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Vorstellung, als treibe sie in einem kleinen Boot, das der Gewalt des Sturmes nicht mehr zu trotzen vermochte, als es um­schlug und sie den Wellen preisgab, da kam die Gestalt ihres verstorbenen Mannes über das Wasser zu ihr herangeschwebt, hob die Hand gegen sie und stieß sie hinunter in die dunkle Tiefe. (Fortsetzung folgt.)

Ueber die jetzt vielfach herrschende Ziegenpeter- Epidemie.

Von Dr. Hans Fröhlich.

(Nachdruck verboten.)

Der diesjährige Winter hat sich in seiner ersten Hälfte in gesundheitlicher Beziehung keineswegs günstig gestaltet. Die Kälte war zwar stets sehr mäßig, aber die drückenden, athembeschwerendcn Nebel, die feuchtkalte Witterung, die trübe, sonnenscheinlose Atmosphäre haben namentlich die katarrha­lischen, rheumatischen und Lungenleiden ganz bedeutend ver­mehrt und schon eine große Zahl schwächlicher, widerstands­loser, besonders alter Leute dahingerafft. In den letzten Wochen meldeten nun die Zeitungen auch noch von einer vielerorts herrschenden, schnell um sich greifenden Epidemie, der sogenannten Ziegenpeter-Epidemie, die in der Regel auf­zutreten Pflegt, wenn um diese Jahreszeit kaltfeuchte Wit­terung sich einstellt. Die Krankheit besteht in einer Ohr­speicheldrüsen-Entzündung, welche vom Volksmunde mit den verschiedensten komischen Namen bezeichnet wird, wie Ziegen­peter, Mumps, Bauernwetzel, Tölpelkrankheit u. s. w. Den großen Einfluß der jahreszeitlichen Witterung auf diese Er­krankung ersieht man aus einer statistischen Zusammenstellung I von Professor Hirsch, wonach unter 150 solcher Epidemien 60 im Winter, 51 im Frühling, dagegen nur 18 im Som­mer und 21 im Herbst geherrscht haben. Da sich die Krank­heit bis weit in den Frühling hinein zu erstrecken pflegt, so ist es höchst wahrscheinlich, daß sie auch diesmal bei längerer Dauer der feuchtkalten Witterung noch an Umfang gewinnen wird.

Schon von Alters her ist das Leiden bekannt. Bereits Hypokrates beschreibt in meisterhafter Weise eine von ihm auf Thasos beobachtete Epidemie. Aber doch wissen wir auch heute noch nichts Genaues über ihre Entstehung und Ursache, obwohl festzustehen scheint, daß irgend ein Infektionserreger (Bazillus) die Schuld an ihrer Entstehung und schnellen Weiterverbreitung trägt. Oft überzieht sie rasch ganze Städte und Landstriche, oft beschränkt sie sich in einem Orte nur auf einzelne Theile der Bevölkerung, wie Truppen, Waisen­häuser oder Kadettenanstalten. Daß sie auch eine wahrhaft erschreckende Ausdehnung annehmen kann, beweist z. B. die Statistik der konföderirten Armee im nordamerikanischen Se- cessionskriege. Dort wurden im ersten Kriegsjahre 11216, im zweiten 13429 Fälle zur Kenntniß der Militärärzte ge­bracht. Eine große Epidemie brach auch im Jahre 1876 im Kadettenhause zu Plön, wo sich jetzt die ältesten Söhne des deutschen Kaisers zur Ausbildung befinden, aus, in welcher von den 131 Zöglingen zu gleicher Zeit 119, also über 91 Procent, erkrankten. Ueberhaupt hat das männliche Ge­schlecht das wenig beneidenswerthe Vorrecht, davon mehr be­fallen zu werden als das weibliche- ganz kleine Kinder und alte Leute bleiben wohl stets verschont.

Worin äußert sich nun die Krankheit? Zunächst tritt eine Schwellung und Entzündung der (linken) Ohrspeicheldrüse ein, welche hinter dem oberen Theile des Unterkiefers, unter­halb des Ohres gelegen ist. Die Kieferbewegungen werden beeinträchtigt und gespannt, die Geschwulst breitet sich schnell nach auswärts und vorn aus, verdrängt hinten die Ohr­muschel nach außen, und hebt das Ohrläppchen von den Weichtheilen ab. Die Haut über der Geschwulst ist glänzend und gespannt- das Gesicht erscheint gedunsen und entstellt, I die Augenlidspalte ist verkleinert. Nach abwärts reicht die

giebt keinen zweiten. Sie müssen sich also getäuscht haben, | Ihre Phantasie hat Ihnen einen Streich gespielt."

Frau Regierungsrath, haben Sie jemalen gehört, daß einem Geist sich mit Schlüssels abgeben thut? Aber wenn Sie mich nich glauben wollen, un es is das erste Mal, daß mich das passirt, denn können Frau Regierungsrath ja morgen Abend selber mal nachsehen, un wenn er vor uns gewöhnliche Personen erschienen is, denn wird er vor die Frau Regierungs­rath woll erst recht sich sehen lassen."

Die Köchin schwieg beleidigt, Frau Ina aber blickte nachsinnend zu Boden, bis sie mit plötzlichem Entschluß den Kopf hob und sagte:Kommen Sie mit, ich will hinein." Wohin?" schrie Caroline voll Schrecken auf.

In meines Mannes Zimmer."

O du lieber Gott, wenn nu" I

Haben Sie Angst, so bleiben Sie hier. Ich will sehen, was es dort giebt, ich will diesen Spuk entlarven."

Nein, nein, Frau Regierungsrath, wo Sie gehen, da geh' ich auch mit. Aber is ihm denn wirklich nöthig?"

Es ist nöthig. Kommen Sie."

Mit noch bleicher gewordenen Gesichtern folgten die Dienstboten ihrer Herrin, die, von dem energischen Entschuffe getrieben, eiligen Fußes den Weg zum Zimmer des Todten zurücklegte. Erst als sie den Schlüssel hervorzog, um die Thür zu öffnen, zauderte sie einen kurzen Augenblick, aber gleich faßte sie Muth, ergriff ein Licht, das Caroline getragen hatte, schloß auf und trat ein. Die Köchin blieb an der Schwelle, die Anderen wagten es nicht, den Corridor zu" ver­lassen. Frau Henninger, aber das Licht hoch emporhaltend, schritt in den Raum hinein, der dunkel vor ihr dalag. Dunkel und leer! Keine Spur von der Erscheinung, die zwei Menschen heute Abend wollten erblickt haben, kein Zeichen, daß dies | Zimmer war betreten worden seit jenem Tage, an dem sie selbst es verschlossen hatte, und der nun um Jahre zurücklag. Aber dort im Schlafgemach vielleicht! Die Thür stand offen, und Frau Ina trat hinein, während Caroline angstvoll die Hände nach ihr ausstreckte. Auch hier Alles leer und ver­lassen- nichts als die todten Möbel, die von dem Todten erzählten. Und jetzt erst empfand auch sie plötzlich jenes geheimnißvolle, eisige Erschrecken vor einer übersinnlichen Welt. Jetzt heftete auch ihr sich eine krankhafte Angst an die Fersen, und es war wie eine Flucht, als sie nun hastig die öden Räume verließ und das Zimmer verschloß.

Draußen erst gewann sie die Fassung, zu den Leuten zu sprechen:Gehen Sie jetzt schlafen. Ich habe nichts gefunden, aber wenn Sie auch morgen etwas sehen, dann rufen Sie mich."

Als Frau Henninger wieder allein in ihrem Zimmer war, trat sie vor das Bild des Verstorbenen und betrachtete es lange Zeit. Und so sehr sie in ihrem aufgeklärtem Geiste jede Gespensterfurcht, jeden Glauben an das Eingreifen des Ueberirdischen in das irdische Dasein sonst verachtete, im Anschauen dieses Bildes, in dieser Stunde und unter dem Einfluß des eben Erlebten sühlte sie doch, wie ein kalter Schauder sie wieder durchrieselte. War es nicht doch vielleicht möglich? Gab es nicht Dinge, die des nüchternen Menschen­verstandes spotteten? Kannte man wirklich bereits alle die Kräfte, die in uns und um uns sind, und existirten nicht außer unserer kleinen Welt noch andere fremde Welten, in denen das Uebernatürliche vielleicht zum Natürlichen wurde? Konnten nicht am Ende Brücken aus jenen Welten zu uns herüberführen und den Weg für überirdische Boten bilden, die uns Geheimnisse, dunkle, tiefe, gewaltige kündeten?

Frau Henninger fragte und grübelte, und zu ihrem Fragen und Grübeln sang der Sturm die Begleitung. Er ließ die Scheiben der Fenster erdröhnen und heulte und klagte in langgezogenen Tönen durch das Haus. Losgerissene Ziegelsteine fielen krachend auf die Straße hinab und ließen die einsame Frau zusammenfahren bei dem plötzlichen Ton. Auch als sie sich endlich zur Ruhe begeben hatte, klang in den Schlaf noch der Sturmwind hinein. Er schuf ihr die