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Er sah bestürzt auf den Wirth, der die Meine Scene beobachtet hatte.
„Kleines, unerwartetes Wiedersehen gefeiert? was? Geht nirgends wunderlicher zu, als in der Welt — o, bitte — von meiner Seite —" Das Andere wurde durch ein verständnißvolles Lächeln ergänzt.
„Sie irren, Herr Lund — Fräulein von Arabin —" aber sein Einwurf verklang unbemerkt.
„Ja, bitte, da an die Seite meiner Frau — so, das arrangirt sich doch vortrefflich."
Monkens lebhafte Augen hefteten sich häufig auf Linens vornehmes Gesicht, das zwischen denen der Kinder auftauchte — ohne daß ihre Blicke den feinigen begegneten. Nur für die beiden kleinen Mädchen schien sie da zu sein, auch richtete Niemand von den Anderen das Wort an sie.
Wie kommt Jacqueline von Arabin in diese abhängige Stellung? Der Gedanke wollte Jochim gar nicht verlassen.
Bei großen Festlichkeiten in Münster hatte er sie zuerst gesehen, sie wurde damals von Frau von Rhena, einer weitläufigen Verwandten von ihm, einer alten, liebenswürdig vornehmen Dame, chaperonnirt. Sie war so jung, lebenslustig und schön — und er wollte ihr absolut glaubhaft machen, daß er eine Art von Vetter von ihr sei — zwanzigsten Grades, wenn sie es nicht anders wollte, aber immerhin doch verwandt durch die beiderseitigen Beziehungen zu Frau von Rhena. — Wenigstens bemerkt, nicht von ihr zu übersehen zu werden, der man allseitig soviel huldigte, das war sein eifrigstes Bestreben gewesen. Und welch eine elegante Erscheinung war ihr Vater noch, etwas Grandseigneur, was ihm so gut stand. In den Herrengruppen nannte man ihn beziehungsvoll den „tollen Arabin" — toll sollte er's getrieben haben; die Weiber, das Spiel, und dabei eine vertrauensselige Unkenntniß in Geldsachen. — Mein Gott, wie so viele Andere auch!
Joachim war in Gefahr gewesen, sich ernstlich an jenem Abend zu verlieben; gut, daß die gnädige Tante Rhena ihm so ganz absichtslos erzählt hatte, wie Jacqueline Eigenschaften habe, die ganz unschätzbar seien, und daß sie einen reichen Manu unfehlbar glücklich machen müsse — daß aber ein Lieutenant, der nicht einmal die Caution stellen könne, gut thue, sich nicht abzusehr die Flügel zu versengen.
Er hatte einen kleinen Strauß, den Jacqueline achtlos liegen ließ, unter seine Uniform geschmuggelt — er war damals wirklich noch zu sentimentalen Streichen geneigt.
Und in einem sonnenhellen Februar, einige Jahre später hatte er Vater und Tochter wieder gesehen, in Monaco, wohin ihn Prinz Balduin mit den immer vollen Taschen und der ewigen Reiselust geschleppt hatte. „Ueber Wasser" war der Chevalier, wie man Herrn von Arabin dort nannte, wohl dem Aeußeren nach noch, aber er war damals doch schon so weit gekommen, Bekanntschaften mit Reisenden zu suchen, um ihnen von seinem Spielsystem zu sprechen, mit dem er eines Tages unfehlbar die Bank sprengen müsse — und sie einstweilen zu Halbpart einzuladen — wobei sie das Risiko tragen mußte.
Und nun hier — Jacqueline! —!
Auch Frau Ebba Lund war zerstreut.
Erstaunt hatte vorhin ihre Mutter über das einfache, dunkle Wollkleid hingesehen, in dem sie erschienen war, und ihr guter Vater, der Chef des Hauses Meyerling & Co., versuchte vergebens, sie mit den Schilderungen der Unannehmlichkeiten zu unterhalten, welche die Streiks der Bergleute dem Hause gebracht.
Ein einzig Mal geschah es, daß Jacquelinens Augen denen des Hausherrn begegneten. Ein eigentümlicher Blick war's, ein sonderbares Lächeln —sie wandte sich rasch wieder zu Sonnt), die einen kleine n Seufzer der Langenweile aus- gestoßen hatte: „Fräulein, es ist lustiger, wenn wir im Kinderzimmer essen," wurde ihr dann vertrauensvoll mit« getheilt.
Schneller, als sonst, erhob sich Frau Ebba — die
Kinder trippelten vor, der Großmama, um ihr die Hand zu küssen, die Erwachsenen reichten einander die Fingerspitzen mit dem üblichen „Gesegnete Mahlzeit," Jacqueline stand vor einem der Panneaus, die den Speisesaal zierten.
Aber diesmal wurde sie entdeckt.
„Mein liebes Fräulein von Arabin," sagte die Stimme Johann Conrad Lunds, und seine breite, fleischige Hand — eine, die sich in der Jugend recht ausgearbeitet haben mußte, streckte sich ihr entgegen — „ich glaube, wir haben einander noch nicht gesegnete Mahlzeit gewünscht. Und, daß Sie es mir gönnen, recht von Herzen, daß es mir heute gut geschmeckt hat, das darf ich doch wohl glauben?"
Sie versicherte ihn mit einem Anflug von Lächeln dieser Thatsache.
„Sehen Sie, mit dem Gutschmecken," fuhr der Graukopf fort, „das ist so eine eigene Bewandtniß. Zu Hause, da habe ich «Ja auch wahrhaftig das Beste und Theuerste — ich kann sagen, sowie es nur etwas giebt, so ist es auf meinem Tische. Das kann ich ja! Aber das Alleinessen — das ift's! Ein Wörtchen gehört doch auch dazu, das man sprechen will, ober ein freundliches Gesicht. Sehen Sie mal wie heute — da ist Ebba, hübsch und blond, das gefällt mir und da sind Sie, so schwarz und ein bischen fremdartig — das gefällt auch — aber so allein —"
Er tippte dabei mit dem Zeigefinger ganz leise gegen ihren Oberarm.
„Sie könnten ja doch öfter Ihre Kinder um sich sehen —" sagte sie stockend und sich bann selber unterbrechend, weil sie ihre Worte nicht bedacht hatte.
„Ach nein," erwiderte er mit gutmütiger Bescheidenheit, „das paßt doch wenig zusammen — ich bin noch nach der alten Mode — und Jung und Alt — aber, wissen Sie was, die beiden kleinen Mädchen könnten Sie schon mal zum Mittagessen nach dem Großpapa Lund begleiten und dann plaudern wir miteinander, ich erzähle Ihnen dann auch, durch was für ’ne harte Schule der alte Johann Conrad gegangen ist — ja, das war nicht immer so wie heute."
Er zog mit der Fingerspitze den Umriß eines Scaldaro nach, der, mit Mandelblüthen gefüllt, auf dem Stillleben zu erblicken war. „Nun haben mir ein paar Freunde den Rath gegeben, mir eine ältliche vornehme Dame zur Repräsentation, wie sie es nennen, zu nehmen. Das wäre doch aber auch nichts für mich. Von der Vornehmheit," mit einem humoristischen Lächeln, „haben wir genug in der Familie und bann — will ich ein altes Gesicht sehen, brauch ich nur in bie Spiegel zu gucken, die sie mtr, weiß Gott, gerade genug in meinem Hause angebracht haben. Ne — ne!"
Und mit äußerstem Behagen ruhte dabei sein Blick auf der biegsamen Gestalt des ernsten Mädchens.
„Herr Vater," erklang die Stimme der Mutter der Hausfrau, „Herr Vater, man behauptet hier soeben, Sic hätten eine sehr originelle Begegnung mit Sr. Majestät dem König von Schweden gehabt. „Papa," damit war ihr Mann gemeint „Dein Gedächtuiß ist bereits auf das Be- trübcnbfte im Abnchmen; sonst hättest Du boch die Details behalten müssen — Seine Majestät hätte die Gnade gehabt, Ihnen die Hand zu drücken — war das vielleicht bei einer Audienz? Konnten Sie sich mit Ihren Verbindungen dem Lande meiner Ahnen irgendwie nützlich machen? — Ich brenne wirklich, zu hören —"
Breitspurig folgte der alte Herr ihr zu der Gruppe, welche sie für einen Augenblick verlassen hatte.
„Ne, lieber Papa," sagte er, „so vornehm war die Geschichte nicht — ’ne Audienz, meine beste Mama Meyerling, habe ich bei keinem Polentaten gehabt. Wüßte auch gar nicht, wie ich mich dabei zu benehmen hätte mit meinem alten, arbeitskrummen Rücken. Aber die Sache verhielt sich so: Mit dem Handgeben hat es seine Richtigkeit. Nämlich, als ich noch ein ganz gewöhnlicher Zimmergeselle in Wiesbaden war — du flieber Gott, meine schlechtesten Zeiten


