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Herrn buschige Augenbrauen zogen sich zusammen, neue, fremde Gedanken zogen durch seinen alten Kopf.

War er fähig, eine auserstandene Hertha wiederzusehen? Oh gewiß! er war zu allem fähig, seine schmalen Lippen kräuselten sich bitter. Aber der nüchterne, praktische Verstand beleuchtete die Lage der Dinge, die Konsequenzen.

Wenn Herbert, wenn des Mädchens Vater starb er erwog, daß der lungenkranke Mann diesen Brief wohl nur unter dem zwingenden Einfluß begründeter Sorgen geschrieben habe was konnte er der Waise sein? In sein Einsiedler­leben paßte keine junge Dame.

Immer tiefer furchte sich seine Stirn, Albert, sein Neffe, sein Erbe, bislang ein unbedeutender Knabe ohne schlimme Fehler, gut geartet, aus dem wohl nur ein Dutzend­mensch wurde, seine Gedanken schweiften zu ihm ab. Es war ihm bis jetzt schwer geworden, ein rechtes Interesse für seinen Erben zu gewinnen. Sie waren beide jung, paßten an Alter und Verhältnissen, Albert und diese Hertha, waren beide obgleich er das Mädchen noch gar nicht kannte, sah er doch in ihr die auferstandene Mutter tym die Nächsten. Für Albert war es vielleicht gut, wenn er früh in die Ehe trat, für sie

Er blieb, in tiefes Sinnen verloren, stehen, sonderbar in seinem alten, sonst klaren Kopf wirrte sich allerlei durch einander, als ob ein Kobold darin rumore. Er sah ein junges, elfenhaft schönes Geschöpf durch die weiten Säle und Hallen schweben, m t glänzendem Haar, mit fröhlichem Gesicht, er hörte Lachen Kinderstimmen und faßte stöhnend an seine Schläfen war er toll geworden?

Aber nach einer kleinen Weile saß er da an seinem Schreibtisch und schrieb in seiner steifen, geraden Schrift: Haben Sie Dank, Herbert, kommen Sie mit Ihrem Kinde, mein Haus und Herz soll Ihnen offen stehen."

Viertes Kapitel.

Vater Weiland war in sehr gehobener Stimmung. Der Erfolg, den das erste Auftreten seiner Tochter gehabt, war ihm gewaltig zu Kopf gestiegen. Seine Frau, auf deren blassem Gesicht auch ein fröhlicherer Schein lag, hörte schon zum zwanzigstenmale alle Einzelheiten der Triumphe ihrer Mathilde und seufzte nur still für sich zu all den kühnen, ins Ungeheuerlichste sich erweiternden Luftschlössern, die ihr Mann darauf baute.

Mathilde war am andern Morgen müde und verstimmt und ging mit schwerem Kopfweh zu ihren Stunden. Die Mutter sorgte sich um die Zukunst gerade dieser Tochter am schwersten und meinte oft in ihrem beschränkten Sinn, es wäre für die Tilde ebenso gut, wenn sie weniger hübsch und weniger talentvoll wäre, und dafür mit ihrem Sinn mehr da, wohm sie gehöite.

Sie hatte in jüngster Zeit allerlei Verdacht geschöpft, den sie freilich nicht laut werden ließ. Heinz, der durch­triebene Junge, hatte allerlei Heimlichkeiten mit Mach lde, sie hätte nicht zu sagen gewußr, was sie eigentlich fürchtete die schöne Tocbtcr mit ihrem stolzen Wesen imponierte der einfachen Mutter sie zu fragen wagte sie gar nicht, und von Heinz war auch nichts herauszubringen, aber da war etwas nicht in Ordnung. Ihrem Mann durfte sie keine Andeutung machen, der war so plump dreinfahrend, daß er mehr verdorben als genützt hätte. So schwieg sie denn und behielt nur ein wachsames Auge für alles.

Heinz war postillon damour. Er brachte die billets doux vom Schwager L eutenant, wie er Albert zu Mathilden nannte, für die Schwester von seinen Schulwegen mit, wo Albert ihn zu treffen suchte und sie ihm zusteckte. Albert schrieb heute sehr leidenschaftlich und bestellte die Geliebte zum Stelldichein am Abend im Kreuzgang.

Mathilde schwankte. Jbr Beruand sagte ihr, daß sie nicht so entgegenkommend sem dürfe, daß sie diese heimlichen Zusammenkünfte, welche ihren Ruf gefährdeten, einschränken müsse.

Aber er schrieb heute so dringend, daß er ihr Wichtiges mitzuteilen habe, ganz etwas Neues, Hochwichtiges. Das mußte sie doch erfahren. Sie schlich sich also wieder fett und war im Kreuzgang.

Wie wild, wie ungestüm war er heut abend, erregt, wie im Fieber! Sie begriff zu Anfang gar nicht den Zu­sammenhang seiner Reden. Dieser neu aufgetauchte Bruder, über dessen Leben und Vergangenheit Albert auch ihr gegen­über allerlei zu verschweigen wünschte, die Erbrechte desselben, teilte Entsagungsvorsätze zu ihren Gunsten, wenn sie dem alten Majoratsherrn zu gefallen vermöchte, das alles klang wie ein Märchen.

Es war schon den ganzen Tag so eisig kalt gewesen, ein eisiger Wind dnrchkältete die Glieder bis ins Mark. Jetzt raste er stärker und stärker und artete in einen O'kan aus, der den Aufenthalt in dem Kreuzgang sehr unbehaglich machte.

Du mußt die Sachlage begreifen, das ist von der größten Wichtigkeit," sagte Albert aufgeregt,hier aber kann ich Dir nichts erklären. Vertraue mir, ich sah dies voraus und sorgte für ein Zimmer in der Nähe, wo wir uns un­gestört aussprechen können. Sei nicht prüde und engherzig in diesem Augenblick, Geliebte," fuhr er dringlicher fort- als er gewahrte, wie sie scheu zurücktrat und heftig erschrak, es handelt sich bei Gott um ernste Dinge, um unser zu­künftiges Lebensglück. Noch nie hatte ich mir die Aussichts­losigkeit unserer Liebe so klar gemacht, als da mir der Bruder diesen Ausweg eröffnete."

Wohin willst Du mich führen?" fragte sie bebend, weißt Du, daß solch ein Schritt mich ehrlos macht?"

Ach was! ehrlos niemand kennt uns in dem Hause­ich dachte an alles, ich trage Civil, die Wirtin ist eine Handwerkerfrau, die sich um nichts kümmert, als um die Miete, die ich im voraus zahlte. Glaubst Du, daß, wenn nicht die zwingende Notwendigkeit zu solchem Schritt vorläge, ich ihn Dir, meiner zukünftigen Gattin, zumuten würde?"

Seine Stimme bebte, sie begriff die Wichtigkeit einer ungestörten Aussprache, sie schwankte.

Albert! wenn irgend ein Mensch davon erführe, wenn ich erkannt würde, eine Stimme sagt mir, daß ich es um keinen Preis thun darf."

So bin ich machtlos; mit drei Worten hier im Sturm kann ich Dir den Plan nicht auseinandersetzen, ohne Deine Zustimmung ihn nicht einleiten, Hans kehrt in wenig Tagen zurück, er ist ein unberechenbarer Mensch, diese Chance kehrt nie für uns wieder."

Er zog sie, die halb betäubt an seinem Arm hing, mit sich fort, der Sturm riß sie beinahe um, ihr gingen chaotische Gedanken durch den Kopf hören mußte sie, was er zu sagen hatte.

Kannst Du es mir nicht schreiben?" bat sie noch ein­mal zagend, ihr Körper zitterte wie Espenlaub.

Armes Lieb! wenn ich es könnte ich flehe Dich an, sei nicht kleinlich, dort ist das Haus, gleich im Erdgeschoß ist der Raum, ich trage den Schlüssel in der Tasche, niemand sieht uns, und Du mußt Dich erst wärmen, Du bist erstarrt unter diesem eisigen Wind, bist unfähig, mich hier zu hören, zu verstehen."

Sie folgte ihm willenlos. Ihr war, als ob eine fremde Gewalt sie vorwärts trüge, ihre Füße waren so er­starrt, daß es sie dünkte, als ob sie den Boden gar nicht berührten.

Da hatte er die kleine Hausthür geöffnet, drinnen war es dunkel, er tastete nach dem Schlüsselloch, der Schlüffe! drehte sich im Schloß, sie ward über die Schwelle geschoben, Lichtschein traf ihre Augen, er rieb ein Zündholz an, und dann erhellte eine kleine Lampe das spießbürgerlich einge­richtete Gemach, die Putzstube der Handwerkerleute. Dichte Läden verschlossen die Fenster, die Thüre sperrte er hinter sich zu, sie war mit ihm allein. Ihr Gesicht verhüllend, sank sie auf das Sofa.