Deine Frage beweist, daß er sie nicht begangen hat," mef seine Frau.Die Beschuldigung ist falsch!"

Sie ist wahr!" ertönte scharf und schneidend Adolfs Stimme.Jetzt weiß ich erst, daß ich Unheil gefürchtet habe sogleich am ersten Tage, als er mir von der Lebens­versicherung für Anna sprach." Er erzählte das Gespräch, das er damals mit dem Vater gehabt hatte und fügte hinzu: Ich hätte es nicht zugeben sollen ich ich bin mit­schuldig !"

Laut stöhnend verbarg er das Gesicht in den Händen.

Bürtner berührte ihn am Arm und flüsterte:Setze Dir nicht solche Dinge in den Kopf, Adolf, das Unglück ist schon so grenzenlos"

Er wurde unterbrochen. In der Thür erschien seine Frau und winkte mit stummer, ausdrucksvoller Geberde den Versammelten. In ihren Mienen lag etwas, als sei von der Erhabenheit des Augenblickes auch ein Abglanz auf sie übergegangen.

(Fortsetzung folgt.)

Unter der Weide.

Eine Palmsonntagsgeschichte von A. Fromm.

------- (Nachdruck verboten.)

Am Rande eines Ackers stand ganz vereinzelt eine Weide mit breiter Krone, aber mit niedrigem Stamm, so daß auch kleine Hände zu ihren Zweigen hinaufreichen konnten. Und so waren Fritz und Rose, die Kinder von zwei Hofbesitzern, schon als sehr kleine Leute am Palm­sonntage früh hinausgegangen, um von dem Baume die mit Weidenkätzchen besetzten Zweige zu brechen, die in ihrer Heimath die Stelle der Palmen vertreten und ganz besonders wohlthätige Kräfte haben. Als Rose zum ersten Male mitging, war sie noch so klein, daß der größere und ältere Kamerad die Zweige für sie herabziehen und abbrechen mußte.

Weißt Du," sagte er nach vollendetem Geschäft und stellte sich breitbeinig vor sie hin,ich brauche Dir die Palmen gar nicht zu geben. Der Baum steht auf unserem Grund und Boden, sagt der Vater. Die Palmen gehören uns."

Die Kleine, die sich schon ihres Schatzes beraubt sah, verzog das Mäulchen zum Weinen und ließ einen Zipfel der Schürze, in der sie die Palmen hielt, hinabgleiten, um die Hand an die überquellenden Augen zu führen. Das rührte Fritz.

Ich habe ja bloß gespaßt," lachte er,behalte die Palmen und da, da gebe ich Dir noch ein paar schöne zu." Dann wanderten sie einträchtig Hand in Hand zum Dorfe zurück und verabredeten, daß sie am nächsten Palmsonntag wieder zusammen Palmen pflücken wollten.

Sie hielten es Jahr für Jahr so, aber Fritz wagte es bald nicht mehr, Rose zu necken. Als er nicht gar lange nach jenem ersten Male wieder eine ähnliche Anspielung machte, lachte sie ihm ins Gesicht und sagte:Dummer Junge, ich pflücke meine Palmen wo ich will." So sehr sie noch Kind war, so fühlte sie doch, daß sie in ihrem hübschen Gesicht, ihrer Zierlichkeit und Zungengewandtheit eine Ueber- legenheit besaß, gegen welche der etwas unbeholfene Fritz nicht auskam. Wenn ihr Verkehr sich mit der Zeit auch ein wenig lockerte, so trafen sie sich doch alljährlich am Palm­sonntag früh unter der Weide, bis sie erwachsen waren und Fritz fortgehen mußte, um seiner Militärpflicht zu genügen. Als er zurückkam, hatten Roses Eltern das Mädchen zu einer in einer Stadt lebenden Tante geschickt, damit es dort einige häusliche Künste lernte, für die es in dem Dorfe keine Lehr­meisterin gab. Rose blieb über ein Jahr fort, und so war mancher Palmsonntag vergangen, ohne daß die Beiden zusammen Palmen gepflückt hätten.

Sie kam im Herbst zurück, hübscher, zierlicher denn je, und, wie es schien, ihrer Ueberlegenheit über Andere mehr denn je

bewußt. Wenigstens dachte Fritz so. Er hatte gemeint, ihr imponiren zu können, denn er war mit den Jahren männ­licher, sein Auftreten war sicherer geworden, und er fühlte sich ein wenig, da er seit einiger Zeit an Stelle des kränkelnden Vaters die Besitzung fast selbständig bewirth- schaftete. Aber Rose hatte bei der ersten Begegnung nur ein flüchtiges Kopfnicken für ihn und wußte ihn, wie alle Anderen, fernzuhalten. Bisweilen freilich sah sie ihn auf eine eigne Art an als erwartete sie etwas von ihm, aber er hütete sich, sich ihr zu nähern, um vielleicht nur mit einem übermüthigen Scherz abgefertigt zu werden. Dazu war er zu gut, dachte er; und er setzte seinerseits den Kopf auf und versuchte, ebenso trotzig und übermüthig auszusehen wie sie, wenn er ihr begegnete.

So war der Winter hingegangen, und der Frühling nahte. Am Tage vor Palmsonntag schlenderte Fritz den Feldweg entlang, der an der Weide vorbeiführte. Bon dem andern Ende des Weges her kam Rose und blieb vor dem Baume stehen. Er wäre ihr überall ungern begegnet, nirgends so sehr, wie hier, aber was sollte er thun. Um­kehren konnte er nicht, das hätte lächerlich ausgesehen, da sie ihn schon bemerkt hatte. Er wollte mit einem möglichst gleichgültigen Gesicht an ihr vorübergeben, aber sie redete ihn an und zwar ganz freundlich.

Der Weidenbaum hat recht schöne, große Palmen," sagte sie,da können wir morgen hübsche Sträuße schneiden."

Der unbefangene und zuversichtliche Ton verdroß ihn. Ei," sagte er spöttisch und seine Mütze abnehmend,das ist ja eine hohe Ehre für uns, daß Du von unfern Palmen pflücken willst. Ich glaubte, sie wären längst nicht mehr gut genug für Dich."

Sie warf ihm über die Achsel weg einen geringschätzigen Blick zu.Du brauchst es garnicht zu betonen, daß der Baum Euer ist," sagte sie.Meinst Du, ich bin noch das kleine Kind von ehedem, das sich von Dir schrecken ließ? Behalte Deine Palmen, ich will sie gar nicht haben. ES giebt überall genug andere," damit ging sie fort.

Du sollst sie auch nicht haben! Nie mehr, hörst Du?" schrie er grimmig nach und rannte auf dem entgegengesetzten Wege nach Hause.

Sie hatte seine Worte wohl vernommen, aber nicht die leiseste Bewegung verrieth, daß sie irgend welchen Eindruck auf sie machten. Erst wo der Weg eine Biegung machte, blieb sie stehen und sah sich nach Fritz um. Der rannte noch immer, die Mütze tief ins Gesicht gedrückt. Rose sah ein Weilchen nachdenklich vor sich hin, dann lachte sie leise und ging weiter.

Am folgenden Morgen stand sie früher als gewöhnlich auf und schickte sich an, auszugehen.Wo willst Du hin?" fragte die Mutter.Palmenpflücken," antwortete sie, und die Mutter ließ sie gewähren.

Rose wanderte durch den klaren, sonnigen Morgen auf dem gewohnten Wege zum Weidenbaum hin. Sie wollte eher dort sein als Fritz, sie wollte ihre Palmen schneiden, ehe er kam, und ihn erwarten. Dann würde er, so gut wie sie, einsehen, daß ihr Streit von gestern eine kindische Thorheit war, und würde mit ihr darüber lachen. Sie sah unausgesetzt nach der Richtung hin, in welcher Fritz heran­kommen mußte, ihr lag soviel daran, ihn zu überraschen; und so sah sie nicht eher auf die Weide, als sie dicht davorstand. Dann aber

Ja, wo war sie denn eigentlich? Sie sah rings umher es war die richtige Stelle; sie rieb sich die Augen sie war wach. Aber vor sich sah sie nicht die breite Krone mit ihren dicht mit Kätzchen besetzten Zweigen, die sie gestern noch berührt hatte; sie sah nichts als einen kurzen, kahlen Baumstumpf. Die Krone war abgehauen.

Das hatte er gethan! Das hatte er mit seinem Nie mehr" gemeint! Sie sah sich einen Augenblick wie irr um, dann ließ sie das Gesicht in die Hände sinken und weinte bitterlich. Vor Zorn über sich selber, vor Scham