Das Haus der Schatten.

Roman von Robert Kohlrausch.

(Fortsetzung.)

Er aber antwortete nun doch, und ein beinahe irres Lächeln umzuckte seinen Mund, während er sprach:Ich war es, Ina, heute und damals. Im Elend dieses Lebens bin ich zum Geist geworden, der wandelt und spricht."

Sie nahm die linke Hand von seiner Schulter und legte sie ihm auf die weiße und doch brennende Stirn. Warum das Alles, Georg?" fragte sie, aber noch immer war kein Ton des Vorwurfs in ihrer Stimme, nur ein un­endliches Mitleid, das nun auch Ausdruck und Worte ge wann.Du Armer, Armer, was mußt Du gelitten haben, ehe Du dahin kämest!"

Ein sanftes Lächeln ging znm ersten Mal wieder über sein Gesicht/ er küßte sie, ohne Leidenschaft, aber mit milder Zärtlichkeit, und sagte:Nicht mehr als Du, gewiß nicht. Nun bin ich anders geartet, und was Du von Dir werfen kannst, das drückt mich zu Boden. Aber doch meine ich auch heute, nachdem ich dem Tode so nahe ins Auge gesehen habe, daß ich nicht schwächer bin als Du, daß aber die Zartheit des Gewissens eben seine Stärke ist. Ich will Dir keinen Vorwnrf machen, Ina. Wir sind verschieden geartet und verschieden erzogen worden und wir sind, was wir wurden."

Er ging einmal im Zimmer auf und nieder, dann setzte er sich auf den Sessel vor dem Schreibtisch/ und indem sie ihn so vor sich erblickte, von den weiten Falten des schwarzen Sammetgewandes umwallt, das über die Lehnen gebreitet dalag, da verstand sie mehr und mehr die Täuschung, der auch ihre Sinne zum Opfer gefallen waren. Beänstigend ähnlich

1897

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Dinge kehren nie: Der Pfeil, der abgeschossen, Das ausgesprochene Wort, Die Tage, die verflossen.

Danmer.

Ist der Verstand Dir Compaß allerwiirts, Kannst sicher Du vielleicht durchs Leben reisen, Jedoch nur in der Brust das warme Herz Kann Dir die rechte Himmelsgegend weisen.

Alb. Roderich.

erschien er dem Todten, und sie nahm seine Hand, die auf der Tischplatte lag, zwischen die ihren, um das Blut in seinen Adern klopfen zu fühlen.

Er sah vor sich nieder und begann mit stockender Stimme, um fester und klarer zu reden, je weiter er kam.So muß es einem Menschen zu Muthe sein, der in einen reißenden Strom fällt. So wird er fortgetrieben und kann nicht anders. Er muß gehorchen, er ist nicht mehr Herr. Dies Gefühl habe ich gehabt, als ich in den Kampf der Empfindungen und des Gewissens hineingestürzt wurde in diesem Winter. Ich habe handeln müssen, wie ich gehandelt habe. Wir hätten von einander gehen sollen gleich damals, als wir klar darüber geworden waren, was zwischen uns stand, aber Du konntest nicht mit meinen Augen sehen, und ich nicht mit Deinen. Busenius zuerst hat meine halbkranke Seele auf den Gedanken gebracht, den Geist des Verstorbenen zu rufen und ihn zu befragen. Dieser Gedanke ist mächtiger und mächtiger ge­worden, bis er als eine fixe Idee mein ganzes Gefühl be­herrschte. Ob sie auch ihm gegenüber von ihrer Liebe nicht lassen würde? Das war es, was ich immer wieder mich fragte, bis mein Geist sich zu verwirren anfing. Wider Willen beinahe, durch einen Zufall bin ich dazu gedrängt worden, Dich selbst auf die Probe zu stellen. Ich hatte die verborgene Thür in der Wand hier entdeckt und war in dies Zimmer gekommen, das mich merkwürdig anzog. Das erste Mal war ich bei Tage hier, und Niemand hat mich bemerkt/ zum zweitenmal aber ging ich mit Licht hinein und die Leute da draußen haben mich gesehen. Erst aus ihren Reden bemerkte ich, daß sie mich für den Geist des Verstorbenen gehalten hatten. Es traf mich wie ein Schlag, daß ich nun selbst im Stande war, Dich zu prüfen. So habe ich meine Rolle gespielt und habe Dich erschreckt, um die Größe Deiner Liebe kennen zu lernen. Du bist fest geblieben, aber mir", Er stockte einen Augenblick, fuhr mit dem Mittelfinger der rechten Hand langsam über die Platte des Schreibtisches, daß ein dunkler Streifen in der grauen Staubdecke entstand, und fuhr bann fort:Nein, mir hat es keine Beruhigung gebracht. Das Gefühl der Sorge, der Angst vor dem Un­recht ist noch größer geworden. Ich sah, daß Du nicht von mir lassen wolltest, aber ich fühlte, daß ich nicht bleiben durfte trotz alledem. So bin ich gegangen."

Sie hatte neben ihm gestanden und strich mit weicher Berührung ein paar Mal über sein Haar, während er sprach. Ihr ernstes Gesicht aber wurde zugleich immer heller, und ihre Augen begannen zu leuchten. Denn während er den Kampf seines Gewissens schilderte, erwachte in ihr immer