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„Nein!"
„Nun, so verlaß dieses Haus so bald als möglich," rieth er ihr, „Du bist hier bekannt und könntest Dich durch diesen Besuch bei einem Fremden, der noch dazu ein wandernder Sänger ist, compromittiren. Wenn die Sache Godfrey Grehlock zu Ohren kommt, wird er Dich sicher zur Rechenschaft ziehen."
Iris erhob sich zornig und sagte: „Willst Du mich zum Hause hinauswerfen? Es gab einmal eine Zeit, da Du dies kaum gethan hättest. Wenn ich mich recht erinnere, gabst Du einst vor, mich zu lieben, Arthur Kenyon."
„Ja," antwortete er trocken, „das ist aber schon lange her."
„Du bist ein falscher und herzloser Mensch!" rief sie erbittert. „Das Weib, das sich Dir anvertraut, darf allem Glücke Lebewohl sagen. Es wäre ihr besser, daß ihr ein Mühlstein um den Hals gehängt, und daß sie ertränkt würde im Meere, wo es am tiessten ist."
„Es ist höchst erbaulich, Dich die Bibel citiren zu hören," höhnte Regnault. „Du gehst also?" fuhr er fort, als sie sich der Thür näherte. „Du bist doch mit Deinem lahmen Beine nicht zu Fuß hierher gekommen?"
„Meine Equipage wartete an der Ecke der Straße," antwortete sie hochmüthig. „Du brauchst mir nicht Deinen Arm zu bieten- ich würde ihn um Alles in der Welt nicht annehmen. Ich habe ein böses, ein ruchloses Uebereinkommen mit Dir getroffen, Arthur Kenyon. Von allen meinen Sünden wird diese wohl am Tage des Gerichtes am lautesten gegen mich zeugen. Lebe wohl!"
„Lebe wohl!" erwiderte er spöttisch. „Wenn ich Dich Deinem guten Glücke überlasse, so mußt Du mich auch nicht in dem meinen stören wollen — das ist nicht mehr als recht und billig." Er öffnete die Thür und sie hinkte hinaus.
Polly fegte eben den Hausflur.
„Hier, Mädchen," sagte Iris, die sich wieder dicht verschleiert hatte," leihe mir Deinen Arm bis zur Straßenecke."
Die Waise ließ ihren Besen fallen und gehorchte.
Als sie die drei Stufen vor der Hausthür hinabstiegen, rief Iris mit scharfer Stimme aus: „Welch ein elender, dünner Arm, er biegt sich ja wie ein Rohr. Geh' langsam, denn ich bin lahm!"
Polly ging langsamer,- sie fühlte ihr Herz so gewaltig pochen, daß sie fürchtete, die von ihr geleitete Dame möchte es hören.
„Was bringt diese Frau nach dem Gasthof?" war die Frage, die ihr durch das Gehirn durchblitzte,- „was hat sie mit Monsieur Regnault, dem Sänger, zu schaffen?"
Die Straßenecke war nur wenige Schritte entfernt - eine verschlossene Equipage wartete daselbst.
Als Iris eingestiegen war, steckte sie die Hand in die Tasche und brachte einen Vierteldollar zum Vorschein. „Hier, Mädchen," sagte sie, indem sie die Münze in Pollys Hand schob.
Die Andere gedachte des Tages, als sie mit der kleinen Nan vor dieser Frau stand und ihr die Münze vor die Füße warf, die Hannah ihr gereicht hatte. In einem plötzlichen Anfalle von Wuth trat sie einen Schritt zurück und schleuderte den Vierteldollar der verschleierten Frau in den Schooß, indem sie mit heiserer Stimme rief: „Wagen Sie es nicht, Ihr Geld mir anzubieten!" Darauf wandte sie der Equipage den Rücken und eilte in das Haus zurück.
23. Capitel.
Ab gewiesen.
In einem luxuriösen Zimmer des Herrenhauses saß Ethel Greylock allein am Morgen nach dem Concert und las Tennysons Gedicht „Maud".
Das Frühstück war vorüber. Tante Pamela hatte sich nach ihrem eigenen Gemach begeben. Godfrey Grehlock schrieb Briefe in der Bibliothek, und der Baronet — sie wußte
nicht, wo er war, bis die Thür plötzlich aufging und der englische Edelmann ruhig in das Zimmer trat.
Ethel schloß das in Blau und Gold gebundene Buch jedoch war es zu spät, seine scharfen grauen Augen waren bereits auf das Gedicht gefallen.
„Jener hübsche Tenor sang das Gartenlied gestern Abenb prächtig," sagte Sir Gervase.
Ethel fühlte ihre Wangen erglühen. „Ja," stammelte sie
„Der Mensch hat entschiedenes Talent," fuhr der Baronet fort. „Während ich diesen Morgen im Park spazieren ging, nahm ich mir die Freiheit, in der Rosen-Villa vorzusprechen, und mich zu erkundigen, ob sich Ihre Mutter von Ihrem Unwohlsein gestern Abend völlig erholt habe."
„Nun, und was haben Sie gehört?"
„Daß Mrs. Greylock sich wieder ganz wohl befinde und schon am frühen Morgen ausgefahren sei."
Ethel zog verwundert die Brauen zusammen. „Schon früh ausgefahren? Sonderbar! Das pflegt sie doch sonst nicht zu thun, namentlich nicht bei solchem Wetter," fügte sie mit einem Blick nach dem Fenster hinzu. Bereits schlugen große Regentropfen an die Scheiben.
Es entstand eine Pause, die nur durch das unmelodische Geschrei eines Pfauen draußen auf der Terrasse unterbrochen wurde. Sir Gervase blickte nach dem Fenster.
Ethel lehnte^sich in ihrem Fauteuil zurück und beobachtete ihn verstohlen. Sie trug eine mit veilchenfarbenen Bändern garnirte Morgenrobe von weißer Seide. Dem äußeren Anscheine nach war sie heiter und unbekümmert, während ihr Inneres von Ungewißheit und nervöser Erwartung verzehrt wurde. Nachdem sie die hohe Gestalt des Baronets einige Augenblicke heimlich angeschaut hatte, sagte sie lächelnd: „Einen Pfennig für Ihre Gedanken, Vetter!"
„Sie schlagen den Werth derselben zu gering an," antwortete er, indem er sich zu ihr wandte und ihr einen Blick zuwarf, vor dem sie die Wimpern senkte. „Meine Gedanken weilen einzig und allein bei Ihnen!"
Das Buch entschlüpfte ihrer Hand und fiel auf den Boden. Beide bückten sich zu gleicher Zeit, um es auszuheben. Auf dem Einband in Blau und Gold begegneten sich ihre Hände.
Der Baron ergriff ihre weißen Finger und hielt sie fest. „Ethel, Sie wissen, was mich nach Amerika führte!" rief er aus.
Die längst gefürchtete Krisis war endlich gekommen! Mit würdeloser Hast riß sie sich von ihm los und lief der Thür zu.
Der Baronet kam ihr indessen zuvor und versperrte ihr den Weg. „Ich bin wenigstens zu einem Gehör berechtigt, Ethel," sagte er mit vorwurfsvollem Tone, „und zu einer Antwort, nicht wahr?"
Bleich vor Schrecken blickte sie ihn an und stammelte: „Was wünschen Sie mir zu sagen?"
„Ich liebe Sie!" antwortete er mit einfacher Innigkeit.
Er hatte gegen die Reize ihrer Schönheit angekämpst, er hatte ihr mißtraut, allein die inhaltsschweren Worte waren endlich heraus. Sie versuchte zu sprechen, vermochte aber kein Wort hervorzubringen.
„Ich liebe Sie!" wiederholte der Baronet mit leidenschaftlicher Glmh. „Mein ganzes künftiges Glück liegt in Ihren Händen! Ich schwöre Ihnen, daß ich tauseudmal begieriger nach dem Bedürfniß bin, das die beiden Zweige der Familie vereinigen soll, als Ihr Großvater oder irgend ein Mensch auf Erden es ist!"
Ethel vernahm abermals das Geschrei des Pfauen auf der Terrasse und verspürte den grausamen Wunsch, dem Vogel, der es wagte, mit seiner häßlichen Stimme ihrer Verzweiflung zu spotten, den Hals umzudrehen. Sir Gervase wartete auf eine Antwort.
Sie machte eine gewaltige Anstrengung und sagte: „Das Bündniß, von dem Sie sprechen, ist unmöglich."


