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„Nein, ich vergesse nichts," sagte er rauh und hart, so daß Charlotte ihn ängstlich anblickte.
Sein Stock entfiel ihm und rollte auf den Boden. Renata hob ihn schnell auf, und indem sie denselben überreichte, traf sie ein durchdringender Blick aus den gewaltigen Augen. Erft als sie ihren Platz bereits wieder eingenommen, kam ein nachlässiges „Ich danke" aus seinem Munde. Er legte beide Hände auf den Knopf des Stockes und stützte das Kinn darauf, dann fragte er plötzlich nach den Kindern und schien kaum die Antwort seiner Tochter zu beachten, sondern verfiel in ein finsteres Schweigen, während Frau Falkner mit Renata ein alltägliches Gespräch begann.
Nach einer Weile wandte sich Frau Falkner wieder an ihren Vater, der noch immer in derselben Stellung verharrte: „Vater, sollen wir Dich ein wenig herumführcn? Du sagst ja, daß es Dir zuweilen gut thut, und es ist heute so schön."
Er hob den weißhaarigen Kopf und blickte fie mürrisch an: „Wohin denn? Doch nicht dahin, wo ich will," entgegnete er finster.
„O Herr Konsul," wagte Renata zu erwidern, „wir führen Sie beide, sagen Sie nur wohin, ich bin gern behilflich." Sie stand freundlich vor dem alten Mann, der fie eigentümlich lauernd betrachtete.
„Gut, gut," murmelte er dann und streckte ihr die Hand hin, in die fie die ihre ohne Bedenken hinein legte.
„Ist die Thür dort offen?" fragte er plötzlich aufstehend und deutete nach dem kleinen Pförtchen in der Mauer. Seine Augen leuchteten unheimlich, und dem jungen Mädchen ward es bange.
Da trat Frau Falkner heran und flüsterte ihr zu: „Um Gottes willen kein Wort mehr, verlassen Sie uns, Kind." Renata blickte Charlotten erschrocken an, hatte sie unbedacht gesprochen und einen Sturm heraufbeschworen? Das Gesicht ihrer mütterlichen Freundin verriet eine innere Angst, die sich auch in der Stimme nur mühsam verbarg.
Einen Augenblick zögerte Renata, sie hätte der armen Frau gern beigestanden, aber ein bittender Blick aus deren Augen veranlaßte sie, sich zurückzuziehen.
„Bleiben Sie," herrschte der alte Mann sie an.
„Warum schickst Du die Kleine da fort?" wandte er sich dann mit unterdrückter Heftigkeit an seine Tochter.
„Geh, Charlotte, Du möchtest mich binden an Händen und Füßen- ja wohl, Kleine," fuhr er fort, und ein entstellendes Lächeln, das alle seine gut erhaltenen weißen Zähne sehen ließ,,zog die Oberlippe empor — fast dasselbe Lächeln hatte sie schon an Frida und Max gesehen — „ja wohl, Du siehst, ich bin gefangen innen und außen." Er schlug mit der Faust an seine Stirn, und Renata schauerte zusammen, an jene Szene denkend, wo diese Hand auf ihre Stirn niederste!.
Charlotte stand mit gesenktem Kopfe da, und Renata sah wie ihre Hände zitterten.
Da trat sie mutig vor: „Stützen Sie sich auf mich, Herr Konsul, ich führe Sie durch den Garten, es ist zu spät zu einem weiteren Wege."
„Renata, was thun Sie?" murmelte Charlotte und sah das junge Mädchen zweifelnd an.
„Ich will Dich auf der andern Seite führen," sagte sie zu ihrem Vater, besorgt die schlanke Mädchengestalt messend, die allein solcher Last kaum gewachsen schien.
„Nein," erwiderte rauh der Konsul, „die Kleine soll mich allein führen."
Durch Widerspruch durfte man ihn nicht noch mehr reizen, und so folgte Frau Falkner in einiger Entfernung dem seltsamen Paare.
Renata kämpfte tapfer ihre innere Unruhe und ihr Herzklopfen nieder und führte den Greis, dessen Hand schwer auf ihrer jungen Schulter lag, vorsichtig im Garten herum.
Er schien ruhiger zu sein, wenigstens sprach er anfangs kein Wort, bis er sich plötzlich zu seiner jugendlichen Führerin
herunterbeugte und ihr mit gedämpfter Stimme zuflüsterte: „Sie meinen es gut mit mir, nicht wahr?"
Renata nickte, sie erschrak von neuem über den sonderbaren Ausdruck seines Gesichts, das ihr jetzt so nah war.
„Ich weiß, Kleine, Sie versprechen es mir, mich dahin zu führen und geben mir die Hand, und ich halte Sie beim Wort," raunte er ihr zu.
Ein Grauen zog durch die Seele des jungen Mädchens - o, was hatten ihre harmlosen Worte angerichtet! Der glimmende Funke war angefacht, und jede unbedachte Aeußerung konnte ihn zur Flamme schüren- eine unnennbare Angst schnürte ihr die Brust zusammen, sie blickte sich nach Charlotte um, die zwar das Flüstern des Konsuls nicht verstand, aber auch ahnungsvoll rasch näher kam mit der Frage, ob der Vater nun müde sei.
„Ja," sagte er mit veränderter Stimme, „du hast recht, ich bin müde, aber die Kleine soll mir Vorspielen, wie David dem Saul."
Seine Begleiterinnen führt«, ihn ins Haus.
Still wie damals saß der alte Mann im Seffel und lauschte der wunderbaren Musik. Unwillkürlich faltete er die Hände und schloß die Augen.
Das Fenster stand weit offen, und die Frühlingsluft wehte herein. Da kam es weiß dahergeflogen durch die stille Straße und Schneewittchen ließ einen freudig gurrenden Laut hören.
Beinahe hätte die traurige Charlotte aufgeschrieen vor Freude, es fiel wie der Strahl einer Verheißung in ihr Herz, daß doch noch alles, alles gut würde.
Schneewittchen schwirrte wie im Triumphgesühl, daß es den Weg nach der alten Heimat gefunden, durchs Zimmer und ließ sich auf der hohen Lehne des Sessels, worin der Greis ruhte, nieder.
Als das Spiel verklungen war, herrschte erst eine tiefe Stille, bann seufzte der Konsul schwer und öffnete die Augen: „Ich will schlafen gehen, Charlotte," sagte er und erhob sich. Renaten noch einmal flüchtig zunickend, verließ er mit seiner Tochter das Zimmer.
Zugleich öffnete sich die andere Thüre und der Professor trat ein. Mit sichtlicher Freude begrüßte er das junge Mädchen, das sich ebenfalls freute, ihn zu sehen. Sein Erstaunen über Schneewittchens Anwesenheit war natürlich groß, und Renata berichtete die Flucht des Tierchens. Sie bemerkte gar nicht, wie die ernsten Augen des Gelehrten fast unausgesetzt an ihrem Gesicht hingen.
„Sonderbar," begann er, „wenn ich an Sie denke, sehe ich auch Schneewittchen neben Ihnen, als sei es Ihr Symbol."
Sie lächelte wehmütig: „Ich kam ja durch das Tierchen ins Haus."
Er trat an sie heran und legte seine Rechte auf ihre Schulter:
„Renata, ich bin überzeugt, daß Gott Sie nicht umsonst in unser Haus geführt- meine Hoffnung will aufleben, hoffen Sie mit uns und werden Sie nicht müde."
Seine Stimme klang tiefbewegt.
Sie hatte den Kopf gesenkt.
„O was möchte ich thun und geben für dieses Haus, wo ich eine Heimat fand," sagte sie leise, „aber meine Kräfte sind schwach, erwarten Sie nichts Großes von mir, Herr Professor, ich kann nur Treue, unerschütterliche Treue geben."
„Das ist genug," sagte er und ließ die Hand sinken, „das Große muß Gott überlassen bleiben."
Bei der Heimkehr wurde Renata von den Damen mit etwas betretenen Mienen empfangen. Schneewittchen war ihnen entflogen und sie waren ganz außer sich darüber. Um so größer war die Freude, als der kleine Flüchtling wohl geborgen in einem geliehenen Käfig zum Vorschein kam.
(Fortsetzung folgt.)


