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ch, daß doch dann erst, wenn sie uns entrissen, : Wir unsere Lieben recht zu lieben wissen.
Du darfst Dich nimmer selbst verzehren
Im Schmerz, den Gott Dir zugetheilt;
Die eig'ne Wunde soll Dich lehren, Wie man des Nächsten Wunde heilt.
Im wunderschönen Monat Mai.
Erzählung von Sühring-Bardey.
(Fortsetzung.)
„Oho! hier geblieben, Cousinchen! Siehst Du nun, wozu der Zopf gut ist?" Und indem er versuchte, ihr in die gesenkten Augen zu blicken, fügte er bittend hinzu: „Erst einen freundlichen Blick, sonst kommst Du nicht frei."
Zaghaft hob Ursula den Kopf und sah lächelnd zu ihm auf. Dann aber, als sich langsam seine Hand von dem weichen Gelock löste, eilte sie schnell dem Hause zu.
Sinnend blickte ihr der Lieutenant nach. Was war nun an dem ganzen, zierlichen Wesen für ein Zauber, daß man ihr so gut sein mußte! Erschrocken hielt er bei dem Gedanken inne. War er ihr denn gut? Wirklich gut?
„Nun, warum auch nicht? Sie war ja seine Cousine! Mit Liebe hatte das Gefühl nicht im Entferntesten Aehnlich- keit, es waren nur die dunklen Augen, die ihm an ihr gefielen. Wirklich nur die Augen! — Noch eine ganze Weile stand der Lieutenant auf demselben Fleck, sah in den sonnigen, blauen Frühlingshimmel und dachte an das süße, verlegene Lächeln, das vorhin über das Gesicht der kleinen Ursula gehuscht war.
Als am Abend dieses Tages Herr und Frau Linde noch einen Augenblick allein im Wohnzimmer saßen, meinte Ersterer: „Es ist nur gut, daß Ursels Freundin bald kommt. Der Fritz und die Ursel sind zu viel sich selbst überlassen. Zwei junge, leidlich hübsche Menschenkinder so mitten im Frühling und immer allein, — die müssen sich ja schließlich lieben."
„Aber, Mann!" rief lachend Frau Linde, „so poetisch hast Du Dich ja in den achtundzwanzig Jahren unserer Ehe noch nicht ein einziges Mal ausgedrückt, — das ist ja für Deine Verhältnisse das reine Gedicht. Aber weißt Du,"
fuhr sie dann Plötzlich ernster fort, „ich halte es auch nicht für solch ein Unglück, wenn die Beiden sich wirklich lieben sollten. Ich bin dem Fritz gut."
„Ja, ja, ich auch, Alte, aber Du hast mich vorhin nicht richtig verstanden, ich meine, sie bilden sich schließlich ein, daß sie sich lieben/ denn ich bezweifle, ob das die richtige Liebe sür's ganze Leben wird, die sich so zu sagen, aus Langweile „im wunderschönen Monat Mai" angesponnen. Und darum eben ist es gut, daß die Freundin dazwischen kommt. Am Ende gefällt die dem Fritz noch besser, Geld hat sie ja auch."
Frau Linde schwieg. Sie konnte ihrem Mann nicht so recht beistimmen. Wenn Ursula dem Fritz nun schon gut war? — Ja, ja, ihr Mutterherz ahnte, was die Augen ihres Kindes so ganz besonders strahlend in die Welt blicken ließ. Das machte nicht allein die Frühlingspracht.
„Morgen kommt Cläre!" rief an einem der folgenden Tage Ursula dem Vater entgegen, als dieser zu ihr auf die Veranda trat, wo sie Blumen in einer Glasschale ordnete. Und als er nichts erwiderte, sondern nur seinen Schnurrbart drehend interessirt den flinken kleinen Händen bei ihrer Arbeit zusah, fügte sie, leicht mit dem Kopf nickend, hinzu: „Paß' nur auf, sie ist wirklich hübsch und sehr interessant."
Jetzt hob der Lieutenant mit einer ärgerlichen Bewegung den Kopf: „Ach was, hübsch und interessant! mag weit her sein. Diese Cläre sollte lieber bleiben, wo sie ist."
Nun wurde Ursula aber ernstlich böse: „Du, Du, sie ist meine Freundin! Ich freue mich sehr auf sie, sehr! Und hübsch ist sie auch, Du host neulich ja selbst gesagt, als ich Dir erzählte, wie sie aussähe, daß sie — ganz nach Deinem Geschmack wäre." Das letztere kam etwas langsamer von ihren Lippen, sie wunderte sich eigentlich, daß sie das noch nicht vergessen hatte. Auch der Lieutenant mußte wohl etwas Aehnliches denken, denn ein glückliches, sonniges Lächeln flog über sein Gesicht, und seine Augen schauten so warm auf Ursula, daß diese verlegen die ihren senkte.
Da Plötzlich — Fritz wußte selbst nicht recht, wie er dazu gekommen — stand er neben ihr und, leicht einen Arm um ihre Schulter legend, sagte er: „Weißt Du, Ursel, als meine Cousine könntest Du mir eigentlich einen Kuß geben. Ja, gewissermaßen bist Du ihn mir schuldig, darf ich?" Und indem er ihr Gesicht zu sich emporbog, sah er ihr schelmisch bittend in die Augen.
Aber merkwürdig, trotz der dunklen Röthe, die bei seinen Worten in ihr Antlitz gestiegen war, wagte er nicht die rothen Lippen, die ihm doch so nahe waren, ohne Erlaubniß


