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„Obwohl ich dadurch für mich Persönlich jedes Recht an das Majorat aufgab."
„Mein Gott, inwiefern das, Herr Graf?!"
„Meine Frau tst eine geborene Bürgerliche, die Tochter eines unserer bedeutendsten Industriellen des Landes, — — wer jedoch Majoratsherr von Niedeck sein oder werden will, darf nur eine Gattin mit sechzehn Ahnen, die Tochter eines im Lande angesessenen Adelsgeschlechtes heimführen ..."
„Wie absurd! — unerhört!! — lächerlich!!!"
„Ja, meine Herren, die Clausel ist nicht nur lächerlich, sondern unhaltbar, denn bei unseren heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen gehört eine Dame mit sechzehn Ahnen zu den großen Seltenheiten, sie ist kaum noch im deutschen Reiche zu finden, geschweige denn in unserem kleinen Ländchen, wenn sein Adel auch als einer der exclusivesten noch gilt. Ein tadelloser Stammbaum von derartiger Höhe ist nur noch bei zwei Familien des Landes zu finden, und der Zufall wollte es, daß just für unsere Generation — ich m.ine für Willibald und mich — keine heirathsfähigen Töchter in diesen Familien vorhanden waren. Ich sah außerdem meine kleine Frau — und damit war mein Schicksal besiegelt."
„Oh, wie begreiflich!" flüsterte der Assessor mit schwärmerischem Blick.
„Ich Persönlich kann also niemals mehr Besitzer und Majoratsherr von Niedeck werden, sondern mein ältestes Söhnchen wird erst in diese Rechte treten, wohl aber kann ich als Vater und Vormund des Kindes das Erbe für ihn verwalten, falls Willibald vor desfen Volljährigkeit sterben sollte." Der Sprecher schwieg, — nachdenklich starrten die Herren in die Gläser.
„Wie sehr traurig liegin die Verhältnisse für uns, Herr Graf!" seufzte der Apotheker, „denn ich fürchte, so krank auch der Geist des Herrn Grafen sein muß, so kerngesund ist sein Körper und läßt ihn ein sehr hohes Alter erreichen!"
„Oh, das wäre gleichgültig, wenn wir . . ." rief die Gräfin sehr eifrig, verstummte aber unter dem scharfen, warnenden Blick, welchen ihr Gatte ihr zuwarf.
„Wenn wir wenigstens zeitweise als Gast auf Niedeck weilen und unsere liebenswürdigen Freunde hier bei uns sehen könnten!" fiel er ihr schnell mit gewinnendem Lächeln ins Wort, „nun, die Hoffnung müssen wir aufgeben, mein Kind, denn Du weißt, daß Willibald und ich uns als feindliche Vettern gegenüber stehen. Ich huldige der Devise: Leben und leben lassen! und bin bemüht, durch mein Geld auch anderen Menschen Freude und Genuß zu verschaffen. Willibald dahingegen ist ein knickeriger Egoist, welcher kein Herz für seine Mitmenschen hat!"
„Das stimmt!" klang es erbittert im Kreise.
„Wird denn aber Ihr Söhnchen eine Frau mit sechzehn Ahnen finden, Herr Graf?" fragte der Postassistent schüchtern. Die Sache ging ihm gewaltig im Kopfe herum und beunruhigte ihn ersichtlich.
Graf Rüdiger lachte.
„Ja, mein lieber Müller, dafür habe ich schon bei Zeiten Sorge getragen. Mein ältester Junge ist jetzt zehn Jahre alt und bei dem Freiherrn von Nördlingen-Gummerbach ist vor vier Jahren ein reizendes, blondhaariges Töchterchen geboren, welches recht arm an Geld, aber desto reicher an Ahnen ist. Diese kleine Pia ist die gegebene Frau für meinen Wulff-Dietrich. Bei ihrer Taufe haben wir Väter die Sache bereits abgemacht und ich erachte das kleine Elfchen schon völlig als Schwiegertochter, denn sie muß es werden, es giebr keine andere Frau im Lande für den Niedecker. — Nun aber noch einmal an die Gläser, meine Herren! Das Wetter klärt sich auf und Papa Simmel muß uns einen Wagen beschaffen, daß wir ein wenig spazieren fahren können. Ich muß doch einmal nach dem Rechten sehen, ob die Besitzungen unter dem Regime des geisteskranken Herrn nicht allzusehr herunterkommen! — Heute Abend auf Wiedersehen, meine Herren! Sie speisen doch wohl hier?"
Man rieb sich halb verlegen, halb eifrig die Hände.
„Für gewöhnlich kommen wir erst nach dem Abendbrod wieder hier zusammen, aber wenn wir die hohe Ehre genießen können, mit den Herrschaften abermals zusammen zu sein —"
„Natürlich! Wir wollen doch die kurze Zeit genießen, um uns recht gut kennen zu lernen!" lächelte die Gräfin wie ein Engel und reichte jedem der Herren die Hand.
„Ich bin auf jeden Fall hier! Ich bin der Schatten meiner schönen Königin!" rief der Asseffor voll kühner Sect- laune.
Die elegante Frau lachte amüsirt und der Graf klopfte ihm jovial auf die Schultern: „Recht so! Tragen Sie ihr die Schleppe, lieber Bärning, sie ist so sehr an Verehrer gewöhnt, daß sie sich nicht langweilen darf."
Gott sei Dank, der Gatte war nicht eifersüchtig!
Dem Assessor ward ganz schwindlig vor Wonne. Das Ehepa .r Simmel aber lächelte sich strahlend zu. So war es recht! Die Herrschaften sorgten auch für Abendtischgäste in der „Stadt Hamburg".
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Drei Tage waren vergangen, seit Graf und Gräfin Niedeck in Angerwies ihren Einzug gehalten und es war, als ob diese drei Tage genügt hätten, einen völlig neuen Hauch des Lebens in das Städtchen zu tragen.
Alle Gemüther befanden sich in höchster Aufregung, man lief Straß auf Straß ab spazieren, um die Herrschaften zu sehen, von welchen wahre Wunderdinge der Leutseligkeit, Freigebigkeit und Eleganz erzählt wurden.
Das gräfliche Ehepaar besuchte die einzelnen Geschäfte und machte brillante Einkäufe. Alle theuren „Modellstücke", welche zum Kummer der Besitzer als ewige Ladenhüter prangten, wurden jetzt an den Mann gebracht. Man machte glänzende Geschäfte, denn da Alt und Jung den Trieb fühlte, sich über die außerordentlichen Ereignisse auszusprechen, liefen auch die Angerwieser von einem Laden in den anderen und kauften zum Vorwand gar Mancherlei, was sie sonst nicht nöthig gehabt hätten. Ueberall hörte man begeistertes Lob über die fremden Niedecks, überall ward der Ruf laut: „Ach, warum ist nicht dieser Graf der Majoratsherr!" Ja, dieser verstand es besser, sich die Herzen zu gewinnen und den Grafen zu repräsentiren wie jener verdrehte Sonderling im Schafpelz, welcher kaum zu Weihnachten einem armen Kind fünf Pfennige schenkte!
Graf Rüdiger hatte das Armenhaus besucht und volle hundert Mark in die schwindsüchtige Kasse desselben gelegt; er war mit seiner Gemahlin bei dem Krankenhaus vorgefahren und hatte auch hier vierhundert Mark deponirt.
Begegnete ihnen ein Bettler, oder armer Holzleser, oder sonst ein bedürftig Aussehender, so hatte Graf Rüdiger sofort die Börse in der Hand und schenkte mit verblüffender Freigebigkeit. Was Wunder, wenn die Namen der fremden Herrschaften voll überströmenden Lobes in Aller Munde waren und aus manchem Körnlein ein Berg gemacht wurde!
Wie eine Bombe schlug die Nachricht ein, daß der Graf über „Kaisers Geburtstag" in Angerwies bleiben würde und daß er sich als guter Deutscher ganz besonders freuen würde, wenn der Kriegerverein diesen Tag besonders festlich begehen wollte! Warrn doch fünf Jahre seit dem glorreichen Tage verflossen, an welchem Kaiser Wilhelm der Erste, als Einiger des deutschen Reiches, aus Frankreich heimgekehrt war!
Da flammte der Patriotismus noch in Aller Herzen, und die Bürger von Angerwies, welche für gewöhnlich nur den Geburtstag ihres Landesfürsten feierten, jubelten bei der gegebenen Anregung, zwei Mal im Jahre ihren Gefühlen freien Lauf lassen zu können.
Von selber waren sie nicht auf den Gedanken gekommen; erstens waren sie zu schwerfällig, um selbstständige Neuerungen zu treffen, und zweitens grollten sie immer noch ein wenig, weil man trotz ihrer wiederholten Bitten Angerwies nicht zur Garnison gemacht hatte. Wer hätte aber jetzt an so


