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Greylock die theuersten Einkäufe machen konnte. Eine ganze Woche lang verweilten sie in dem fashionabelsten Hotel - prächtige Toiletten und Juwelen wurden eingekauft und noch prächtigere von Europa bestellt. Viele alte aristokratische Freunde der Familie beeilten sich, der schönen, jungen Erbin ihre Aufwartung zu machen. Sie genoß unbeschränkte Freiheit und konnte sich nach Herzenslust in Vergnügungen ergehen. Dennoch wurde sie von Tag zu Tag blasser und trauriger.
Miß Pamela war die Erste, die dies entdeckte, und es erfüllte ihre sanfte Seele mit Bestürzung. In ihres Großvaters Gegenwart erschien das Mädchen zwar heiter und guter Dinge; in seiner Abwesenheit aber war sie schweigsam, nachdenklich und melancholisch. „Es ist die englische Heirath," dachte sie, und sie beeilte sich, ihren Bruder aufzusuchen. „Weißt Du auch ganz gewiß," begann sie, „ob die großartige Partie, die Du für Elhel geplant hast, ihr völlig angenehm ist?"
Der alte Mann blickte seine Schwester verblüfft an. „Ob ich es gewiß weiß? Ich sollte es meinen- ich glaube meine Enkelin zu kennen."
„Verzeihe mir, Godfrey, Du verstehst Dich schlecht auf die weibliche Natur. Wie die meisten Mädchen ist Ethel von romantischer Sinnesanlage. Wie, wenn sie die Ehre, Lady Greylock zu werden, ablehnte, wenn sie den Baronet ausschlüge?"
Die Zeit hatte den Character dieses Mannes nicht verändert- sein eiserner Wille, sein herrisches Wesen waren noch ganz wie ehedem. „Rede nicht wie eine Blödsinnige, Pamela!" entgegnete er unwillig. „Du weißt, wie ich Meine Enkelin liebe, sie ist mein Augapfel, die Freude meines Lebens geworden. Und dennoch schwöre ich Dir, wenn es möglich wäre, daß sie ihr eigenes Interesse so weit vergäße, daß sie Sir Gervase ausschlüge, so würde ich sie verstoßen, wie ich ihren Vater einst verstieß — ich würde ihr mein Haus für immer verschließen - ich würde mein Vermögen den Südsee-Jnsulanern oder einer Gesellschaft zur Verhütung von Grausamkeit gegen Eltern und Vormünder vermachen, allein keinen Dollar davon ihr!"
„Dann verhüte der Himmel, daß irgend etwas die Heirath vereitle, Godfrey," sagte Miß Pamela mit tiefem Seufzer.
Nach Ablauf einer Woche Lehrten die Grehlocks nach Hause zurück. Eine unangenehme Nachricht wartete dort auf Godfrey.
Der alten Hopkins war es Vorbehalten, dieselbe ihrem Gebieter zu überbringen. Die Leute in der Rosen-Villa sind zurück, Sir," sagte sie- „sie kamen gestern an- ich dachte, es wäre Ihnen lieb, es sofort zu vernehmen."
„Eine willkommene Nachricht, Mrs. Hopkins," erwiderte der alte Herr. „Sagen Sie indessen meiner Enkelin diesen Abend keine Silbe davon- sie ist müde und bedarf der Ruhe."
So begab sich Ethel denn zur Ruhe, ohne eine Ahnung von der Ankunft ihrer Mutter zu haben, die sie seit vielen Monaten nicht gesehen hatte. Dennoch erfreute sich die junge Erbin in jener Nacht keines ruhigen Schlummers. Am folgenden Morgen erhob sie sich schon mit Tagesanbruch und kleidete sich geräuschlos zu einem Morgenritt an. Ohne bemerkt zu werden, schlich sie nach dem Stall, weckte einen schläfrigen Reitknecht, bestieg ihre schwarze Stute „Sultana", ein Geschenk ihres Großvaters, und galoppirte direct nach Blackport. Hoffnung und Erwartung stritten sich mit einem schmerzlichen Schuldbewußtsein um die Oberhand in ihrem Herzen.
Dichte Wolken bedeckten den Morgenhimmel und hingen bleischwer über den öden Salzgruben- die Hitze war drückend. Dann und wann ließen sich Donner aus der Ferne vernehmen. Ein Gewitter zog sich zusammen, das in kurzer Zeit zum Ausbruch kommen konnte.
Ethel war eine furchtlose Reiterin- im Sattel sah ihre schlanke Gestalt herrlich aus. Ein Reitrock von myrthen-
grünem Tuch schloß sich eng um ihre graziösen Glieder, und ein breiter Hut mit wallender Feder bedeckte ihr goldblondes Haar. Sie war sehr blaß, vielleicht in Folge der schlaflosen Nacht. Mit bekümmerter Miene bog sie in die Hauptstraße der Stadt ein und machte vor der Post von Blackport Halt.
Dies war ein altes Gebäude, das der „Katzenherberge" gegenüber lag. Ein schlaftrunkener Jüngling öffnete eben die Fensterläden, als Ethel vor der Thür ankam. Sie reichte ihm eine Silbermünze. „Es ist — es muß ein Brief für Miß Greylock hier sein," stammelte sie. Es war ihr, als ob selbst die schläfrigen Augen des Jünglings ihr Ge- heimniß zu lesen vermöchten. „Seien Sie so gut und bringen Sie ihn mir," schloß sie ihre Anrede.
Der schlaftrunkene Jüngling verschwand, und kehrte nach einigen Secnnden mit einem Briefe zurück.
Ethel griff mit zitternder Hand danach, und verbarg ihn in einer Tasche, dann schwenkte sie um. In demselben Augenblicke entdeckte sie ein Paar scharfe Augen, die sie im Gasthof drüben beobachteten- sie ritt ohne Weiteres zum offenen Fenster hinüber.
„Sie reiten früh aus, Miß Greylock, sagte Mery Poole trocken.
Ethel beugte sich vom Pferde herab, um den Kater zu streicheln, der auf dem Fenstergestms saß und emsig seine schwarzen Pfoten leckte.
„Ja," antwortete sie lächelnd, „ich reite am liebste» aus, wenn ich die Straßen für mich allein habe."
„Wo ist Ihr Diener?^ fragte Mercy Poole, der die Sicherheit von Robert Greylocks Tochter sehr am Herzen zu liegen schien- „läßt Ihr Großvater Sie unbegleitet fort?" „Großpapa macht sein Morgenschläfchen," antwortete Ethel, etwas verlegen- „er läßt mir volle Freiheit über meine Bewegungen."
Da sie keine Lust hatte, die Unterhaltung länger fortzusetzen, so nickte sie Mercy einen Abschiedsgruß zu und ritt weiter, an den neuen Kaufläden, Hotels und Villen vorbei nach dem einsamen Strand. Hier ließ sie „Sultana" die Zügel und erbrach mit fieberhafter Hast das Siegel ihres Briefes.
„Gedenke Deines Schwures in dem Garten, wenn man Dir von dem englischen Baronet spricht," schrieb Regnault nach leidenschaftlichen Betheuerungen seiner Liebe und Hingebung. „Gedenke, daß Du für Zeit und Ewigkeit mir verlobt bist — daß Du feierlich geschworen hast, die Meinige zu werden, sobald ich kommen werde, Dich abzuholen! Bereite Dich zur Erfüllung Deines Schwures vor, denn meine Verbindung mit der Schule ist bereits aufgelöst. Seit Deiner Abreise ist mir das Leben hier unerträglich geworben; sehr bald wirst Du mich sehen- ich komme zu Dir meiner Verlobten, um Dich als mein Weib heimzusühren."
Ein heftiges Zittern bemächtigte sich Ethels. Halb vor Furcht, halb vor Entzücken hielt sie den Athem an. Er war im Begriff, zu kommen! Sie sollte ihn Wiedersehen, wieder in die dunklen, träumerischen Augen blicken, die ihr Himmel waren. So früh schon sollte sie also den Schwur erfüllen, den sie int Pensionsgarten geleistet hatte. War sie bereit, dies zu thun? Sollte sie Godfrey Greylock ihr Geheimniß offenbaren? Sollte sie um Regnaults Willen Alles aufgeben — ihren Großvater, Tante Pamela und das prächtige Greylock Woods verlassen, unt/ die Armuth des Geliebten zu theilen und ihm in die weite Welt hinau» zu folgen?
//Ja, ja," sagte sie mit dem Heldenmuth eines siebzehnjährigen romantischen Mädchens. „Bei der ersten Gelegenheit werde ich Großpapa Alles gestehen. Ist nicht jedes Opfer süß, das wir der Liebe bringen? Und ich liebe Arthur mehr als allen Reichthum und Luxus, mehr als Alles auf Erden- sein bin ich, und ich werde meinen Schwur halten, komme Mangel oder Ueberfluß, Freude oder Lew, komme Leben oder Tod!"


