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Da war sie wieder bei Lossen angekommen, sie führte im Geiste lange Unterhaltungen mit ihm und beachtete es nicht, daß das Gezwitscher der Kinderstimmchen hinter ihr verstummt war und daß keine lästigen Fragen sie mehr störten.

Inzwischen war Felix zu Rechows hinüber geritten. Es war ihm ein rechter Genuß, an Frau Lottchens zierlich her­gerichtetem Kaffeetische zu sitzen und sich ihre selbstgebackenen Kuchen wohl schmecken zu lassen. Derweilen erzählte sie ihm, was in der Nachbarschaft geschah, in ihrem harmlos fröhlichen Geplauder und er hörte gerne von den Menschen, mit denen er aufgewachsen war, die sich ihm jetzt doch mehr und mehr entfremdeten. Frau Lottchen sah die Welt und ihre Neben- menschen in rosigem Lichte an, interessirte sich eifrig für Anderer Angelegenheiten, und wenn sie in ihrem Drange zu helfen einmal zu weit ging und eine Zurückweisung erfuhr, behielt sie ihren Aerger weislich für sich und machte keine üble Nachrede. Dabet stopfte sie ihrem Richard und ihren zwei Knaben höchst eigenhändig die Socken. Das verstand eben Niemand so gut wie sie und der dicke Gatte schmunzelte behaglich, wenn er auf die kleinen Finger sah, die so emsig für ihn schafften.

Als Felix heim ritt, dachte er, was für ein treues, sorgliches Hausmütterchen sie sei. Ein solches hätte er in seinem Hause wohl auch gut brauchen können aber da schrak er zusammen, als habe er sich auf einem schweren Un­recht ertappt. Er seufzte. Seine schöne, kluge Regine paßte wohl eben nicht zur Landfrau! Dann fielen ihm seine herzigen Kinder ein und er spornte sein Pferd.

Als er zu Hause nach seiner Frau fragte, wies man ihm den Weg zu dem alten Weidenbaume. Er fand sie dort mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen, ihr Werk war fast vollendet. Pflichtschuldigst, wenn auch nicht ganz ver- ständnißvoll, bewunderte er die Skizze und blickte sich dann suchend nm.

Wo sind die Kinder? Ich denke, Du wolltest mit ihnen spielen?"

Regine erwachte jäh aus ihren Träumen zur Wirklich­keit. Die Kinder! Sie hatte sie ganz vergessen- jetzt erst kam es ihr wieder zum Bewußtsein, daß sie ja die Kleinen beaufsichtigen wollte. Bestürzt rief sie ihre Namen:Hans Max! Karin!" Aber keine Antwort erfolgte.

Felix rief lauter- vergebens. Eilig ihr Malgeräthe hinwerfend, lief Regine zu dem nahen Weidengebüsch, in der Hoffnung, die kleinen Bösewichte hätten ihnen einen Streich gespielt und hielten sich dort versteckt - aber auch hier zwischen den wirren Zweigen fand sie keine Spur.

Felix stieg auf eine kleine Höhe, von der aus man die Umgebung weithin übersehen konnte - aber nichts Menschliches war zu erspähen und der Fluß so nahe!

Dieser Gedanke kam jetzt mit derselben herzbeklemmenden Angst über Beide. Sie tauschten nur einen flüchtigen Blick aus, der Jedem des Anderen Bermuthung bestätigte, und wurden dann schreckensbleich.

Sie werden nach Hause gelaufen sein, wir finden sie gewiß im Garten oder beim Abendbrod," sagte Felix, indem er sich mühsam zur Ruhe zwang.

Hastig legten sie die Strecke bis zum Parke zurück. Aber auch hier waren die Kinder nicht zu sehen und im Hause wußte Niemand von ihrem Verbleib. Was nun? Felix traf mit Umsicht und Ueberlegung seine Maßregeln. Nach den verschiedensten Richtungen sandte er Leute aus, nach den Kleinen zu forschen, die sich dann an einem bestimmten Punkte mit ihm treffen sollten, um ihm Bescheid zu bringen.

Regine sah die Hast und Verwirrung um sich her, und die Schreckensrufe, die Jeder ausstieß, der von dem Unfälle erfuhr, vermehrten ihre Qual. Athemlos folgte sie ihrem Gatten durch die Felder, von heißer Angst getrieben, von Selbstvorwürfen gefoltert. Wenn ihren Lieblingen etwas' zugestoßen war, dann trug sie die Schuld daran, sie allein! D, wie sie sich schämte! Mit all' ihrem Geiste, allen ihren Talenten war sie nicht im Stande, ihre eigenen Kinder zu

hüten, wie es die ärmste Taglöhnerin in ihrer Einfalt ver­mag. Sie war es wirklich nicht Werth, Mutter zu heißen, nicht würdig der Gnade, die ihr der Himmel angethan, indem er ihr die Sorge für die beiden süßen Geschöpfchen an­vertraute !

Vergeblich hatten sie auf dem nördlich gelegenen Vorwerk nachgefragt, wo Mäxchen sonst so gerne der Arbeit in der Ziegelei zuschaute. Weiter eilten die Eltern, immer stürmischer von immer quälenderer Besorgniß gejagt. Waren sie wirklich in das Wasser gefallen, hatte der plötzliche Schrecken ihren Angstschrei erstickt oder war er ungehört verklungen? Regine wußte selbst nicht mehr, wie ihre Füße sie noch vorwärts trugen. Stunde auf Stunde verrann- die ausgesandten Boten brachten keine Kunde. Erschöpft sank sie endlich auf einen Grabenra n und barg den Kopf in den Händen. Wie sollte sie weiter leben mit dieser Last auf dem Gewissen? Nein, wenn das Furchtbarste geschehen war, dann sie konnte es nicht ausdenken. Ihr Herz hämmerte zum Zerspringen, ein Pressender Schmerz im Kopfe schien ihr die Schläfen zusammen­zudrücken da hörte sie ihren Namen rufen. Sie fuhr empor: das war die Stimme von Felix und es klang etwas daraus hervor wie verhaltener Jubel!

Mit raschen Schritten eilte sie an seine Seite- er stand unweit der Dampfdreschmaschine unter zusammengeschichteten Garben. Behutsam drückte er den Finger an die Lippen, als sich Regine il^m näherte und zog sie leise neben sich, auf ein Strohbündel deutend. Auf demselben lagen sie, die Ge­suchten, in friedlichem Schlummer! Die Bäckchen geröthet, die Mündchen leicht geöffnet, athmeten sie tief und regel­mäßig, ahnungslos über all' die Unruhe, die sie verursacht. Karin hatte das runde Aermchen um den Hals des Bruders geschlungen, der noch einen Strauß Kornähren in der Hand hielt- nicht weit davon saß friedlich ein Hamster, der seine Backentaschen bereits reichlich mit Körnern gefüllt hatte, eifrig beschäftigt, noch mehr Aehren auszustreifen- aber bei Reginens nun nicht mehr zu dämpfendem Freudenschrei ergriff er schleunigst die Flucht. Sie weckte die Kleinen mit tausend Küssen und Zärtlichkeiten und brach dann in heiße Thränen aus. Die Spannung hatte sich gelöst, das ausgestandene Elend der letzten Stunden sprach sich nun in einem Schluchzen aus, dessen sie so bald nicht Herr wurde. Hans Max, noch schlaftrunken, kniete neben ihr nieder und umschlang sie, bestürzt, sie so fassungslos zu sehen.

Mütterchen, liebes Mütterchen, sei doch nur ruhig, ich will es ja gewiß nie, nie wieder thun, will nie mehr fort­laufen! Ich wollte so furchtbar gerne die Dampfmaschine brummen hören, nur ein ganz kleines Weilchen und dann gleich zurückkommen- aber von dem Laufen waren wir so müde geworden, daß wir uns erst ein bischen ausruhten und dann"

Seht Ihr wohl ein, Ihr Kinder, was für ein Herze­leid Ihr Eurer guten Mutter angerhan habt durch Euren Ungehorsam? Schämt Ihr Euch nicht?" fragte Felix, indem er sich zur Strenge zwang. Er war so erleichtert, sie nur gesund wieder zu haben, daß er sie am liebsten auch geküßt und geherzt hätte. Aber er hielt es für seine Pflicht, sie ihr Unrecht fühlen zu lassen. Doch wie sie nun kläglich zu schluchzen begannen und reumüthig Besserung gelobten, fühlte er sich beruhigt. Er nahm die vor Müdigkeit taumelnde Karin auf den Arm und trat den Heimweg an.

Die schweren Wolken waren inzwischen heraufgekommen, ein Unheil verkündender Wind fegte über die Felder, die ersten Tropfen fielen vom Himmel. Regine strebte mit dem Knaben an der Hand eilig dem Hause zu. Sie fühle sich bedrückt, zerschlagen. Wie sollte sie es wagen, nach diesem Tage ihrem Gatten je wieder offen in das Antlitz zu schauen? Für ihn, der immer an seine Lieblinge dachte, konnte es gar keine Entschuldigung geben für ihre Nachlässigkeit, ihm mußte sie doppelt unbegreiflich sein. Gewiß zürnte er ihr bitter. Aber nun wandte er sich nach ihr um und klopfte ihr freund-