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an beiden Seiten leckte das Wasser bis dicht zu ihren Füßen herauf und breitete sich so ruhig unbewegt vor ihr aus, als habe sich nur sein gutes Recht genommen und gedenke, dasselbe festzuhalten. Fluth und Himmel schienen in dasselbe eintönige Grau getaucht zu sein sie fühlte sich so machtlos, so niedergedrückt wie viel mehr mußte das bei Felix der Fall sein, der hier die Frucht seiner anstrengenden Arbeit zerstört sah!

Jetzt trat der Director zu ihr und berichtete, daß auch jene Felder, deren Fruchtbarkeit Felix durch künstliche Düngung mühevoll errungen hatte, sein besonderer Stolz, von der Ueberschwemmung nicht verschont geblieben- auch über sie hatte sich der Fluß mit dem Sande und Schlamme, welchen er mit sich führte, schonungslos hinweggewälzt.

Da sah Regine auf einer Anhöhe die schlanke Gestalt ihres Gatten im knappen, grauen Anzuge erscheinen und schritt auf ihn zu. Er sah blaß aus, ertheilte aber klar und ruhig seine Befehle an einige Knechte und wandte sich dann zu ihr. Sie hing sich an seinen Arm:O Felix, welche Zerstörung, welch' schwerer Schlag für Dich!"

Er strich ihr freundlich über die Wange und sah sie liebevoll an.

Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt!« sprach er langsam, fast feierlich.

Regine war erschüttert. Sie wußte, daß Felix ein kind­lich gläubiges Gemüth hatte- jeden Sonntag fuhr er zur Kirche nur gar zu oft allein aber er sprach nicht viel davon. Er war der Meinung, daß man sein Christen- thum im Herzen und nicht auf den Lippen haben solle. Desto mehr wirkte dann ein solch unwillkürlicher Ausfluß seiner Seelenstimmung.

Sie schmiegte sich fester an ihn. Wieder fühlte sie sich klein neben ihrem Gatten, aber ihr war wohl dabei.

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Es schien aber, als habe das Schicksal beschlossen, Felix für die ihm angethane Unbill zu entschädigen. Die Felder, welche von der Ueberschwemmung unberührt geblieben, hatten doppelt reichliche Ernte geliefert. Die vor Kurzem angeleg­ten Rübenfelder trugen vortrefflich. Felix, der die Bahn in der Nähe und wenig Transportkosten hatte, erzielte gute Preise. Nachdem im Winter die Campagne, nämlich die Ver­arbeitung in der Fabrik, vorüber war, erhielt er die Rüben- schnitzel, aus der die Centrifuge die Melisse gepreßt, als Viehfutter zurück. Mit diesen und dem Grünkraut wurden die im Sommer gekauften bayrischen Ochsen fett gefüttert und ihr Verkauf füllte seine Kasse von Neuem.

Im folgenden Sommer waren die Schäden, die der Wolkenbruch angerichtet, fast schon beseitigt worden. Auf dem Felde aber stand richtig die lang ersehnte, heiß erwünschte die Dampfdreschmaschine in emsiger Thätigkeit. Sie war eine unversiegliche Quelle der Freude für Felix und seine Kinder. Hans Max wurde nicht müde, das Wunder anzustaunen. Droben sah man die langen Aehren verschwin­den, drunten schütteten fein säuberlich die Weizenkörner heraus, an denen die Kinder gar zu gerne knapperten und jenseits spie das Ungethüm Stroh in langen Halmen von sich. Erst glaubte der Junge, daß kleine Kobolde darinnen geschäftig leien. Aber^ Felix gewährte ihm einen Einblick in das Trieb­werk und suchte ihm dasselbe in leicht faßlicher Weise zu erklären.

Wie kannst Du das kleine Hirn mit solch' schweren Explicationen anstrengen!" meinte Regine vorwurfsvoll. Felix schwieg eine Weile.

rZ/(Fe*n sst so vollgepfropft mit Märchen und

fabelhaften Heldengeschichten, daß es ihm nur gut ist, wenn er einmal einen klaren Begriff von der Wirklichkeit bekommt und sich mit den Dingen beschäftigen lernt, die ihn umgeben," sagte er dann ruhig.

Regine war betroffen. Es lag ein versteckter Vorwurf

für sie in diesen Worten. Sie hatte sich noch nie klar gemacht daß sie Felix doch eigentlich verantwortlich sei für die Er­ziehung seiner Kinder. Hätte sie seinen Verkehr mit diesen aufmerksamer beobachtet, würde er ihr zu denken gegeben haben. Wie so manche Eheleute, die die Fehler des andern Theiles schweigend dulden, nachdem sie lange vergeblich dagegen angekampst, suchte er nun seine Kinder vor denselben doppelt ängstlich zu bewahren. Wie unermüdlich hielt er sie zu Fleiß und Ordnung an! Selbst die dreijährige Karin mußte ein Spielzeug erst bei Seite tragen, ehe sie zum neuen griff. Für Regine gab es nichts Langweiligeres, als das Ordnen und Aufkramen- in ihren Bücher- und Kleiderschränken, an die Christinchens Hand nicht tasten durfte, herrschte der größte Wirrwarr.

Es war etwa ein Jahr vergangen nach der Ueber­schwemmung der Felder, als sie eines Nachmittags eifrig malend im Freien saß. Sie hatte dort ein Motiv gefunden, das sie anzog in seiner Einfachheit.

Ein alter, verwitterter Weidenbaum mit mächtigem Stamm und fast kahler Krone streckte im Vordergründe seine spärlichen Aeste aus, an die das schmale, graugrüne Laub sich schmiegte. Dahinter breitete sich die Ebene im gelblichen Schimmer der Stoppelfelder, durch welche der Fluß sich w.-.nd- fern am Horizonte erschien eine ruhende Windmühle. Das Alles erzählte von vergangener Pracht und Fülle, athmete eine wehmüthige Abendruhe nach des Tages reichem Leben- und als habe die Natur beschlossen, ihr zu Hilfe zu kommen und dem Ganzen die rechte Stimmung zu ver­leihen so ballten sich jetzt langsam dunkle Wolken zu­sammen in der Ferne, nahmen der Sonne ihren Schein und gaben dem Bilde etwas unsagbar Schwermüthiges.

Regine war ganz hingenommen von ihi - r Arbeit. Aber die Kinder unterbrachen sie zuweilen. Das Mädchen, welches sie sonst beaufsichtigte, half heute beim Waschen, so hatten sie strengen Befehl erhalten, der Mutter nicht aus den Augen zu gehen. Karin baute ihrer Puppe ein Gärtchen und war seelenvergnügt dabei. Aber ihre tausend Fragen konnte das stumme Ding nicht beantworten, da mußte Regine herhalten.

Mütterchen, was schmeckt schöner, Chocoladeneis oder Königsberger Klops?"

Sage mir doch, Mutti, findest Du Papa hübscher oder Onkel Rechow?"

Hilf mir, Mütterchen, Puppe Lises Kleid zumachen!" Hans Max blieb stumm und thatlos. Eine Kornähre zwischen den Zähnen zermalmend, beobachtete er andächllg seiner Mutter Thun, sah auf dem weißen Papier die Umriffe entstehen und dann den ersten zarten Farbenhauch.

Mutter," fragte er plötzlich in seiner langsamen, be­dächtigen Weise,fühlst Du Dich glücklich bei dieser Beschäf­tigung?"

Ueberrascht blickte Regine auf, sah in ihre eigenen braunen Augen, die so altklug aus dem Kindergesichte schauten, und fühlte sich seltsam berührt. Dann aber lachte sie hell auf.

Närrchen, Du," rief sie amüsirt und strich ihm die Locken aus der Stirne. Er aber fühlte sich gekränkt wie alle Kinder, welche nicht begreifen, durch was sie die Er­wachsenen zum Lachen gereizt haben, und trollte sich schmollend. Regine sah ihm nach. Wie schwer war es doch, zu ergründen, was in solchem kleinen Kopfe vorging!

Dann gab sie sich wieder ihrer Arbeit hin und ihre Gedanken nahmen eine andere Richtung. Seltsam, welche kleine Rolle die Landschaftsmalerei in der Geschichte der Kunst spielte! Ruysdael Poussin, Claude Lorrain, das waren die einzigen Landschafter vergangener Jahrhunderte, die sie kannte, und wie wenig schienen ihr Ruysdaels zierlich ausgeführte. Wald- und Wasserbilder die Natur so wiederzugeben, wie sie selbst sie sah! In dieser Beziehung war doch die Kunst der Jetztzeit ihres Erachtens nach auf einem bis dahin noch un­erreicht hohen Standpunkte angelangt, sowohl was die tech­nische Vollkommenheit, als was die intime Beobachtung der Natur betraf. Ob Lossen wohl auch diese Ansicht theilte?