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Das erste Frühstück.

Von I. v. Sydow.

------- (Nachdruck verboten )

Das erste Frühstück soll die kraftspendende Grundlage für die Tagesanforderung sein. Die Verdauungsarbeit, die beim gesunden Menschen sich innerhalb eines bestimmten Zeitraumes, ohne vom Schlaf gestört oder beeinflußt zu werden, mechanisch vollzieht, hat in der Ruhe der Nacht den Magen vollständig entleert, und strotzend von Sastfülle erwartet er die Aufnahme neuer Nahrung.

Was uns als Appetit an den Frühstückstisch lockt, bei vorkommender Verzögerung der Morgenmahlzeit bis zu nagendem Hungergefühl sich steigern kann, Uebelbefinden als Ausdruck einer natürlichen Schwäche-Empfindung hervor­ruft, ist Wirkung des Reizes, den die scharfe Substanz des unbeschäftigten Magensaftes auf die Schleimhaut der Magen­wände übt, der nach frischer Arbeit, nach Nahrungszufuhr, nach Stoff für sein Laboratorium verlangt, wie die züngelnde Flamme nach .dem Aufschütten des Materials für die Glut.

Schon oft ist darauf hingewiefen worden, daß es von allergrößtem Wert für die Gesundheit ist, schon das erste Frühstück gehaltreicher zu gestalten, als dies bei uns in Deutschland zu sein Pflegt. Mit diesem, nach vielstündiger Ernährnngspause nach Kraftzufuhr und Ergänzung lechzen­den Magen denn dieser Hunger nach Einnahme ist da, auch wenn unter etwa nervöser Reizablenkung das Gefühl davon fehlt, setzen sich Neunzehntel der arbeitenden Menschen zu ihrem Frühstückskaffee.

In der Arbeiterwelt, in der Kantine dampft der Kaffee- keffel und zieht aus den wertlosesten Surrogaten die täuschende Farbe der Kraft. Im Bauernhause hat er mehr und mehr die altväterliche, brave Suppenschüssel verdrängt, und am Frühstückstisch der guten Kreise hat er, trotz der steigenden Bewegung, ihn durch Kakao oder Thee zu ersetzen, wohl noch immer im Vergleiche dazu das Achtfache der Anhänger kurz, der Kaffee beherrscht die Morgenmahlzeit in Deutschland.

Was ist aber Kaffee? Jedenfalls kein Nahrungsmittel, noch weniger ein empfehlenswertes Nahrungsmittel. Aller­dings ein hoher Genuß, wenn sorgfältige Zubereitung der edlen Bohne jene eigentümlich feine Wirkung auf Zunge und Gaumen abgewinnt, und der Duft einer guten Cigarre den Frühstückstisch einhüllt; ganz sicher unentbehrlich unter den anregenden Kräften, mit denen die Berechnung des Arztes den ermatteten Herzschlag, den gesunkenen Puls hebt; dennoch aber steht es fest: als tägliches, gewohnheitsmäßiges Morgengetränk ist der Kaffee nicht nur das wertloseste, nein, ein direkt bedenkliches Genußmittel. Langsam und unmerklich, wie der Wurm hinter der Tapete das Holz verletzt, zerstört der Kaffee das Nervensystem. Künstliche Täuschung ist jenes gehobene Leben, das arbeitende Herz, das gesteigerte Kraftgefühl des Erschlafften, welches als unmittelbare Wir­kung einer guten Tasse Kaffee eintritt, und ob bewußt oder- unbewußt, dem daran Gewöhnten dieses Getränk oft ganz unentbehrlich macht. Wie dieses gehobene Leben leuchtet etwa die Kerze, die an beiden Seiten brennt; jene Kraft ist die Leistung des Pferdes unter der Peitsche verbraucht und abgenützt vor der Zeit; überall rächt sich der künstliche Reiz durch natürliche Ermattung, die unnatürliche Steigerung durch Schwäche und Niedergang.

Die Maschine, der Tag um Tag zuviel abverlangt wird, verliert ihre Spannung und versagt; die Pumpe macht nur eine Zeitlang die dreifachen Schwingungen, dann setzt sie aus.

Mag der Alkohol in erster Linie als die zerstörende Kraft des Nervenlebens genannt sein, der Kaffee als Ge­wohnheitsgetränk ist sein nur wenig ungefährlicherer Kon­kurrent bei dieser Zerstörung.

Es ist eine auffallende Erscheinung, wie oft man heute vonHerzschwäche" hört. Blühende Leute, wahre Hünen­

gestalten, klagen über das Nachlassen ihrer Herzkraft; schon die Mehrleistung, die etwa das ungewohnte Ersteigen einer Treppe, einer Anhöhe beim Spaziergang, sowie oft nur ein längerer Marsch auch ohne Wegschwierigkeit erfordert, sieht man Herzklopfen Hervorrufen, Ermattung, plötzliches Ver­sagen der Kräfte.

Das ist die nur mühsam arbeitende, die aussetzende Maschine, die täglich ohne Not gereizt, gesteigert, heraus­gefordert, ihr einfaches Pensum etwa noch abrasselt, vor der vermehrten Aufgabe aber ermattet und gelegentlich stillsteht. Diese fast beunruhigende Häufigkeit, mit welcher in unseren Tagen vorzeitige Herzschwäche auftritt, nicht als erklärlicher Rest schwerer, akuter Erkrankung, nein, als mechanisches Resultat abnützender Reizmittel und ungeeigneter Lebens­weise, ist neben der zunehmenden Gewöhnung an alkohol­haltige Getränke zum großen Teile dem täglichen Kaffee­genuß zuzuschreiben.

Bleiben größere Anforderungen, stärkere Erschütterungen, gefährlichere Angriffe auf den Körper aus, lebt der in seiner Nervenkraft Geschwächte in sonst günstigen Verhältnissen, so mag es schon vorkommen, daß man auch bei starkem Wein- und Kaffeegenuß alt werden kann; aber jede akute Erkrankung erfordert für ihre Ueberwindung ein leistungs­fähiges Herz, und die Schwäche, das Versagen dieses Herzens bedeutet dann immer das Leben selbst.

Das Licht, das an beiden Enden brannte, ist im Luft­zug schnell auf den Rest gekommen. Der Wurm, der hinter der Tapete leise und unmerklich das Holz verletzte, ist damit fertig geworden; die Holzfpreu trägt und widersteht nicht mehr.

Berechtigt ist wohl der Einwand, daß im breiten Konsum der Kaffee in sehr verdünntem Zustande, der Gefahr einer Gesundheitsschädigung also ziemlich entzogen, genossen wird. Was der Fabrikarbeiter, der Soldat in der Kantine trinkt, und von der minder bemittelten, insbesondere der Arbeiter­bevölkerung zu Hause genossen wird, ist ein dünner Aufguß, der durch Surrogate, Farbe und Geschmack, durch Wusser und dünnen Milchzusatz Quantität erhält. Er bietet ja die Gefahr nicht, bei dauerndem Gebrauch eine verhängnis­volle Herabsetzung der Herzkräfte, wenigstens nicht direkt zu bewirken. Von dem zweischneidigen Schwert bleibt nur eine Schneide übrig die völlige Wertlosigkeit für die Ernährung und den Aufbau der Körperkraft. Die mit Kaffee aufgezogenen Kinder der großstädtischen Proletarier­viertel, die kraftlosen, siechen Gestalten unter den jugend­lichen Fabrikarbeiterinnen liefern eine erschreckende Zahl der vorzeitig Herzschwächen, auch wenn nicht das Kofföin hier den Muskel gelähmt und das Leben gestört hat. sondern nur der versteckte Hunger, der in ihren Kaffeetöpfen sitzt, die blos den Magen füllen.

Die Lebensführung der breiten, arbeitenden Schichten hat sich in den letzten dreißig Jahren wohl außerordentlich gehoben. Fortgesetzt steigende Löhne, die Gleichmachung der sozialen Lebensanschauung haben im allgemeinen dem Arbeiter eine auskömmliche Lebenshaltung ermöglicht, und zu berechtigter Klage ist heute wohl nur insoweit Grund, als die Löhne, die zu zweckmäßiger und gesunder Ernährung der Arbeiterfamilie ausreichen könnten, in den meisten Fällen wirtschaftlich falsch verwertet werden, in verständnisloser Anlage für Gesundheit und Ernährung verloren gehen.

Die hervorragend volkswirtschaftliche Bedeutung einer vernunftgemäßen Ernährung gerade in denjenigen Kreisen zum Verständnis zu bringen, bei denen der Verbrauch und die vorzeitige Abnützung körperlicher Kraft am stärksten ist, bildet eine der brennenden Aufgaben unserer Zeit.

Die bessere, die gute Lebenshaltung hat die Bedeutung der grundlegenden Morgenmahlzeit immer allgemeiner er­kannt. Das zweischneidige Schwert des gewohnheitsmäßigen Kaffeegenusses soll auch hier nur eine Schneide behalten.

Was hier aber leer bleibt, füllen wenigstens nebenher genossene Nahrungsmittel aus. Der englische Frühstücks­tisch, der seine kräftige Scheibe Fleisch, seineweichgesottenen