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Er trabte seinen Weg zn Fuß, froh, endlich einmal auf eigene Faust selig sein zu können, wobei er sich, wie ein junger, täppischer Hund, die halbe Meile verdoppelte.
Förster Körber nahm ihn auch in diesem Sinne in Empfang, es fehlte bloß, daß er ihn am Genick in die Höhe gehoben und geschüttelt hätte, wie er es seinen jungen Dachshunden that. Frau Körber wartete mit Brotkuchen und Kaffee auf den lieben Jungen, der sich trotz aller Zuneigung doch bald zu drücken verstand.
Durch alle Ställe kroch er, und als endlich der Heuboden, ja sogar die verschwiegensten Ecken der alten Scharwerksbude, in denen außer ihm höchstens noch die Hütejungen Bescheid wußten, revidirt waren, trottete er, die Peitsche unter« Arm, durch den Garten dem Walde zu. Die scharfe Märzluft blies ihm das Gesicht roth und die Hände blau, aber es war doch nicht ihr Schauer, der ihn durchrann, als der Wald vor ihm lag. Dunkelblau schimmerte der Dunst durch die grauen Buchen-, die rissigen Eichenstämme zwischen denen sehr vereinzelt die helle Birke ausieuchtete — es war wie ein Märchen, er wußte von sich selbst nichts mehr. Und da lag der Grasplatz vor ihm und mitten darauf die Sphinx, geheimnißvoll in all dem Weben und Säuseln um sich her. Ein Zittern überlief ihn, würgend stieg es ihm in den Hals, als müsse er sich au das Bild klammern und weinen und laut aufschreien. Und dann brauste ein Sturm von Tönen, von aufwogenden Harmonien über ihn hin, daß er wie verzaubert starrte und Stand hielt.
Diesmal ließ es ihn wieder los. Am selben Tage kehrte er zur Stadt zurück, um eine Flöte zu erstehen, mit der er in nächster Zeit zu seinem'.Lieblingsplatz hinausschlich.
Der lag draußen hinter dem Bahnhof. Rechts den Knieper Feldweg mußte man gehen, den trotzige Baumriesen und rechts wie links zwei große Seen begrenzten. Weiterhin, am Ufer des einen breitete sich ein Gehölz mit einer alten, hohlen Weide, deren Aeste über das murmelnde oder wildklatschende Wasser ragten.>
Wie gut saß es sich dort, wenn die salzige Luft vom nahen Meere herüberwehte, wenn die Möven schrieen, der Sturm in den Wellen und Bäumen brauste und die grauen Wolken ihre Schlachten über ihm kämpften!
Hierher ging er in Diebesheimlichkeit mit sder Flöte, um dem, was in ihm drängte, Ton und Leben zu verleihen. Schwer nur gelang es ihm, mit dem kleinen Instrument sich ins Einvernehmen zu setzen. Dann aber erreichte er doch, mit ihm Zwiesprache zu führen. Schon aber beseelte ihn ein höherer Wunsch. Und mit ihm ging er zur Mutter.
Sie saß in ihrem gemüthlichem Zimmer am Fenster, dessen zartgelbe Gardinen, seitlich zurückgerafft, ihre volle, königliche Gestalt, ihr glänzend glattes, schwarzes Haar und ihr weiß und rothes Gesicht mit der leicht gebogenen Nase, den dunklen Augen, dem rothen, kleinen Munde einem fein abgetönten Gemälde gleich umrahmten.
Ihre Gedanken weilten bei den Söhnen. Franz hatte auf der Straße einen wieder beigelegten Confliet gehabt, Heinrich zeigte sich als grundschlechter Lateinschüler — es half nichts, sie mußte ihr warmes Herz vor ihnen verstecken, sie durften nicht mehr jeden Willen haben.
Einen Augenblick ließ sie die feine Strickarbeit in den Schooß sinken. Das zarte Muster im Viereck, an dem sie gearbeitet hatte, bildete eine vollendete Linienführung durch spitzenartige und feste Maschenreihen. Zahlreiche ähnliche Caros, kunstvoll zusammengesetzt, ergaben eine große weiße Bettdecke, deren jeder Sohn einst zwei mitbekommen sollte.
In solche große langdauernde Arbeit webte sich für die Kinder, die sie entstehen und fortschreiten sahen, ein gewaltiges Stück ihres Lebens mit hinein. Schon bei des Vaters Tode strickte Mama an der ersten Decke. Heinrich wußte genau, wie sie gesessen hatten, die übereinstimmenden Muster aus dem großen Buche zu wählen, in welches bereits die Großmutter ihre Vorlagen gezeichnet hatte. Wieviel Erinnerungen tauchten dem Papa damals beim Blättern auf!
lieber der Arbeit, die Keiner mehr bewunderte, als der Vater, war dieser gestorben, hatten sie alle Wandlungen der letzten Jahre durchgemacht. Du sitzest damit wie am Webstuhl der Zeit, hatte Franz einmal seiner Mutter gesagt.
Leise war Heinrich jetzt eingetreten, die Augen ihren regsamen Fingern gleichsam mitichaffend zugewandt, trug er ihr seinen Wunsch vor, eine Geige zu bekommen.
Frau Wulffen schüttelte den Kopf.
„Es geht nicht, Heine."
Er wurde dunkelroth.
„Du zersplitterst Dich mit Deinen Liebhabereien schon genug; die Lehrer klagen über Deine Arbeiten, während Du Dich stetig mehr vom Lernen ablenkst. Fast täglich gehst Du zu den Teichen hinaus —"
„Die sind mir nachgerade recht, hinein zu laufen," stieß der Gemaßregelte hervor. „Du solltest nur einmal mit Franz so sprechen, für dessen Vernügungen macht Ihr Alles möglich! Aber freilich, der kann ja thun und lassen, was er will!"
Wild stürzte er zur Thür, wobei er einen Stuhl umriß, erst Frau Luisens Ruf hielt ihn zurück.
„Heine," Jagte sie verweisend, „heb' den Stuhl auf und bleib' In Eurem Zimmer, bis ich Dich rufe!"
Heinrich ging. Zuerst saß er, die geballten Fäuste gegen die Stirn gestützt. Dann machte er sich verbissen über seine Arbeiten her. Verloren aber ging bald sein Blick zum Fenster nach dem lachenden Sommerhimmel hinauf. Kein Lüftchen regte sich. Wie Spiegel mußten die Wasser liegen, wie zarter Hauch die Luft schmeicheln. Da träumte es sich so gut in den blauen Himmel hinein.
Unter solchem Sinnen nahm Heinrich die Flöte zur Hand. Beim ersten Ton setzte er erschrocken ab — wenn ihn Jemand hörte!
Aber die Mutter wollte ja ausgehen! Und er setzte das Instrument wieder an den Mund.
Erft leise und verhalten, dann selbstvergessen legte er sein kindisches Leid und Träumen in die Musik.
Frau Wulffen saß bekümmert auf ihrem Platz. Der Vorwurf hatte sie getroffen, daß Franz zu seichter Unterhaltung größere Freiheit genieße; außerdem wurde ihr die zügellose Art ihres Jüngsten beängstigend, eine Vaterhand würde ganz andere Ordnung gehalten haben.
Indem schlugen weiche Töne an ihr Ohr. Anfangs saß sie unbeweglich, dann eilte sie bis an die Thür, um endlich näher zu schleichen. Sie horchte. Ein Bild, das sie als Kind sehr geliebt hatte, tauchte vor ihrem Erinnern auf. Unter einem alten Baume blies ein Schäfer die Flöte — so bannte er die Elfen, deren Spuk seine Schafe oft ängstigte und vertrieb. Der schöne, alte Baum, die grünen Matten, im Hintergründe die bezauberten und besiegten Elfen, weiter vorn die sattruhenden Schafe, neben ihnen der ohrenspitzende Hund — wie sah sie Alles deutlich! Am deutlichsten allerdings war ihr der Schäfer, der ganz versunken in sein Spiel, dessen Zweck selber ganz vergessen hatte.
Jäh brach der Spieler ab.
Frau Wulffen wandte sich und traf Sophiens Blick, die lauschend in der Küchenthür stand.
„War das unser Heinrich?"
Die Gefragte nickte nur. Da ging die Glocke, Onkel Wulffen aus Hohenried sprach vor. Unter Anderem hörte er auch von Heinrich und seinem Wunsche, wie von Fran Luisens jüngsten Eindrücken. Dann folgte Rede und Gegenrede, bis er Sophie rief.
„Ja, denn holen Sie man den Sünder her, er sitzt nun wohl lange genug "
Mutter saß mit Onkel am Sophatisch, als Heinrich eintrat.
„Komm näher, Heine," rief der gutmüthige Onkel.
Heinrich schritt zum Tisch, vor der Mutter hielt er inne. „Verzeih," murmelte er bedrückt und gequält.
Frau Wulffen strich über sein Haar.


