216

Aeformkkeidung und Wode.

Bearbeitet u. mit Abbildungen versehen von der Internationalen Echnittmanufactur, Dresden. Reichh. Modenalb.u. Schnittmusterb. für 50 Pfg. das. erhaltl..

Die im vergangenen Jahre mit so außerordentlichem Ersolg in Scene gesetzte Ausstellung des Vereins für Verbesserung der Frauen- Keidung in Berlin hat kürzlich in Dresden und in Frankfurt nicht weniger erfolgreiche Nachfolgerinnen gehabt. In Dresden z. B konnten die Räume der Ausstellung die zahlreichen Besucher kaum fassen und auch der übrige Erfolg war ein voll / befriedigender, denn dem Verein sind

dadurch eine Menge neuer Mitglieder zugeführt worden. Man ersieht hieraus, daß die Reformbestrebungen in immer weiteren Kreisen Eingang finden. Thatsächlich dürfte ja auch der Gedanke, gesünder und bequemer, dabei aber ebenso nett angezogen zu sein wie bisher, wohl den meisten Frauen sympathisch sein. Bis jetzt scheiterte dies vernünftige, von vielen Aerzten angelegentlich empfohlene Bestreben aber immer an dem eisernen Willen von Frau Modo und es mußten schon sehr muthige und auch wenig eitle Frauen sein, welche es wagten, sich dem allgemein giltigen Geschmack entgegen zu setzen und ihrem Körper die natürliche, unge­schnürte Taille zu lassen und ihn überhaupt nicht durch straffe Kleidung einzuengen. Neuerdings haben es jedoch die Pionire der Reformbestre­bungen bedeutend leichter, da ihnen die Mode selbst um einige Schritte entgegen kommt und sobald man erst die Mode ganz und gar zur Verbündeten haben würde, wäre das Spiel gewonnen.

Mod. 1302.

Die Vortheile, welche die Mode jetzt bietet, bestehen darin, daß sie

möglichste Schlankheit in der Hüftengegend fordert und diese ist mit einer eingeschnürten Taille einmal nur bei solchen Figuren möglich, die von Natur schlank. Andernfalls werden durch das Schnüren die ge­

raden Linien unvortheilhast unterbrochen, d. h. die Hüften treten mehr hervor und erscheinen desto stärker.

Die übermäßig eingeschnürte

Wespentaille gilt zur Zeit bittet als unfein. Im Einklang mit dieser, mehr den natürlichen Formen entsprechen­den Figur stehen auch die übrigen Modeformen, welche größteotheils in losen, reich garnirten Blouson be­stehen. Sogar der Tailormade-Genre paßt sich dieser Mode an, da er nicht mehr lediglich in enganliegenden Taillen besteht. Die diesbezüglichen Costüme setzen sich vielmehr aus Rock und vorn losem Zacket zusammen, welches durch eine leichte, lose Blouse ergänzt raub. Unzweiielhast hat speziell hier die allgemeine Vorliebe für allerlei Sport, insonberbeit ber Rabfahrsport, einen unverkennbaren Einfluß ausgeübt.

Besonders die letzte Modeneuheit, die Russonblouse, läßt sich sehr gut mit den Grundsätzen der Kleiderreform vereinigen. Dieselbe verliert an einer eng geschnürten, im Uebrigen viel­leicht starken Figur sofort den ganzen, ihr eigenthümlichen Chick. Sie er­fordert vielmehr eine Figur von natürlicher Schlankheit, hauptsächlich aber langem Oberkörper, da die vorn und hinten überhängende Blouse

die Taille verkürzt.

Fig. 1301. Eine andere vorzüglich geeignete

Modeform sind die kurzen Figaro jäckchen, welche zwar nicht mehr in dem Maße rote vor einiger Zeit, aber noch immer sehr viel getragen werden. Beifolgende Abbildung Nr. 1302 veranschaulicht ein Kleid für junge Mädchen mit derartigem kurzen Jäckchen. Der Rock erhälb-ein Mieder direct angeschnitten und reicht daher bis unter das Jäckchen. Seinen Halt bekommt er dadurch," daß er an die ärmellose Futtertaile, welche vorn mit einem bauschigen Einsatz versehen ist, angeknöpft wird.

Am schwierigsten gestalten sich die Verhältnisse, wenn es güt, em Reformkleid sür ältere Damen herzustellen, welches dabei modern und elegant aussehen soll. Da leistet nun wieder die tose Jackenform vor­zügliche Dienste, denn sie gestattet eine große Abwechselung und erscheint trotz größter Bequemlichkeit niemals plump. Beifolgende Figur 1301 stellt eine solche Jacke dar. Vorn

öffnet sie sich über einem Einsatz von gebrausten Spitzen, welcher auch beliebig durch einen gezogenen seidenen Einsatz ersetzt werden kann. Der angeschnittene Schooß ist glatt an­liegend und hinten in einige Falten gelegt.

Abbildung Nr. 1306 bezieht sich auf eine ungemein praetische Lösung der oft besprochenen Frage, wie im Frauenkleid die so nothwendigen Taschen vortheilhaft zu placiren sind. Wie bekannt, sind dieselben meist so in den Falten des Kleides versteckt, daß sie sich nur schwer auffinden läßt; außerdem ist wohl selten mehr als eine Tasche vorhanden. Das beifolgende Costüm enthält nun IsTaschen,welche alle so beschaffen sind, daß man sie auch wirklich be­nutzen kann. Die dadurch erreichten Vortheile liegen namentlich auch für all' die zahlreichen im öffentlichen Leben thätigen Frauen klar auf der Hand. Dabei ist das Costüm nichts weniger als auffällig, denn es besteht aus einem einfachen, nur mit Stepp; nähten verzierten Rock, einer glatt anliegenden Weste und einer vorn

losen, hinten anliegenden Jacke; alles 1306

im Tailormade-Genre gehalten ö

Die Taschen sind folgendermaßen plaeirt: In der Weste sind unter­halb der Taillenlinie zwei kleine Westentaschen, links in Brusthöhe ist eine kleine Brusttasche und rechts ist gleichfalls eine große Brusttasche, aber innen im Futter, und ist dieselbe eigentlich nur sür Werthstücke

bestimmt.

Das Zacket enthält sechs Taschen, Billettaschen oderdergl. gelten können, denn sie befinden sich je auf dem Aermelaufschlag- Zwei sind seitlich unterhalb der Taillenlinie und zwei sind Brusttaschen, eine rechts außen und eine links innen. Die vier letzten Taschen sind im Rock, vorn in den Nähten zwischen Vorder- und Seitenblatt und hinten rechts und links in bett Falten.

Mit unserer Schlußfigur Nr. 1305 geben wir schließlich noch einen Wink, wie sich bie Grundsätze der ver­besserten Frauenkleidung mit der modernen gesellschaftlichen Mode ver­einigen lassen. Dabei fällt natürlich der Grundsatz des fußfreien Rockes fort, denn auf dem Parkett ist die Schleppe nicht verpönt. Demgemäß ist auch das Kleid mit kurzer Schleppe geschnitten, welche die Figur b-sonders graziös erscheinen läßt, da die Taille int Style Empire höher verlegt ist. Dabei ist der Rock oben nicht angekraust, sondernso geschnitten, daß er nur in der Hinteren und vor­deren Mitte in wenige Falten gelegt

von denen jedoch zwei nur als

Mod. 1305.

zu werden braucht.

Schließlich möchten wir noch bemerken, daß wir mit Absicht die sanitäre Seite der Refonnbestrebungen unerwähnt gelassen haben, denn dieselbe ist ja an und für sich klar und außerdem ist von Berufener er Seite und mit beredten Worten schon so viel über diesen Punkt gesagt worden, daß wir nichts hinzuzusügen vermöchten. Wen aber die Kleidung an sich, d. h. die Herstellung der Reformkleidung, die Schnitte dazu, bie geeignetsten Modeformen, sowie Bezugsquellen interessiren, ber lese bas Schriftchen:Die Reformkleidung der Frauen in Wort, Bild und Schnitt." Ausführliche Anleitung zur Herstellung von Reformcostümen. Mk. 1,25. Verlag der Europ. Moden­zeitung, Dresden.

Rebaction: I. SB.: Hermann Elle. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindriickerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen,