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umzusinken. Kuhnert aber erhob sich mit zitternden Knieen und strich daS Haar aus der feuchtperlenden Stirn.
„Ach, Herr Graf!" jammerte er: „eS ist ja nicht zu glauben, daß ein Christenmensch so schlecht, so sündhaft handeln kann — und nun gar das eigene Fleisch und Blut! der leibliche Vetter des Herrn Grafen!"
Der Majoratsherr lachte abermals heiser auf, der alte Mann aber fuhr schwerathmend fort: „Da ist er hierher gekommen, hat sich zehn Tage lang mit der Frau Gemahlin in der Stadt Hamburg einquartiert und nun mit allem Vorbedacht und aller List eine wahre Meuterei unter den Leuten angestiftet! — O, Du mein Heiland, wie sieht es bei den schlichten, braven Angerwiesern aus! Als ob der Teufel los wäre — und als ob unser guter Herr Graf die ganze Gegend ins Unglück brächte! — Verrückt wäre der Herr Graf, sagen sie, er gehöre in das Narrenhaus, und der Herr Kammerjunker Rüdiger, der sei der wahre Majoratsherr, der gehöre hierher nach Niedeck! Natürlich hat er selber ihnen das eingeblasen — ach, wenn man hört, wie es die Herrschaften getrieben haben! — An den Wirths- tisch haben sie sich gesetzt und sich schier.auf „Du" und „Du" mit allem Krämervolk gestellt, — und die Frau Gräfin hat sogar Visiten bei den Spießbürgern gemacht."
„Frau Melanie in Angerwies Visiten gemacht?" unterbrach Willibald und schlug die Hände über dem Kopf zusammen: „diese arrogante — hochmüthtge Person, welche ihresgleichen wie Schmutz an den Füßen erachtet, seit es ihr glückte, einen Graf zu freien?"
„Die sind die schlimmsten, Herr Graf!" — nickte Kuhnert mit einer verächtlichen Handbewegung: „die schämen sich vor sich selbst, daß sie in einer bürgerlichen Wiege gelegen, namentlich wenn die Wiege in dem Hause eines solchen Glücksritters und „Gründers" gestanden, wie der alte Bourlier einer ist! — Na — das ist ja seine eigene Sache! — Aber die Visiten der Frau Gräfin sind nicht das Schlimmste, was sagen der Herr Graf wohl dazu, daß die beiden Herrschaften auf dem Kriegerball erschienen sind, — einerseits wie die Fürsten auftretend und dann doch wieder die demokratische Verbrüderung mit jedem Gevatter Schuster und Schneider. — Sogar getanzt hat die Gräfin —." Willibald hatte den Kopf vorgestreckt, als höre er nicht recht, jetzt sank er mit schallendem Gelächter auf den Stuhl und Preßte die Hände gegen die Schläfen: „Diese Posse ist ja Entree werth," rief er mit schneidender Stimme- „bei Gott, die adelsstolzen Leute haben sich das Majoratsrecht theuer erkauft nnd im Schweiße ihres Angesichts darum geworben! — Die Gräfin Melanie tanzt mit den Angerwieser Ackerbürgern!! Nun sollen dafür die armen Schlucker wohl auch gehörig nach ihrer Pfeife tanzen!"
„Thuen sie schon, Herr Graf! thuen sie schon, wie die dressirten Pudel! Der Herr Kammerjunker hat sie in zehn Tagen gut abgerichtet, — so zu sagen „auf den Mann dresstrt!" nun fallen sie wie die Bluthunde den eigenen Herrn an! dafür hat der Herr Graf aber auch das Geld mit vollen Händen ausgestreut . . ."
//So — woher hat er denn plötzlich so viel Geld? vor vier Wochen wollte er doch noch eine Anleihe machen und schrieb, das Messer säße ihm an der Kehle! Der reiche Schwiegerpapa bankrott — die unerschöpfliche Goldquelle plötzlich versiegt — hm . . . sie sprudelt doch wohl wieder!"
Der Castellan schüttelte den Kopf, das Silberhaar leuchtete durch die Dunkelheit des Stübchens.
„Dann würde er wohl nicht ein solch gewagtes Spiel spielen und Niedeck auf dem Wege des Verbrechens an sich reißen wollen!"
„Er spielt kein gewagtes Spiel! Dazu ist mein lieber Vetter viel zu schlau! O, ich durchschaue seinen Plan! Die Bürger von Angerwies säen und er erntet. — Wenn es wirklich möglich sein sollte, was Du sagst, Kuhnert — ich kann es ja nicht glauben, es wäre ja zu perfide — so un- agbar teufelisch —"
//Es ist so, Herr Graf, bei Gott, es ist so! Und darum müssen der gnädige Herr morgen in aller Früh fort von hier, damit Sie der Meute aus den Zähnen kommen! Ich hab's ja auch nicht glauben wollen, aber der Apotheker hat es unserem Johann klar in's Gesicht gesagt: Der Antrag auf Entmündigung des Herrn Grafen sei schon bei dem Amtsgericht gestellt worden! Ganz Angerwies zeugt gegen den Herrn Grafen und uns hier, die Dienerschaft von Niedeck, wollen sie auch bestechen, daß wir uns auf ihre Seite stellen! Gott im Himmel möge cs strafen! Doppelten Lohn würden wir vom Graf Rüdiger bekommen — und darum sollten wir es doch mit der neuen Herrschaft halten, denn der jetzige Majoratsherr sei schon jetzt so gut wie ein todter Mann!" Der Sprecher schlug die Hände vor das greise Gesicht und schluchzte leise auf. „Es steht schlimm, sehr schlimm, lieber gnädiger Herr — der Doctor unten aus der Stadt ist zum Sachverständigen vorgeschlagen — und wir wissen eS ja, daß der Quacksalber Ihnen nicht grün gesonnen ist!"
Willibald schritt wieder mit heftigen Schritten in dem kleinen Raum auf und nieder. Sein Athem ging keuchend, seine Hände bebten.
„Und Du glaubst, daß dies Gerücht wirklich Wahrheit ist, Kuhnert?"
„Ich beschwöre es, Herr Graf."
„Was sollte mir aber eine Abreise nützen? Das, was sie an mir verrückt nennen, ist bekannt und wird von meinen Widersachern bestätigt werden."
„Gewiß, Herr Graf — das, was man „verrückt" nennt! Aber da es nicht verrückt ist, muß es vor allen Dingen gerechtfertigt werden! Hier aber in der Gegend ist kein Verlaß auf die Menschen — ich bin mißtrauisch geworden und traue dem Herrn Kammerjunker gar weitgehende Vorbereitungen zu! Also fort von hier, Herr Graf! in die Residenz, wo Sie den Schutz des Herzogs anrufen und den besten Rechtsanwalt nehmen können! Wenn dann die Herren Sachverständigen hier antreten, ist das Nest ausgeflogen ! Ich packe den Koffer und morgen früh fahren wir. — Darf ich mir den Schlüssel zur Schränkekammer holen? Er hängt noch in dem alten Salon."
„Was willst Du dort?"
„Reisecivil holen."
„Ich habe ja meinen Pelz hier!"
„Kuhnert schüttelte energisch den Kopf: „Der Teufelspelz muß jetzt ausgespielt haben, Herr Gras! Der hat auch zu dem Geschwätz beigetragen."
„Aber Encke verlangt doch, daß ich ihn tragen —"
//Mit Respect zu sagen, Herr Graf — der Schäfer meint es ganz gut und will Ew. Gnaden vor Gicht bewahren, aber er vergißt, daß ein vornehmer Herr nicht wie Seinesgleichen herumlaufen kann! Auch die Armbewegungen beim Gehen müffen der Herr Graf jetzt einstellen, — das sieht auch ganz vertrackt aus, und wer nicht weiß, daß es Vorschrift ist, denkt sich alles Mögliche dabei. — In der Residenz müffen der Herr Graf all diese Dinge bei Seite lassen und wie jeder andere Mensch auftreten, sonst erhält man dort auch eine falsche Meinung! — Darf ich unter« thänigst fragen, ob Alles zur Reise vorbeitet werden? Der Herr Graf können sich auf mich verlassen."
Willibald suchte in der Dunkelheit die Hand des alten Mannes und drückte sie voll zitternder Bewegung. „Thue es, Kuhnert, ordne Alles an, ich füge mich Dir in allen Stücken. Du und Johann sollt mich begleiten!"
„Befehl, Herr Graf!" nickte der Castellan. „Der liebe Gott wird uns helfen! Den wollen wir vor allen Dingen mitnehmen, dann kann alles Teufelswerk nicht auskommen. Befehlen der gnädige Herr Licht?"
„Nein, Kuhnert. Der Mond geht aus, ich sitze gern noch ein Weilchen in seinem Glanz am Fenster."
„Befehl, Herr Graf!"
„Stört mich nicht, laßt mich ein Weilchen allein."
„Sehr wohl, Euer Gnaden." (Forts, folgt.)


