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der Papa, mehr aus Höflichkeit gegen die maltraitirte Mutter, wie aus Rücksicht gegen seine eigene große Zehe.
„Nun — und wie heißt Du in unserer kleinen Reise- comödie, Fräulein Base?"
„Ich?" — Kränzchen warf geringschätzend den Mund auf, daß er noch größer aussah. „Ich? Ach, weißt Du, Lilian bet mir lohnt sich das Amtaufen nichts wenn man einen Hering auch wässert, er bleibt doch ein Hering' — und wenn man mir auch den poetischsten Namen geben würde, ich würde ihm doch keine Ehre machen! — also laßt mich man ruhig das olle tolle Fränzchen bleiben, damit d'e Leute nicht stutzig werden!"
„Dann müssen wir doch mindestens Francis sagen, sonst paßt Du ja gar nicht in unsere ausländische Gesellschaft!"
„Francis! — na, das ginge allenfalls, — aber wie gesagt, Fränzchen ist mir schon lieber! ich fühle mich dann nicht so genirt und brauche kein anderes Gesicht zu machen!"
„Glaubst Du vielleicht, ich mache ein besonderes Gesicht für Lilian" — lachte Pia hell auf.
Fränzchen hakte sich zärtlich bet ihr ein.
„Du? nein, das hast Du auch nicht nöthig!" klang es wieder sehr schwärmerisch von ihren Lippen, und die dunklen Spatzenaugen bekamen abermals den verliebtesten Ausdruck. „Wenn man so schön ist, wie Du, Pia, — ich wollte sagen,' Lilian, dann hat man nicht nöthig, sich das Gesicht zu verrenken! Ich finde Dich nämlich bildschön, wirklich, schauderhaft schön! — bist Du eigentlich immer so gewesen, oder ist es erst später gekommen? Weißt Du, wie bei mir, wo die Leute immer sagten: „Sie ist jetzt freilich mordsgarstig, aber das verwächst sich doch wohl noch!"
Abermals ein allgemeines Gelächter.
Frau Johanna schien nicht im Mindesten wegen der Häßlichkeit der Tochter bekümmert und ihr Gatte saß so schmunzelnd und wohlgefällig seiner Einzigsten gegenüber, als habe er in ihr zum Mindesten die Venus von Milo zu bewundern.
Pia zog den wildlockigen Kopf der Cousine mit liebevollem Blick an sich. „Ja, es hat sich schon verwachsen, Fränzchen!" nickte sie, „und ich bin überzeugt, die Menschen werden die herzensgute, fröhliche, natürliche Francis viel lieber gewinnen, wie die steife, langweilige Lilian mit dem poetischen Namen!"
„Gieb mir einen Schmatz!"
„Aber, Fränzchen! Du weißt, daß Pia das Küssen nicht leiden mag!" verwies die Gräfin streng und der Graf lachte. „Danke Gott, liebe Nichte, daß dem Wildfang kein Schnurrbart gewachsen ist, Du hättest einen unausstehlichen Verehrer an ihm!"
„Ist eigentlich schon ein Programm für unsere Reise entworfen?"
„Nein, wir reisen immer ohne Ueberlegung in den Tag hinein! wo es schön ist, bleiben wir, und wo es uns nicht gefällt, da fahren wir stolz vorüber!
„Wollen wir die ganze Rheinreise zu Schiff machen?"
„Ach nein! aussteigen! klettern! ich will auf jede Burg steigen!"
„Na ja! schrei doch nicht so, wir sind ja gottlob nicht taub! Wenn es für Mama nicht zu viel wird, können wir 1Q verschiedene Wagenfahrten machen!"
„Von Kastel bis Bingen fahren wir wohl durch?"
„Nein, Papa, das geht viel zu schnell! In Rüdesheim wollen wir doch übernachten, da müssen wir zuvor schon mal aussteigen und uns die Ufer näher besehen, sonst ist ja der Tag ganz verloren, denn für den Niederwald ist's schon zu spät, zu der Tour müssen wir von früh Morgens bis Abends Zeit haben."
„Nun, kommt Zeit, kommt Rath; vorläufig wollen wir erst mal in den Zug steigen und uns freuen, wenn wir Mainz erreicht haben!
„In Mainz bleiben wir zuerst?"
„Da wir Frankfurt kennen, ja!"
„Hast Du schon wegen des Nachtquartiers an ein Hotel telegraphrrt, Willibald!"
„Alles besorgt, Hänschen!"
„Hänschen ist aber nicht amerikanisch, Vater! so darfst Du die Mutter vor dem Kellner nicht nennen!"
„Sind die Dienstboten instruirt, liebe Tante, daß sie nicht etwa unser Jncognito verralhen!"
Die Gräsin lachte: „Unbesorgt! meine treue Kammerfrau reist schon seit fünfzehn Jahren mit Mrs. Luxor, und der brave, alte Friedrich ist auch an unsere Absonderlichkeit gewöhnt. Dich müssen wir allerdings erst als „Lilian" vorstellen!"
„Wenn das alte Trampelthier den Namen nur merken wird?'" grollte Fränzchen, deren Meinung von Friedrichs Intelligenz nicht besonders hoch zu sein schien.
„Er wird schon "
„Essen wir table d’höte oder ä, la carte?" informirte sich Comteßchen weiter.
„Hast Du schon Hunger?!!"
„Ich habe immer Hunger, und außerdem liebe ich es, darüber nachzudcnken, was ich eventuell Alles ess n könnte!"
„Dazu haben wir im Zug die beste Zeit. Ich spiele Kellner und überreiche Dir die Karte."
„Famos; — mit Hühnerfricasse fange ich immer an, — das ist auch Gewohnheitssache bei mir! überhaupt lege ich auf Essen und Natur des hauptsächlichste Gewicht,- auf sogenannte Reiseabenteuer oder Bekauntschaften brenne ich nicht"
Fränzchen bog den Kopf zurück und blickte der schönen Cousine mit seltsam forschendem, beinah eifersüchtigem Blick in die Augen.
„Thust Du es etwa?"
Pia lachte. „Ehrlich gestanden, sind mir die Menschen und Mitreisenden bedeutend interessanter wie die Speisekarte!" „Wirst Du Dir etwa die Cour machen lassen?!" Fränzchen richtete sich jählings auf.
„Natürlich! ich hoffe stark, mich auch in einen recht semmelblonden Engländer zu verlieben!" lachte Pia scherzend.
Die kleine Gräfin faßte derb ihre Hand: „Pia! Du sollst auf einen Anderen warten!" stieß sie hastig, mit blitzenden Augen hervor. Die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung und ihr Gatte nahm das heftige Töchterlein bei beiden Schultern und drückte es in das Wagenpolster zurück. „Und Du sollst keinen Unsinn reden!" befahl er streng.
Fränzchen lachte verlegen und.behauptete: „Man müsse Pia doch ein wenig necken!" und dann seufzte sie tief auf und sagte unvermittelt: „Wenn wir doch erst vier Jahre weiter wären!"
Die Gräfin aber unterbrach sie lebhaft: „Da ist bereits die Bahnstation! Bitte, rüstet Euch zum Aussteigen!" (Fortsetzung folgt.)
Pariser Modebrief.
Von Blanche Thiviers.
•------- (Nachdruck verboten.)
Paris, 1. November 1897.
KO. Trotz des mondainen Typus, welcher Paris zu der oberflächlichsten Stadt Europas erhebt, weiß man hier dem Feste tre des passes den ausdruckvollsten Stempel zu verleihen, und in wahrhaft weihevoller Weise gedenkt man hier seiner geschiedenen Lieben. Aber wenn dem nächsten Angehörigen auch der hauptsächlichste Zoll der Erinnerung, in Form von Requien, Thränen und Kränzen geleistet wird, so vergißt der sonst so leichtlebige Pariser auch seiner verstorbenen Bekannten nicht und weiht ihrem Andenken zum mindesten ein kleines Sträußchen. Am P6re Lachaise, Montmartre und wie die übrigen Leichenfelder heißen mögen, in welchen ganze Generationen den ewigen Schlaf schlummern, trifft sich ganz Paris in diesen Tagen, man glaubt fast bei


