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die sie vor sich hat. Sie lehnt sich in eine Nische und schließt die Augen. Es ist kalt/ eine unangenehme nasse Kälte. Aber ihr Mantel ist warm. Sie hüllt sich fest ein. Plötzlich fährt sie von Frost geschüttelt auf. Sollte sie gar geschlafen haben? Die Nacht ist tiefer hereingesunken. Altes schwarz ringsum. Vorhin hat sie wie eine Reihe gelber Punkte die Laternen der Vorstadtstraße zu unterscheiden vermocht. Jetzt nichts mehr. Alles still. Kein Laut — außer, wenn der Nachtwind durch die Pappeläste streicht. Plötzlich ein dumpfes Geräusch in der Ferne. Räderrollen. Unweit der Mauernische, wo sie sich verbirgt, hält ein Wagen. Ein Mann steigt aus. Er geht denselben Weg, den sie vorhin zurückgelegt hat. Jetzt hat sie ihn aus den Augen verloren. Die Dunkelheit ist zu dicht. Sie steht nicht, daß er, wie sie selbst, die Thore zu öffnen versucht, nach dem Glockenzug greift, die Hand wieder zurückzieht und langsam und unschlüssig den Weg, den er gekommen ist, wieder zurückgeht. Jetzt ist er wieder ganz in ihrer Nähe. Aus seinen Bewegungen erkennt sie, daß er forschend um sich späht. Wenn er sie hier entdeckte! In kopfloser Angst verläßt sie ihr schützendes Versteck und läuft fort. Er ihr nach. Sie verdoppelt ihre flüchtigen Schritte, ihre Knie wanken, immer geringer wird der Abstand zwischen ihr und ihrem Verfolger. Jetzt faßt er einen Zipfel ihres flatternden Gewandes, sie strauchelt — der Hammer entgleitet ihren Händen und fällt zu Boden. Mit Hast greift sie danach, er kommt ihr zuvor. Und jetzt, da sein Gestcht dem ihren ganz nahe kommt, erkennt sie ihn: es ist Konrad, ihr Schwager.
„Wozu der Hammer?' fragt er streng.
„Du haft kein Recht,' mich darum zu fragen."
„Das habe ich/ und jeder, der es gut mit Dir meint," spricht er ernst und hält sie am Arm fest, weil er bemerkt, daß sie sich bemüht, ihm zu entschlüpfen.
„Du meinst es nicht gut," schreit sie. „Sonst hättest Du nicht zugegeben, daß wir diese lügenhafte Inschrift aufs Grab setzten. Aber sie muß weg — eher habe ich keine Ruhe."
Jetzt hat er die Bestätigung dessen, was er geahnt hat, und dabei sieht sie ihn mit ihrem unsteten Blick feindselig und scheu zugleich an. Keine Spur von Verwunderung, daß er wieder da ist, den sie noch weitab an der Riviera glaubt/ keine Spur von Verwunderung, daß er hier gesucht und gefunden, während er sich selbst närrisch gescholten, weil er nach seiner Ankunft Marthas Fehlen und die Erzählungen Frau Andrees über deren seltsames Benehmen sich zusammenreimend und einer merkwürdigen Ahnung folgend, hier herausgeeilt war.
Und nun ihr seltsames Gebühren/ die unheimlichen Augen. Sollte sie den Verstand verloren haben? Ist das Wahnsinn? fragt er sich schaudernd/ und plötzlich fällt ihm ein, daß er gehört hat, man thue am klügsten, wenn man anscheinend auf die Ideen der Irren eingehe.
„Natürlich," sagt er ruhig. „Der Stein muß fort. Das ist selbstverständlich."
„Das findest Du auch?"
Ihr Gestcht nimmt einen triumphierenden Ausdruck an.
„Aber nicht so," fährt er sanft fort. „Nicht nächtlicherweile, wo jeder Wächter, der Dich ertappt, Dich zur Rechenschaft ziehen könnte. Was Du vorhast, ist nichts Ungesetzmäßiges. Du hast den Stein gesetzt, Du darfst ihn entfernen lassen."
Marthas Augen leuchten.
„Das darf ich?"
„Das darfst Du, gewiß. Hat Dir Dievenow das nicht auch gesagt?"
„Ach der — der," spricht sie verächtlich.
-Jetzt komm!" Konrad geleitet sie nach der Droschke. Sie kann sich kaum fortschleppen und läßt alles ruhig mit sich geschehen.
Schweigend sitzt sie an seiner Seite, fest in ihren
Mantel gewickelt. Sie stellt keine Frage/ nur einmal flüstert sie:
„Morgen werden wir das anordnen, nicht wahr, morgen?"
Am nächsten Tage liegt sie von Fieber geschüttelt in ihrem Bette.
XXVII.
Wmige Tage vor Neujahr wurde Helmut Dievenow die Stelle als technischer Direktor der Aktiengesellschaft, in deren Dienste er stand, angeboten. Eine glänzende Stellung, gut bezahlt, selbständig/ alles, wie er nur wünschen konnte. Und doch zögerte er, den Kontrakt zu unterschreiben. Das Leben im Orte war ihm nach den letzten Ereignissen unerträglich geworden. Er mochte sich nicht mehr blicken lassen. Ueberall fürchtete er, daß der Name seines unglücklichen Schwagers an sein Ohr dringe. Die Verlobung auszulösen, wie es ihm Martha in der ersten überquellenden Bitterkeit vorgeschlagen hatte, daran dachte er nicht. Weniger, weil sein Herz Einspruch erhaben hätte: seine Liebe war unter der Last von Widerwärtigkeiten angesichts der Zurückhaltung seiner Braut merklich abgekühlt. Es war mehr sein Ehrgefühl, das sich sträubte, seine Verlobte im Unglück zu verlassen. Seine Wünsche gingen nach einer andern Richtung: er wollte die Hochzeit möglichst beschleunigen und dann weit fort von hier sich eine neue Zukunft gründen. Natürlich mußte er, ehe er einen entscheidenden Schritt that, der Zustimmung seiner Braut gewiß sein. Und nun war Martha krank. Eine heftige Erkältung verbunden mit der starken Gemütsbewegung hatte sie aufs Lager geworfen. Sie fieberte und phantasierte, und der Arzt befürchtete anfangs, daß eine schwere Krankheit im Anzuge sei. Doch das Fieber sank schnell, das Befinden besserte sich, und jetzt war nur noch eine große Mattigkeit und Schwäche zurückgeblieben. Sie bedurfte großer Schonung und wich bet seinen kurzen Besuchen jedem eingehenderen Gespräche mit ihm geflissentlich aus. Sie berührte nur gleichgültige Dinge und behandelte ihn wie einen Fremden.
Aber einmal mußte die Frage der beiderseitigen Zukunft doch erörtert werden. Die Zeit drängte/ er mußte sich entscheiden.
Er hatte sich überlegt, auf welche Weise er ihr am schonendsten beibringen könne, warum er sich um eine Stelle in einer andern Stadt bemühen wolle. Eigentlich lag es doch klar auf der Hand. Aber Martha hatte zuweilen eine so seltsame Art, ihn nicht zu verstehen und ihn reden zu lassen, wo sie ihm doch halbwegs hätte entgegenkommen müssen.
Sie saß in einem Lehnstuhl, die weißen Hände ruhten müßig im Schoß. Wie bleich und schmal sie geworden war! Das Oval ihres Gesichtes hatte sich in die Länge gedehnt, die Röte der Gesundheit, die ihr so gut gestanden, war von den Wangen gewichen.
Vor ihr auf dem Tische lag eine Zeitung.
Unwillkürlich streiften seine Augen das aufgeschlagene Blatt, während er Martha begrüßte.
„Steckbrief gegen den flüchtigen Leonhard Andree," las er.
„Also doch!" murmelte er und biß die Zähne zusammen.
Seine Bewegung war ihr nicht entgangen. Sie zuckte mit den Achseln.
„Man mußte auch darauf vorbereitet sein," meinte sie ruhig.
„Trotz aller meiner Bemühungen beim Kommando!" fuhr er erregt fort.
„Warum sollte man auch eine Ausnahme machen," bemerkte sie gleichmütig.
„Und es geht Dir gar nicht nahe, den Namen Deines Bruders in den Zeitungen, in einem Steckbriefe zu lesen?"
„Ich kann es nicht ändern."
Er fühlte nicht, daß diese Resignation das Ergebnis unzähliger bitterer Herzenskämpfe war. Er faßte sie auf als eine Art moralischen Stumpfsinns.


