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Drüben waren unterdessen die Tafeln gedeckt, die Rücksprachen mit Wirth und Kellnern genommen worden, man setzte sich zurecht und begann einen Gesang, vielleicht als Zeichen für die Versprengten oder zur Beruhigung der Hungrigen, sicher aber auch als unumstößliche Darlegung ihres Zweckes und Zieles vor den Wirthsleuten wie vor den einzigen Gästen außer ihnen, die genau so bescheiden wie aufmerksam schienen.
Blau-Blümelein sang der gemischte Chor, die Mehrzahl iw rührenden Glauben an ihre Kunst - wo jedoch ein Empfinden für muthmaßliche Unzulänglichkeit dämmerte, lebte das Bewußtsein um so stärker auf, vermöge des besseren Könnens die anderen Bemitleidenswerthen sichtbar zu stützen.
Irmgard sprühte förmlich von boshaften Randglossen, Tauchlitz und Hollmann winkien ihr amüsirt Beifall, aber auch Stillsein zu, Wulffen glaubte noch nie eine elendere Verquickung von schwacher Natur und verzerrter Halbkunst gehört zu haben, er mußte seinen Unmuth gewaltsam Niederhalten.
Hilde wurde ihm gleich ernster und stiller, ja, er sah deutlich, daß ihr zwei Thränen von den dunklen Wimpern über die Wangen schlichen, indeß ihre Lippen zuckten und sich bitter zusammenpreßten. Er wußte bereits, wie schwer sie die Kleinheit, die Selbsttäuschung der Menschen empfand, aber Thränen? Deswegen?
Blau-Blümelein verklang, das Gespräch kam wieder zu seinem Recht, die Teller klapperten drüben vernehmlich und wurden nun auch hieraufgesetzt, was der Wirth entschuldigte: Der Verein hätte bereits gestern telegraphisch bestellt. Man sagte nichts dagegen, das Essen begann
Heinrich vermochte nichts zu genießen. Er trank schnell hintereinander, damit er das schlagende Herz bändige, aber zuletzt riß es ihn doch in das Ungewöhnliche. Unter gemurmelter Entschuldigung stand er auf, näherte er sich dem ebenfalls unruhigen Capellmeister, dem sein Völkchen allerhand Beschwerde verursachte.
Wulffen stellte sich als ein wenig zur Zunft gehörig vor, lobte des Mannes Geduld seinem spröden Material gegenüber und stieß auf mehr Einsicht, als er vorher ver- wuthen konnte.
„Sie werden Mancherlei gedacht haben," schloß der schulmeisterlich ernste Mann, „aber das Leben einer kleinen Stadt macht genügsam. In jungen Jahren, als man noch frei war, trugen Einen Sehnsucht und Würde weiter, ja, ich gestehe es, in mancher stillen Stunde packt es mich noch, einmal wieder Gutes zu hören."
„Wollen Sie es mir nicht für Eitelkeit auslegen, wenn ich Sie um Ihre Geige dort bitte?" fragte der glühheiße Wulffen.
Schon hielt er sie in den Händen.
„Vielleicht bemerken Sie Ihren Herrschaften, daß mich der gehaltene Vortrag zu einer Erwiderung treibt."
Das wurde ausgeführt noch während er stimmte, dann legte er die Geige fester an, und wie es geschieht, sobald Menschen im Hochgefühl ihrer selbst oder gar einer anderen persönlichen Macht über sich hinauswachsen, so begleitete ihn auch heute dieser Aufschwung in seine Kunst. Nichts Irdisches und dennoch aller Erden Schönheit hing an seinen Tönen, mit denen er die Hörer bannte, daß sie mindestens in beklemmter, athemloser Befangenheit saßen, wenn sie nicht, wie der Dirigent, in höchster Verzückung oder, wie Tauchlitz, Irmgard und Hollmann hingerissen und ergriffen dem Spiele folgten.
Von Hilde allein konnte man sagen, sie verstand solches Schaffen. Alle Körperlichkeit schien von ihr genommen. Wie sie auf dem Stuhl herumgefahren, der Arm über die Lehne gesunken, den schmalen Fingern die Serviette entglitten war, so verharrte sie lächelnd, wohlig, als sei sie endlich, endlich im eigensten Element angelangt.
So sah Wulffen sie, indem er seine Blicke aus der
Dunkelheit, die vor der Halle lag, löste und langsam zu ihr gleiten ließ. Das war zu viel, er mußte absetzen.
Natürlich geschah es in schicklicher Weise, so daß der Beifall ringsum immer noch wohl angebracht blieb. Dies Getöse riß Hilde empor.
„Ich gehe voran, Papa, Ihr holt mich ein," ries sie zurück- im Gehen steckte sie den Hut fest, die kleine Jacke mit dem Ellenbogen an sich drückend.
Nachdem Wulffen sich drüben losgemacht hatte, fand er seine Gesellschaft im halben, rathlosen Aufbruch. Man bezahlte und stieg Hilde nach, was unter den dunklen Bäumen immerhin vorsichtig geschehen mußte, kurz, die kleine Verwirrung löste sich erst bei Irmgards Murren, Hilde müsse ständig anders handeln, als vernünftige Menschen, dem sie allerdings eilig folgen ließ: „Aber Sie, Heine, haben mich, uns Alle überrascht."
„Noch finde ich keine Worte"/ sagte Tauchlitz unter den widerstreitendsten Gedanken. „Vielleicht, Vielleicht ist es ein starkes Unrecht, Dich von Deiner Kunst, aus Deinem letzten Kreise zu lösen. Gutsbesitzer könntest Du eher nebenbei sein, als Künstler."
„Ihr Vortrag war phänomenal," sprach Hollmann aus der Zerknirschung Persönlichen Unwerthes heraus. „Sie können doch gar nicht im Zweijcl sein, wo Ihr größtes Können liegt."
„Doch, doch," wehrte Wulffen ab, „Sie dürfen nach einer Inspiration nicht gleich fertig urtheilcn —" Er sah angestrengt um sich, wo Hilde blieb.
Endlich gelangten sie an ihre Seite. Sie aber sagte kein Wort.
Langsam bewerkstelligten sie den Abstieg und gelangten allmählich aus dem dichten Holz in freie Gegend, wo der
Mond groß, in röthlichem Glanze über ihnen hing, daß die
Sterne dagegen bleich schimmerten. Hier fand Frau Irmgard ihre gewohnte Art wieder, leicht brachte sie ein Gespräch
zusammen, von dem Hilde kein Wort verstand, nur daß das
Geräusch der Stimmen sie störte und abstieß.
Bald hinter dem Blockhaus verabschiedeten Hollmanns sich, wobei sie ihre Einladung zu morgen Mittag eindringlich wiederholten.
Die Promenade entlang lief Hilde voraus nach Hause, stürzte oben in ihr Zimmer, nahm einige Blätter aus verschiedenen Mappen und lief damit nach der Mädchenstube.
„Anna, sind Sie noch wach? Laufen Sie, legen Sie das Dings hier auf Wulffens Tisch. Ich Habs vorhin vergessen und Herrn Laudrath liegt viel an der Besorgung. Vorsicht!"
So log sie, die noch nie ein unwahres Wort gesprochen.
Anna kam zurück
„Es ist besorgt, Fräulein- soll ich noch etwas?"
„Nein, danke. Gute Nacht."
Hilde flog die Treppe hinab ins Eßzimmer, wo die Lampe traulich brannte und die beiden Herren gleich danach eintraten, ihr gute Nacht zu wünschen, denn Tauchlitz war müde und Wulffen schützte es vor, weil seine Selbstbeherr'chung Gefahr lief.
Seltsam warm sagte sie dem Papa gute Nacht. Daran mußte Tauchlitz denken, während er schon in den Kissen lag. Mußte das nun sein? Muß sein Kind, das innerlich störrische, solch ein Unglück haben? Konnte Wulffen sich nicht mit der Theaterdame begnügen- statt ihm das Kind hier aus seiner herben, holden Abgeschlossenheit zu reißen?
Indeß, sein gesunder Schlaf überfiel ihn und trieb ihm die Vatersorgen gründlich aus, als Hilde noch an ihrer Thür stand, die Hand am vorgedrehten Riegel.
Jetzt fielen Wulffens Blicke auf das, was sie geschaffen, jetzt erriethen sie ihr Wollen — Schritt für Schritt würde er nun Vordringen in ihrem Reich. Wie die Scham sie packte und niederdrückte bis zum athemlosen: Hätt' ichs doch nicht gethan!
Sie streifte die Schuhe von den Füßen, die Taille von


