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auf die Piazza steigen, und nun standen Herrin und Dienerin vor meinen Augen. Mit stürmisch pochendem Herzen sah und erkannte ich Beide.
Die Dame schritt hinkend über den Boden, indem sie seufzend meinte: „Ich werde mir wohl eine Krücke bestellen müssen- es wird von Tag zu Tag schlimmer mit meinem Knie. — Sieh' doch Hannah! Um's Himmel willen, wer ist das?" Sie hatte mich entdeckt.
Hannah trat an den Rand der Piazza und blickte mich scharf an. „Wer seid Ihr?!" rief sie, „was wollt Ihr hier?"
Ich war wie gelähmt und vermochte kein Wort hervorzubringen.
Sie hielt mich jedenfalls für eine Landstreicherin, denn im nächsten Augenblick fuhr sie zornig fort: „Fort mit Euch, Elende, oder ich hetze die Hunde auf Euch!"
Tödtlicher Schrecken bemächtigte sich meiner- ich wandte mich um und lief aus Leibeskräften dem Gebüsch zu. Glücklicherweise erreichte ich den Pfad, der zu der Eingangspforte führte. Bald befand ich mich auf der Landstraße.
Meine Vermuthung war jetzt zur Gewißheit geworden, ich wußte, daß ich Nau gefunden hatte.
Leise schluchzend lenkte ich meine Schritte zur „Katzen- Herberge" zurück. Elegante Equipagen rollten an mir vorüber und bedeckten mich mit Staub, aber ohne darauf zu achten, schritt ich weinend und mit schwerem Herzen meines Weges weiter.
Sollte ich mich jetzt der glücklichen Erbin von Greylock Woods zu erkennen geben? Sollte ich Harmony-Alley und Großmutter Serag in ihxem schlummerndem Gedächtniß wachrufen? Sollte ich ihre Geschichte dem englischen Baronet und der Welt erzählen? Nein! Nein! Nein! In meinem kurzen, elenden Leben hatte ich erkennen gelernt, daß treue Liebe stets mit Leiden, Opfern und Entsagungen verknüpft ist.
„Ihr Glück soll durch mich nicht gestört werden," murmelte ich vor mich hin, indem ich weinend, aber entschlossen dem Städtchen zuschritt. „In jenen Tagen, als wir Hand in Hand in den Straßen umher wanderten und bettelten, pflegte ich zu sagen, daß ich gern mein ganzes Leben lang arm bleiben wollte, wenn ich nur sie zu einer reichen Lady machen könnte. Jetzt gilt es meinem Wort treu zu bleiben. Sie soll die Lady sein, sie soll ihren englischen Lord heirathen, ich aber will mein Leben lang Anderen dienen. Ja, es ist Nan, meine theure, verlorene Schwester, und aus Liebe zu ihr will ich mein Geheimniß bewahren, bis ich sterbe!"
21. Capitel.
In der „Katzen-Herberge".
Monsieur Regnault, der unvergleichliche Tenor der „Orpheus - Concert - Compagnie" betrachtete seine hübsche, dunkle Gestalt in dem zerbrochenen Spiegel des Ankleidezimmers, ehe er die kurze Treppe hinaufstieg, die zur Bühne führte. „Wie sind doch die Mächtigen gefallen!" murmelte er dabei vor sich hin, indem er eine Rose in dem Knopfloch seines eleganten Rockes befestigte. „Wie tief haben wir uns doch erniedrigt, meine Stimme und ich! War es deshalb, daß ich in den glücklichen Tagen meiner Jugend und meines Reichthums unter den besten Lehrern studirte? Gerechter Himmel! Jetzt wandere ich mit einem Trupp lumpiger Bänkelsänger durch das Land. Ich bedarf nur noch einer Drehorgel nnd eines Affen, um meine Schmach zu vervollständigen."
Er roch an der Rose, bog die grünen Blätter derselben etwas mehr seitwärts und fuhr lächelnd fort: „Nun, ohne Geld wird man nicht fertig, ein leerer Beutel ist ein unwiderlegliches Zwangsmittel. Die wandernde Truppe machte es mir wenigstens möglich, mich nach Blackport zu begeben, wo ich mit meiner schönen, unvergleichlichen Geliebten eine und dieselbe Luft athmen kann. Ich werde sie sehen — und sie für immer zu der Meinigen machen."
Es war der Concert-Abend- ein zahlreiches Auditorium
hatte sich in der Stadtyalle von Blackport eingesunden. Soeben erklangen die letzten Töne eines Duetts, und im nächsten Augenblick kam das Sängerpaar die Treppe herab. Jetzt war es an Regnault, die Bühne zu betreten und sein erstes Lied zu singen.
In tadelloser Toilette, behandschuht und parfümirt, machte der hübsche Tenor seine Verbeugung vor dem Auditorium und ließ seine Blicke rasch über die zahlreichen Gesichter hinschweisen.
Ja, sie war da mit ihrem Großvater und Sir Gervase, der neben ihr saß. Die Aristokratie von Greylock Woods hatte sich wirklich eingefunden, um den Vorträgen der wandernden Sängertruppe zu lauschen.
Dies war Ethels Werk- mit vieler Mühe und einschmeichelnden Bitten war es ihr gelungen, den stolzen Autokraten hierher zu locke». „Ich weiß es, Großpapa, es ist eine thörichte Laune," hatte sie gesagt - „allein ich will, ich muß gehen! Und wenn Du mich liebst, so kommst Du mit mir."
„Wahrhaftig, Ethel, solchen Geschmack hätte ich Dir nie zugetraut," hatte ihr Großvater streng geantwortet - „Du willst Dich unter den Pöbel von Blackport mischen und einer Bande Vagabunden zuhören, von denen wahrscheinlich kein Einziger auch nur einen Ton correct singen kann? Ich kann Dich nicht begreifen!"
Nichtsdestoweniger ging er mit ihr, und Sir Gervase, der in letzter Zeit gleichsam ihr Schatten gewesen war, begleitete sie ebenfalls.
So kam es denn, daß die drei ersten Gesichter, aus die Regnaults Blick fiel, die der drei Zuhörer aus dem Herrenhause waren. Etwas weiter entfernt, in derselben Reihe, fesselten zwei andere Personen seine Aufmerksamkeit: Mrs. Iris Greylock und deren Dienerin. Der Dämon der Langweile hatte die Herrin der Rosen Villa an diesem Abend hierher geführt- mochte das Concert noch so schlecht sein, bei der Einsamkeit und der Monotonie ihres Lebens in der Villa schien es ihr eine willkommene Abwechselung.
Geschminkt, gepudert und in ausfälliger Abendtoilette saß Iris da und beobachtete hinter ihrem Atlasfächer die Gesellschaft aus dem Herrenhause. Da ging das Duett zu Ende, und Regnault erschien auf der Bühne. Beim Anblick des hübschen, dunklen Tenors fuhr Iris heftig zusammen und faßte Hannah Johnsons Arm mit krampshafter Heftigkeit — Schrecken, Furcht und Entsetzen spiegelten sich in ihren Zügen. Regnaults Blicke begegneten dey ihngen. Sie konnte nicht fliehen, sie wagte nicht zu schreien. Er erkannte sie - das Feuer, das aus seinen Augen blitzte, verrieth es ihr.
War er gleichfalls bewegt? Ja, es schien so, denn das Notenblatt zitterte in seiner behandschuhten Linken- doch nur einen Augenblick währte seine Erregung. Rasch ermannte er sich und stand nun in tadelloser Ruhe da, die Blicke ans Ethel Greylock geheftet, als ob ihr Gesicht das einzige in der übervollen Halle gewesen wäre. Im nächsten Moment erschallte seine Stimme rein und klangvoll wie eine silberne Trompete.
Er sang nur für sie und ergoß seine ganze Seele in die zwar viel vorgetragenen, aber doch ewig schönen Verse Tennysons:
„Komm' doch in den Garten, Maud, Die finstere Nacht ist dahin!"
Er legte leidenschaftliche Freude und fast dämonisches Frohlocken in die Worte:
„Laß, vornehmer Freier, Dein Seufzen und Girren, Sie wird ja doch nimmermehr Dein;
Doch mein, doch.mein, ich schwör' es den Göttern, Für immer, für immer mein!"
Sir Gervase hätte in der That sehr stumpfsinnig sein müssen, wenn er nichts Ungewöhnliches in diesem Sänger und in der Gluth seines Sanges entdeckt, wenn er nicht wahrgenommen hätte, daß seine amerikanische Cousine vor


