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auf Marthas Gesicht und fand dort eine trübe, schwere Wolke, die zum Brautglück nicht paßte.
Mit leisen Schritten trat Frau Henninger zu der Neu- verlobten heran. „Was fehlt Ihnen, liebes Kind?" fragte sie mit gedämpfter Stimme. „Sie sehen blaß und traurig äug; wie kommt das an solchem Tage?"
„Es ist nichts," versicherte Martha, doch ihr bleiches Gesicht und der matte Blick ihre Augen straften sie Lügen.
Köhler hatte nun doch bemerkt, um was es sich handelte; er trat lebhaft herzu und sagte: „Es ist etwas, Frau Regierungsrath, und sie kann es Ihnen ganz ruhig anvertrauen." „Da sehen Sie's, der Mensch will immer recht haben," sagte Martha, indem sie den gewohnten, schmerzenden Ton anzuschlagen versuchte. „Er ärgert mich zu viel, das ist Alles."
Ihr Verlobter aber schüttelte den Kopf. „Nein, diesmal bin ich's nicht, der ihr den Silberglanz vom Gesicht und aus den Augen gewischt hat. Sie hat nämlich einen Schrecken gehabt gestern Abend, bei unserer Verlobungsfeier unten, und da kommt sie nicht drüber. Warum willst Du's denn nicht erzählen?"
„Weil ich nicht daran denken mag, — freilich thue ich's doch immer," entgegnete Martha und ein Frostschauer schien sie zu überrieseln. „Also, wenn es einmal sein soll!" Sie hob den Kopf mit einem Seufzer empor und sprach nun mit festerer Stimme. „Einen Schrecken hab ich gehabt, das ist ganz richtig. Gestern Abend, wie wir zusammen gesessen haben, und Onkel Peters hat gerade ein Hoch auf uns ausgebracht, und Alle haben mit uns angestoßen und „Hoch" gebracht, da sehe ich mit einem Male —"
Ein neuer, heftiger Schauer überlief sie, und sie mußte einen Augenblick inne halten, ehe sie fortsahren konnte. „Da sehe ich mir gerade gegenüber hinter den Scheiben des Fensters — es war noch dämmerig draußen, und ich habe es ganz genau gesehen, wenn auch kein Anderer etwas gemerkt haben will — ein Gesicht mit ein paar glühenden Augen, das mich immerfort anstarrt. Es war ganz bleich und verfallen, aber ich habe es doch erkannt und weiß, daß er es war."
„Wen meinen Sie?"
„Neuert meine ich, den Schlossergesellen von oben, von dem Alle denken, er wäre tobt ober entflohen unb weit von hier. Sie sagen, ich hätte aufgeschrieen in bent Augenblick, — ich selbst weiß nichts bavon — unb bamit ist das Gesicht fort gewesen. Aber ich weiß, baß ich es mir nicht eingebildet habe, und daß er wirklich vor dem Fenster nur gegenüber gestanden hat. Weil er aber ein Auge auf mich geworfen hatte, und weil ich so dumm gewesen bin, diesen Menschen hier statt seiner zu nehmen, da denke ich, er führt etwas Böses gegen uns im Schilde. Diese ganze Nacht habe ich gelegen und gewacht und mich geänstigt, und darum bin ich heute auch nicht so froh und glücklich, wie ich es sein müßte. Es ist ja nicht um mich, aber der Fritz hier hat ihn doch niedergeschlagen damals, und wenn ich mir vorstelle, daß er ihm —"
Sie konnte nicht weiterreden, wild hervorbrechende Thränen erstickten ihr die Worte, und in diesem Thränenstrom offenbarte sich die volle, reiche Liebe, die sie dem Manne an ihrer Seite entgegenbrachte und die sie sonst unter Scherz und Lachen zu verbergen suchte. Die heitere Festesstimmung war zerstört, aber ein tieferes, heiligeres Gefühl durchwehte, einem feierlichen Aceorde gleich, das Gemach. Frau Henninger küßte die Bebende, Weinende, während Köhler ihre Hand in die seine nahm und mit sanftem Streicheln sie zu beruhigen suchte. Der Diener stand mit zugleich wichtigem und furchtsamen Gesichte da, während Caroline im Hinblick auf Neuert ein über das andere Mal versicherte: „Es is einem gottvergessenen Menschen. Und ich habe die Creatur noch Milch un Zwieback gegeben!"
Ein Blick auf die Uhr zeigte Köhler, daß die Zeit zum Beginn des Spiels nicht mehr fern war, und er mahnte zum
Ausbruch. Mit hastigen, freundlichen Worten entließ Frau Henninger die kleine, bunte Schaar; in Marthas Augen leuchtete es jetzt, nachdem sie in Wort und Thränen sich Erleichterung verschafft hatte, schon wieder ein wenig heller auf. Die häuslichen Verrichtungen hatte Frau Ina für diesen Abend übernommen; mit dem Herrschergefühl einer alten Dienerin ermahnte Caroline sie noch, das Anzünden der Corridorlampen nicht zu vergessen, während ihre Herrin ihr nachrief: „Aber das Haus nicht etwa verschließen! Ich erwarte ein Telegramm."
Caroline nickte, die farbenreichen Gewänder flatterten hinaus, die Schritte der davon Eilenden verhallten — Frau Henninger war allein. Die Plötzliche, tiefe Stille des alten Hauses legte sich ihr im ersten Augenblick bedrückend auf die Seele, mit einem Lächeln aber scheuchte sie das Gesühl des Unbehagens hinweg. Sie kannte keine Furcht, denn ihre Nerven waren stark, und ihr Körper war gesund. Nur einem so großen, gewaltigen Schrecken, wie damals Angesichts der geisterhaften Erscheinung, konnte sie für kurze Zeite erliegen, um sich dann rasch und völlig wiederzufinden. Die Nachricht von Neuerts Wiederauftauchen vom vergangenen Abend klang ihr nicht ganz wahrscheinlich und erweckte ihr keine persönliche Besorgniß. Größer war das Mißbehagen, wenn sie daran dachte, daß sie an diesem Abend mit Doctor Jaksch allein in dem großen Gebäude sei, wenn sie die wilden, verlangenden Blicke sich zurückrief, mit denen er sie vor wenigen Tagen betrachtet hatte. Nein, doch nicht ganz allein! Im Giebel oben wohnte ihr ein Helfer, der ihr beistehcn würde bei drohender Gefahr. Busenius, der ohnedies nur selten die Straße betrat, wo die spottlustige Jugend sein fremdartiges Gewand verhöhnte, war gleich dem Doctor dem Spiele fern geblieben, — das hatte sie gehört. Dem erneuten Besuche, den sie von Jaksch sür diesen Tag gefordert hatte, war sie zuvorgekommen. Sie hatte ihm geschrieben, daß sie verhindert sei, ihn gerade heute zu empfangen, und ihn ersucht, am folgenden Tage erst zu erscheinen; dafür hatte sie von ihm die Adresse ihres Bruders verlangt, in deren Besitz sie ihn mit Recht vermuthete, und er hatte sie ihr ohne Zaudern mit einem kurzen Antwortschreiben mitge- theilt. Nun wollte sie den einsamen Abend des Wartens benutzen, dem Bruder nach Berlin zu schreiben und ihm Geld zu senden; sie machte sich bereits Vorwürfe, daß sie aus Scheu vor einer Berührung mit dem Doctor so lange damit gezögert hatte.
Es war ein schöner, klarer Frühlingsabend, noch sonnig und milde, wie die Jahreszeit es mit sich brachte. Frau Ina trat in den Erker und blickte hinaus. Blinkende Reflexl'chter der scheidenden Sonne lagen auf den Fenstern der Nachbarhäuser uud ließen die rothen Blüthen überwinterter Geranien dahinter Heller aufleuchten, die sich dem neuen, wärmeren Lichte erschlossen hatten. Die wiederkehrenden Schwalben schossen durch die Luft, und jubelnde Kinderstimmen, die von unten herauftönten, schienen Antwort zu geben auf das fröhliche Pfeifen der eiligen Vögel. Dazwischen hinein klang das Kreischen der Räder an einem niedrigen, hölzernen Kinderwagen, in dem zwei rothbäckige Mädchen von einem kräftigen Buben gezogen wurden, — ein häßlicher Ton, der aber trotzdem an diesem sonnenhellen Abend etwas Heiteres, Freudiges hatte. Das schien auch der kleine, braune Teckel zu meinen, der mit lautem, vergnügtem Gebell hinterhersprang.
Frau Ina sah und hörte das Alles mit halboffenen Sinnen; ihr war die Welt in diesen Stunden seliger Erwartung wie mit einem Schleier umhüllt, durch den sie Farben und Töne nur undeutlich erkannte, der ihr aber zugleich Alles doppelt so schön erscheinen ließ, als sonst. Bis jetzt war ihr der Tag in seiner Unruhe rasch vergangen, allmälig wuchs nun die Sehnsucht nach der erwarteten Botschaft.
(Fortsetzung folgt.)


