, vor den vielen Läden, unter denen die Bilderläden am meisten hervortraten, stellenweise sehr stark, und dabei von einer seltsamen Mischung von Menschentypen aus allen Zonen, englische und französische Laute hörte man mehr als deutsche; den schlichten deutschen Touristen sah man so cjut wie den Fremdländer im neuesten Modeschnitt, die entfache, nicht zu verkennende deutsche Lehrerin neben der hocheleganten, nicht minder unverkennbaren Lady,Geistliche mih mehr oder weniger langen Röcken, unbekümmert um das Gedränge im Gehen ihr Brevier lesend oder sich miteinander unter­haltend. So kam der Abend, und mit ihm eine frühe Stille über den ganzen Ort. Das Quartier, das wir be- zogen zum Preis von 5 Mark pro Bett, war bei freund­lichen bescheidenen Leuten. Es mußte zwar erst mit Hilfe einer etwas halsbrecherischen Treppe erklommen werden, war aber durchaus sauber und nett. Früh um 5 Uhr weckten uns bereits die Glocken vom hohen Pfarrkirchturm, die in ihrem majestätischen wuchtigen Klang an das schöne Geläute unserer Gießener Stadtkirche erinnerten. Sie riefen die Einwohnerschaft zur Messe, da ja der übrige! Teil des Sonntags fast sämtliche Ober-Ammergauer mit Ausnahme der verheirateten Frauen als Mitwirkende bei dem Spiel in Anspruch nahm . Schon am Tage vorher, nun aber in der Frühe erst recht sah man sie von der Kirche zum Spielhaus eilen, alle, vom Greis bis zum Kind in langem wallenden Haupthaar, die Männer zum Teil mit langen ungeschorenen Bärten, zum Teil mit glattem Ge­sicht, viele aber so charakteristisch in ihrem Aussehen, daß man ihnen auf den ersten Blick diese oder jene Gestalt des alten oder neuen Bundes ansah. Die Sorgfalt, mit der seit Jahren dort der äußere Mensch für das kommende Spiel gepflegt wird, ist bewundernswert; irgend welche künstliche Mittel zur Erzielung eines charakteristischen Aussehens sind durchaus unzulässig.

Um 8 Uhr hatte sich das Festspielhaus mit seinen 3500 Sitzplätzen völlig gefüllt, ein imposanter Anblick? Die Zuschauerhalle ist so gebaut, daß man von allen Plätzen (von 10 Mark bis 2 Mark) einen guten Ueberblick hat; luftig und hoch, von mächtigen geschwungenen Eisen­trägern gehalten, ähnelt sie der weiten Halle eines großen Bahnhofs. Die Bühne ist völlig unter freiem Himmel; sie besteht aus einer großen freien Vorbühne, dem massiven Bühnenhaus mit Vorhang, in welchem sich die eigent­lichen Handlungen abspielen, und in dem die lebenden Bilder zur Darstellung kommen, und ist flankiert rechts und links vor dem Haus des Hohenpriesters und des Pi­latus, die wiederum durch mächtige Thorbögen-Eingänge zu jerusalemer Straßen mit dem Bühnenhaus ver­bunden sind. Das Ganze ist sehr stimmungsvoll angelegt und erhält noch seine besondere Weihe durch die im Hinter­grund erscheinenden Ober-AmMergauer Berge mit ihren Matten und Weiden, wie durch den freien sichtbaren Himmel, der an jenem Tage ein freundliches sonniges Gesicht machte, so daß merkwürdiger;f'> nur nicht wäh­rend der Kreuzigungsszene die ganze Bühne von strahlen-