411

Es ist ja gut, Heine. Geh zum Onkel."

Der lachte ihn an, daß der Delinquent Muth faßte.

Also Musiker willst Du werden, Jung'? Wie ist das möglich!"

Nur Unterricht möchte ich, Onkel. Man lernt doch sprechen, ohne Redner zu werden."

Hast recht, hast recht. Wollens möglich machen, sollst 'ne anständige Geige haben, wenn Mama Dir einen Lehrer nimmt, damit Du reden kannst, wie Dir der Schnabel wächst, Du junges Kücken Du!"

Die Mutter nickte liebevoll und schnitt ihm den Dank ab.

Wir wollen essen, Sophie."

Ja, und nachher pfeifst Du mir ein Stück wie heute Nachmittag, Heinrich," sagte Wulffen.

Nein, Onkel, das kann ich nicht- lieber will ich nichts lernen und nichts haben, wenn es so gemeint ist."

Der Junge rang die Fäuste ineinander, Herr Muffen schüttelte ihn gutmüthig.

Ruhig! Sollst Deinen Willen haben, und für Dich bleiben, mein Wort halte ich Dir. Darf ich bitten, Luise Er führte sie ins Eßzimmer.

Franz trat ein und hörte verwundert, was sich mit Heinrich zugetragen. Das war für ihn wie gefunden. Unter geringer Mühe setzte er für den Herbst einen Tanz­unterricht durch, während Heinrich seine Musikstunden nahm. Zuerst spielte er Gelerntes, danach Eigenes was in seiner Seele lebte und brauste.

War Herr Wulffen anwesend, sahen sich Schwager und Schwägerin in solchen Augenblicken verständnißvoll an, nickten stch zu oder gaben sich im aufwallenden Stolz kräftig die Hände, während Sophie draußen murmelte:Gott behüt' ihn!" (Fortsetzung folgt.)

Die Perle der Nordsee.

Schilderung einer Sommerfahrt von Otto Bruhnsen.

(Fortsetzung.)

Ich verlebte genußreiche, herrliche Stunden in der mit allem Comfort der Neuzeit ausgestatteten Strandhalle, in itoetdjer bei dem abendlichen Concert der Kurcapelle, von dem milchweißen eleetrischen Bogenlicht feenhaft beleuchtet, ein zahlreiches, distinguirtes Publikum auf und ab wogte.

Mit Entzücken nahm ich den überwältigend schönen Ein­druck in mir auf, als ich bei einem Schöppchen Moselwein bald den wirklich hörenswerthen Leistungen der kleinen Mustker­schaar, bald dem gewaltigen Rauschen der Wogen lauschte, während ein erfrischender Seehauch mir um die Schläfen brandete.

Hernach, als sich der Schwarm verlaufen hatte, lust­wandelte ich, wie das so meine Gewohnheit zu sein pflegt, zu später Stunde mutterseelenallein am Strande, dabei über allerlei Hindernisse, die sich meiner einsamen Wanderung ent­gegenstellten, mit viel Geduld und großer Vorsicht hinweg- gehend. Das oft unter Wolkenschleiern sich bergende Mond­licht zitterte in breiten Filigranstreifen auf dem bewegten Meer.

Eine solch' wundervolle Strandpromenade bietet Helgo­land nicht.

Auch das Königliche Conversationshaus, die in ihm ge­botenen Coucerte, Vorlesungen rc., und die anmuthige grüne 'Wildniß ringsum stellen das, was Helgoland in dieser Be­ziehung bieten kann, tief in den Schatten.

Beide Seebäder sind in ihrer Art einzig. Könnte man ihre Vorzüge zu einem Ganzen verschmelzen, so würde etwas Vollkommenes herauskommen.

Lange verweilte ich an dem, in nächtiges Dunkel ge­hüllten, wundervollen Strande, während schwachflimmerude Sterne und der hinter eilenden Wolken ein phantastisches Spiel treibende Mond meinen Pfad nur schwach erhellten. . .

In aller Herrgottsfrühe des nächsten Morgens eilte ich wiederum an das tosende Meer und stellte Vergleiche an.

Auf dem langgestreckten Strande reiht sich Korb an Korb, bunte Nationalitätsfähnchen wehen darüber hin.

Das Badeleben auf Norderney ist großartig entwickelt, aber es ist nicht so ursprünglich, wie auf der Düne in Helgoland.

Norderney ist unverhältnißmäßig stärker besucht und dichter besetzt, als Helgoland, auch wenn in Anschlag gebracht wird, daß ersteres stch über 15 Quadratkilometer erstreckt, während letzteres mit 0,55 Quadratkilometern haushalten muß.

In Norderney ist der Badestrand gleich bei der Hand, in Helgoland muß man, um zu ihm zu gelangen, die von Manchen als ein erschwerendes Moment, von der weitaus größeren Zahl der Badegäste indessen als eine große Annehm­lichkeit betrachtete Segelfahrt nach der Düne in den Kauf nehmen.

Diese Segelparthien würden nicht umsonst geboten, wird man hier einwenden können. Zugegeben, aber dafür ist der Ansatz der Curtaxe für den Aufenthalt auf Norderney ganz unverhältnißmäßig höher als auf Helgoland.

Mit freundlichen Erinnerungen schied ich am nächsten Vormittage von der lieblichen Insel, um mich an Bord eines Lloyddampfers nach Bremerhaven einzuschiff n.

Verlief die Seefahrt wiederum bei einem Prachtwetter äußerst genußreich, so war die schier endlos sich erstreckende Fahrt auf der Unterweser desto langweiliger. Ich war froh, als ich sie hinter mir hatte.

Bremerhaven und Geestemünde waren in dem Sonnen­glaste des Hochsommertages für den aus See Kommenden eine Hölle. Nach einer Besichtigung der dem Hamburger nicht imponirenden Lloyd-Anlagen und einer Rundfahrt in der, wenig Eigenart bietenden Stadt, eilte ich über Geeste­münde nach Bremen, das neuerdings in der Entwickelung hinter Hamburg nicht zurückbleibt, es in mancher Hinsicht sogar überflügelt.

Der Hamburger muß beispielsweise jahrein, jahraus mit geradezu kläglichen Bahnhofsanlagen sich abfinden. Bremen dagegen, das mit Preußen immerdar auf dem besten Fuße steht, kann sich bereits seit längerer Zeit des Besitzes eines practisch angelegten Centralbahnhofes rühmen.

Auch um ihren herrlichen, träumerisch sich breitenden Bürgerpark und das prächtige Parkhaus mit dem Hollersee (!) in seiner Mitten sind die guten Bremer zu beneiden. Bei den Klängen einer wirklich gediegenen Militärmusik habe ich in ihm in der Abendkühle genußreiche, frohe Stunden verlebt.

Hernach zog es mich mit magischer Gewalt nach der inneren Stadt, vor Allem nach dem Markte und den recht sorgsam beieinander gehaltenen Alterthümern der schmucken Weserköuigin.

Dort, vor dem von altersher berühmten Rathswein­keller, erblickte ich sie in Person, ein Erzbild von genialer Composition und vollendet schöner Ausführung.

Wiederum ein Schmuckstück, auf das die Bremer stolz sein können. Sie haben doch in Allem eine glückliche Hand!

Frau Brema, eine Jdcalgestalt voll anmuthiger Hoheit und klassischer Formenschönheit, lehnt gegen das Postament des Reiter-Denkmals Kaiser Wilhelms des Siegreichen, das im Uebrigen in durchaus convenrionellen Formen gehalten ist und einigermaßen kalt läßt.

Desto mehr erwärmt der Anblick der Huldgestalt zu den Füßen Barbablancas. Sie übt einen bestrickenden Reiz auf den Beschauer aus.

Ich habe lange Zeit bewundernd das Kunstwerk be­trachtet und den Schöpfern desselben im Geiste meine Reve­renz gemacht.

Daun ging der nach einem kühlen Weintrunk Verlangende geradeswegs in den in einer Lichtfluth schwimmenden Raths­weinkeller und damit wiederum zu einem Schmuckstück Bremen's, )em Hamburg einstweilen nichts Aehnliches an die Seite zu stellen vermag. Nach Jahrhunderten wird ohne Zweifel auch