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Maikätzchen.
Von Anna Seyffert.
„So nehmen Sie wenigstens erst noch einen Schluck Brandy, um sich gegen die Kälte zu schützen. — Mercy, hole die schwarze Flasche aus dem Schrank!"
Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Nein, Jke- ich will nüchtern vor meinem Vater erscheinen- seien Sie indessen so gut und lassen Sie ein Bett für mich hier im Gasthof bereit halten- ich werde wohl schwerlich zu Greylock Woods übernachten dürfen. Ich bin nicht einmal sicher, ob es mir gestattet sein wird, den Fuß über die Schwelle zu setzen."
Mercy hatte angefangen, den Tisch abzudecken,- ihr Gesicht hatte einen steinernen Ausdruck, allein ihre braunen Hände zitterten.
„Ich bin so aufgeregt, wie nur ein Mann in dieser Welt sein kann, Jke," fuhr Greylock fort, indem er das Geld für sein Abendbrod auf den Tisch warf. „Es ist möglich, daß ich nicht wieder zurückkehre- ich möchte keine Schulden hinterlassen."
Mercy, welche die Kasse des Gasthofes führte, strich das Geld ein.
„Verlieren Sie den Muth nicht," erwiderte der Gast- wirth. „Ihr Vater ist doch kein Fisch- er muß noch etwas Gefühl im Leibe haben. Sollten Sie jedoch kein Unterkommen in Greylock Woods erhalten, so werden Sie hier ein gutes, warmes Zimmer bereit finden- nehmen Sie meine und Mercys beste Wünsche mit auf den Weg."
„Sprich für Dich selbst, Vater — nicht für mich!" sagte das hübsche Mädchen. Wie eine Rachegöttin stand sie da- sie sah ihren einstigen Geliebten gehen nnd rief ihm die Worte nach: „Wenn Du über das Marschland gehst, so bleib' einen Augenblick stehen und gedenke der Stunde, da wir uns dort verabschiedeten!"
Robert, der schon im Hausflur war, blickte sich noch einmal um- er sprach kein Wort, verließ den Gasthof und schritt in die kalte, finstere Nacht hinaus. (Forts, folgt.)
Der geschätzte Illustrator vieler hervorragenden Zeitschriften, der geniale Künstler Erich Wolfram, bereitete den Nachmittagskaffee in seinem Junggesellenheim, was mit einiger Umständlichkeit geschah, da Erich zerstreut oder auch von seiner geistigen Beschäftigung vollständig eingenommen war.
Heute hatte er bereits flott gearbeitet. Die Maisonne lockte ein Gefühl, das an überschäumende Jugendlust grenzte, in dem gereiften Manne hervor .... die Pfeife entsandte bläuliche Ringel, das Kaffeewasser summte geheimnißvoll — Erich nahm das Feuilleton zur Hand, um es zu lesen und die Stellen anzumerken, die ihm zur Jllustrirung geeignet schienen.
„Maikätzchen" lautete der Titel — der Name des Verfassers verbarg sich hinter drei druckschwarzen Sternen — eine unbestimmte, gleichsam liebkosende Erinnerung umfing den Künstler, und je mehr er sich in den Inhalt der kleinen Novelle vertiefte, um so seltsamer ward ihm zu Sinn.
Schließlich las Erich nicht mehr, sondern seine Augen hafteten nur noch auf den Buchstaben, die immer lebhafter eine halbvergessene Vergangenheit herausbeschworen.
„Elsas Handschrift!" rief er endlich aufspringend, „natürlich, daß ich auch nicht gleich darauf kam!" Er verschwand im Nebenzimmer und kehrte bald mit einem Päckchen Briefe zurück: die Buchstaben der letzteren und des Manuscriptes sahen einander täuschend ähnlich.
Und nun sprossen die Erinnerungen wie leuchtende Blumen empor, und die schönste von allen war Elsas liebliches Gesichtchen, aus dem ihm braune Schelmenaugen zärtlich entgegenschimmerten.
Erich vergaß, daß zwischen dem Heute und dem Damals, wo er mit dem unscheinbaren Ring, der ein kleines Herz an winziger Kette trug, Elsas kaltgeröthetes Händchen schmückte,
Du jene kleine, harmlose Liebelei nahmst! Du bist unvernünftig, um nicht zu sagen albern."
Mercy schien diese Worte nicht zu hören, denn sie fuhr schluchzend fort: „Seit jenem Abend, als ich von Deiner Heirath hörte, hat sich die Welt völlig für mich verändert - mein Herz ist tobt, wie jener Habicht."
„Du hättest mich längst vergessen sollen- ich glaubte, Dich glücklich an einen der vielen Jünglinge verheirathet zu finden, die in früheren Jahren Dir den Hof machten."
„Ich kann nicht vergessen!" erwiderte sie heftig- „ich werde mich niemals verheirathen, Robert!"
„Als ich Blackport verließ, war es wirklich meine Absicht, Dir mein Versprechen zu halten, Mercy," sagte Robert, durch ihren Schmerz weicher gestimmt- „das Schicksal aber wollte es anders- vergiß die Vergangenheit, Mercy — geschehene Dinge sind nicht zu ändern."
Mercy wurde leichenblaß- es war ihr jetzt klar, daß Robert nicht die geringste Reue über seine Treulosigkeit empfand, und dieser Umstand erbitterte sie noch mehr. „Ich hatte Recht, als ich Dich grausam nannte!" keuchte sie- „glaube indessen nicht, daß Du der Strafe entgehen wirst!"
„Liebe Mercy, beruhige Dich- sie ist mir bereits zu Theil geworden."
Wie ein Funken flammte es aus ihrem schwarzen Auge- sie schritt um den Tisch herum, blieb dicht vor ihm stehen, blickte ihm scharf in's Gesicht und sprach: „Ist das wahr? Es muß wahr sein - jetzt erst sehe ich, daß Du abgehärmt und schäbig aussiehst — Du bist nicht mehr der heitere junge Mensch, der mir vor zwei Jahren ewige Liebe gelobte — Du hast Dich sehr verändert, Robert — nicht zu Deinem Vortheil."
Zu Roberts großer Erleichterung ging in diesem Augenblick die Thür auf, und Jke Poole trat ein.
Die guten Leute von Blackport pflegten zu sagen, daß der Gasthofbesitzer längst ein Opfer der Trunksucht geworden wäre, wenn seine Tochter ihn nicht in den Schranken der Mäßigkeit gehalten hätte. Nichts entging ihren Augen- ihre Zunge war scharf wie ein zweischneidiges Schwert- sie war die eigentliche Beherrscherin des Hauses.
„Meiner Treu!" rief Jke bei Anblick des Gastes am Tische- „ich hörte laute Worte und glaubte Ihre Stimme zu vernehmen, junger Freund." Er reichte Robert seine derbe, rothe Hand. „Es freut mich, Sie wieder hier zu sehen- Sie hatten wohl einen Wortwechsel mit Mercy! Das Mädel wird mit jedem Tage herrschsüchtiger- es ist bald nicht mehr zum Aushalten. Nun, wie geht's Ihnen, Mr. Robert? Sie sind wohl nach Blackport gekommen, um mit dem Alien in Greylock Woods die Friedenspfeife zu rauchen?"
Robert drückte dem Gastwirthe die Hand, wich indessen einem Umarmungsversuche geschickt aus. Zu viel heißer Whiskypunsch machte den alten Jke stets ungewöhnlich zutraulich.
//Ja," antwortete Robert, „ich kam, um meinen Vater aufzusuchen, und mich womöglich mit ihm auszusöhnen."
Der alte Jke schüttelte seinen Glatzkopf. „Ihr Vater ist ein harter Mann, mein junger Freund- man erzählt sich in der Stadt, daß er damit umgeht, sein Vermögen einem Vetter in England zu vermachen- wir wollen indessen hoffen, öaß es nur Gerede ist. Sie haben wohl Ihre Frau nicht mitgebracht — sie, die an dem ganzen Unheil schuld ist?"
„Nein," antwortete Robert kurz.
„Seit Adams und Evas Tagen," rief der Gastwirth mit energischer Betonung, „sind die Weiber die beständigen Plagegeister der Männer - sie mißgönnen uns unseren Tabak und unser Gläschen Grog und setzen uns ohne Unterlaß "rit ihren scharfen Zungen zu! Sie gehen doch nicht heute Rächt noch nach Grehlocks Woods hinauf?"
Der junge Mann warf einen Blick auf die Uhr in der 2; ,e und erhob sich. „Doch- ich muß mich sofort auf die Veme machen- Sie wissen, es ist ein langer und beschwerlicher Weg."
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