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davon.

Otto hatte bei eirem größeren Bankinstitut eine für seine Verhältnisse glänzend dotirte Stellung als juristischer Berather und Vertreter erhalten. Das Erst war, daß er den Eltern eine monatliche Pension bezahlte, die den Werth der von ihm empfangenen Verpflegung weit überstieg. Dann ging er mit sich zu Rathe, wie er an Carl einen kleinen Theil der schweren Schuld, die er ihm gegenüber auf dem Herzen hatte, abtragen könnte.

Diese Frage war nicht so leicht zu lösen, denn der früher so muntere, offenherzige, lebensfrohe Mann hatte sich in einen verschlossenen, mißtrauischen und unzugänglichen Grillensänger verwandelt. Die Schatten des Verbrechens, unter dessen Verdacht er in Untersuchungshaft gesessen hatte, verdüsterten sein Leben. Die trübe Erfahrung, von der er seinem Bruder in so verzweifelter Stimmung berichtet, hatte einen so verbitterten und argwöhnischen Seelenzustand in ihm erzeugt, daß er sich überall, auch da, wo es gar nicht der Fall war, von Voreingenommenheit, Mißtrauen und Gehässigkeit umgeben sah. Die Folge davon war, daß er sich scheu von jedem gesellschaftlichen Verkehr zurückzog. Er mied den Umgang seiner Verwandten und Freunde, in deren Mienen er Geringschätzung oder mindestens beleidigenden Zweifel zu lesen glaubte. Sah er auf der Straße in seiner Nachbarschaft zwei Menschen zusammenstchen und sprechen, so huschte er mit scheuem Blick vorüber, denn seine krank­hafte Einbildung spiegelte ihm vor, daß von ihm und von dem auf ihm lastenden Verdacht die Rede war. Folgte einer seiner Gehilfen in der Werkstatt nicht blindlings seinen Anweisungen, so legte er das, was oft nur Unacht­samkeit oder Saumseligkeit war, für mangelnden Respect aus. Ja, auch in seinen geschäftlichen Beziehungen spukte die un­glückselige Geschichte hinein. Die Reisenden der Concurrenz entblödeten sich nicht, den Fall Köster zum Schaden des Unglückseligen auszubeuten. Sie erzählten bei allen Kunden, bei denen sie vorsprachen, achselzuckend die Geschichte von der Freisprechung Carl Kösters. Er sei ja aus der Haft entlassen, . . . freilich . . . aber so ganz rein und zweifels­ohne sei die Geschichte doch nicht. Ein Freispruch wegen mangelnder Beweise, das sei eigentlich gar kein Freispruch. Jedenfalls thäte man gut, sich von jeder geschäftlichen Ver­bindung mit einem Manne fernzuhalten, der eigentlich noch immer unter einem entehrenden Verdacht stände.

Wenn dann Carl bei den Kunden vorsprach, um nach Bestellungen zu fragen, so sah er scheele, unfreundliche Mienen $unb hörte mehr als einmal anzügliche Reden. In solchen'uen Pflegte er zornig und grob aufzufahren und zu einem Geschäftsabschluß kam es unter diesen Um­ständen natürlich nur selten. Ueberhaupt gewöhnte sich der sonst gutmüthige Mann ein kurzangebundenes, barsches Wesen an, hinter dem sich die Scham und der Schmerz seiner reinen, empfindlichen Seele barg.

Die Wirkung aller dieser Verdrießlichkeiten und nieder­drückenden Erfahrungen war, daß Carl seinen ganzen Waarenvorrath zum Herstellungspreise losschlug, Wohnung und Werkstätte kündigte und an das entgegengesetzte Ende Berlins, in die Bergmannstraße, unweit des Halle'schen Thores übersiedelte. Hier durfte er hoffen, freier aufathmen zu können, denn wenn man auch von dem Prozeß wegen des ihm zur Last gelegten Diebstahls aus den Zeitungen wußte, so war doch kaum anzunehmen, daß man sich hier, wo man ihn nicht persönlich kannte, seines Namens erinnern würde. Zugleich warf er sich auf eine neue Fabrikations­branche. Seinen Meteorbrenner legte er vorläufig seufzend bei Seite. Er wollte vorderhand gänzlich mit seiner Ver­gangenheit brechen und sich einen neuen Kundenkreis, der ihn noch nicht kannte, erwerben. Freilich, mit dem schönen Traum von schnellem Emporkommen, von Wohlhabenheit und der Erreichung hoher, ehrgeiziger Ziele war es vor­läufig vorbei. Nun hieß es, noch einmal von vorn anfangen. Im Hintergrund aller seiner Wünsche und Zukunftshoffnungen stand aber immer das Eine: den Thäter den wirklichen

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sollte geschlossen werden, als die . . . die unglückselige Ge- ! schichte dazwischen kam. Während der ersten vierzehn Tage nach meiner Freilassung kam ich nicht dazu, die Verhand­lungen mit dem Mann wieder aufzunehmen. Es war so viel Näherliegendes zu ordnen. Erst heute suchte ich den Geld­mann auf. Ich fand ihn ganz gegen mein Erwartung zugeknöpft, unzugänglich. Er wollte von dem Compagnie- aeschäft mit mir nichts mehr wissen. Er habe stch die Sache überlegt, er sei nicht mehr vom Gelingen überzeugt. Aber wir waren doch vollkommen einig, entgegnete ich thm. Sre sahen doch dem Geschäft vor vier Wochen noch mit so großen Hoffnungen entgegen. Ja, das war damals, meinte er, aber heute liegt doch die Sache wesentlich anders. Wieso? fragte ich, immer noch ohne die geringste Ahnung, wieso heute? Nach Ihrem Prozeß, entgegnete er mir, und nun sah ich, daß mich das Urtheil des Richters m Wahrheit nicht freigesprochen hat. In den Augen meiner Geschäfts­freunde, meiner Nachbarn gelte ich noch immer als der Verdächtige, wenn nicht als der Schuldige. Der Credit, das Vertrauen ist verloren und doch, ich schwör' Dir's, Otto, doch bin ich schuldlos, meine Hand ist rein. Ich habe nichts mit dem Diebstahl zu schaffen, so wahr ich meine Frau und mein Kind lieb habe."

Die Stimme des Sprechenden brach und er, der selbst am Tage des Gerichts seine Fassung bis zum letzten Augen­blick bewahrt hatte, wars sich wie vernichtet in seinen Stuhl am Schreibtisch, und zwischen den Händen, die er vor das Gesicht geschlagen hatte, drang ein Laut hervor, der stch wie verhaltendes Schluchzen anhörte.

Der kleine Fritz stimmte ein lautes, klägliches Geschrei an. ,

Die unheimliche Stille, die mt Zimmer herrschte, und die Thränen, die er in den Augen seiner Mutter sah, be­drückten und ängstigten den armen kleinen Kerl.

Otto saß regungslos, wie zerschmettert auf seinem Stuhl. Jedes Wort des Bruders traf ihn wie ein Dolch­stoß. Der tiefe, fassungslose Schmerz des Schwergeprüften wälzte von Neuem einen schweren, dumpfen Druck auf seine Brust. Eine siedende Hitze flackerte in ihm auf.

Carl", sagte er und sprang auf seine Füße und eilte zu ihm -beruhige Dich, Carl! Ich will hin. Wie heißt der Mann, wo wohnt er? Ich will mit ihm sprechen, ich will ihm sagen ..."

Carl erfaßte die Hand des Bruders, bte auf seiner Schulter ruhte, und drückte sie herzlich.

Ich danke Dir, Otto" erwiderte er und erhob die in feuchtem Glanz schwimmenden Augen zu ihmich danke Dir von Herzen. Aber laß nur! Es würde ja doch nichts nützen. Die Ueberzeugung, daß ich unschuldig bin, kannst Du ihm ja doch nicht b-ibringen, wenns die Ver­handlung nicht gethan hat. Dein und der Eltern Zeugmß vor Gericht. Ja, wenn man den Schurken fassen könnte, den Dieb, der's gethan hat, für dessen feige, gemeine That ich so viel leiden muß, wenn man den fassen und überführen könnte. Ja dann! . . . Du Otto, Du hast schon so titel für mich gethan . . . damals auf dem Gericht ... Du weißt ja nicht, wie mir zu Muthe war ... auf den Knieen hätt' ich Dir danken mögen ... das vergeß' ich Dir nie, Otto, nie in meinem ganzen Leben."

Er schlang, überwältigt von seinem Gefühl, den Arm um des Bruders Hals und zog seinen Kopf zu sich herab. Doch Otto riß sich heftig los, gerade, als Carls Lippen seine Wange streiften. Der kalte Schweiß, den ihm dte folternde Seele erpreßte, stand ihm auf der Stirn. Wie ein Schandmal, das ihm mit glühendem Eisen aufgedrückt worden, brannte ihn des Arglosen Kuß.

Nein . . . nein!" schrie er auf, unfähig länger Stand zu halten. Er riß seinen Hut an sich und stürmte