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hervor, doch auch diese Capelle war leer und verlassen, als hätte niemals der Fuß eines Menschen sie betreten. Schon wollte man von weiterem Suchen abstehen und die Spur wieder draußen verfolgen, als ein Metallschimmer am Boden einen der Polizisten sich bücken ließ. Er hob einen Schlüssel von der Erde empor, und eine schleunig angestellte Untersuchung zeigte, daß es der Schlüssel zu der kleinen Mauerpforte war, die Neuert sich vorhin damit erschlossen hatte. So mußte er hier gewesen sein in der Krypta, die Frau gegenüber hatte sich nicht getäuscht! Aber wo war er jetzt? Er hatte nach dem Zeugniß jener Beobachterin das Grabgewölbe nicht wieder verlassen, — hatte die Erde sich auf- gethan, ihn zu verbergen und ihn zu retten? Noch einmal wurde jeder Winkel, jede Schattenfläche hinter den Säulen durchspäht, aber keine Spur des Verschwundenen war zu entdecken. Die Suchenden verstummten, ein geheimnißvoller Schauder ging über sie dahin, und als würden sie Hinweggetrieben von einer unsichtbaren, an dieser Stätte dem Verbrecher selbst Schutz gewährenden Macht, bewegten sie sich langsam, mit unwillkürlich gedämpften Schritten dem Ausgang zu. Vom frischeren Lufthauch da draußen getroffen, flammten die Lichter wieder unruhig empor, aus der wachsenden Dämmerung der Gewölbe aber schauten die Gestalten der gemalten Heiligen in schwächeren Umrissen und langsam ver- schwimmenden Farben noch einmal hervor, um dann im Dunkel zu verschwinden und unterzutauchen in die Nacht.
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Der Anarchist blieb unentdeckt. Man hatte die Beweise gegen ihn jetzt in Händen, man konnte ein paar weitere Verhaftungen darauf vornehmen, er selbst aber kam nicht wieder zum Vorschein. Auch eine zweite, am nächsten Mittag vorgenommene Untersuchung der Krypta förderte keine neuen Spuren zu Tage, zeigte keine Möglichkeit des Entkommens aus dem festen Gewölbe, den mächtigen Mauern der geheiligten Grabstätte. In der Bevölkerung freilich tauchten alte, halbvergessene Geschichten wieder auf, die dunkle Sage von einem unterirdischen Gang, der von der Michaeliskirche aus weit unter der Stadt und ihren Häusern dahinführen sollte, doch gab es keine tatsächliche Bestätigung für dieses Gerücht, und keine Spur des angeblich vorhandenen Ganges war aufzufinden.
Im Hause der Schatten ließen die Ereignisse jenes Abends eine tiefe Erregung zurück. In Carolinens Küche wurden förmliche Parlamentssitzungen abgehalten, in denen es an Umsturzvorlagen nicht fehlte. Man gedachte der seltsamen Töne, der unheimlichen Erschütterungen, die das Haus gehört und erfahren hatte, und glaubte die Ursachen der räthselhaften Vorkommnisse nun ausgefunden zu haben. „Ihm hat so 'ne Bombe gemacht/' meinte Caroline, „wie sie ihnen in Paris immer mit sich in die Tasche tragen, wie bei uns die Taschenuhren. Ihm hätte uns Alle in die Luft gesprengt un ihm thut es vielleicht heute noch." Das Stubenmädchen war nervöser denn je und schrie auf, sobald eine Fliege durch das Zimmer flog, aber auch die robuste Köchin hatte nervöse Anwandlungen, setzte ihre Pantoffeln kreuzweis' vor's Bett ein Schutz- und Zaubermittel, das sie nicht genug empfehlen konnte, — und nahm häufiger als in ruhigen Zeiten zu der Flasche hinter dem Nähkasten ihre Zuflucht.
Martha Wernicke ging ein paar Tage mit bleichem Gesicht und brennenden Augen umher. Sie gedachte der Gefahren, in der Neuerts Liebe sie hätte bringen können, und zugleich empfand sie wider Willen ein tiefes Mitleid mit dem verlorenen Manne, dem sie — das wußte sie durch ein untrügliches Gefühl in ihrer Brust — das Theuerste auf der Welt gewesen war. Sie kämpfte ein paar Tage lang mit dem furchtbar- schönen, für manches Frauenherz verführerischen Gefühl, von einem Verbrecher geliebt zu sein. Köhler war klug und nachsichtig oder auch harmlos und unbefangen genug, ihr Zeit zu lassen, sich wiederzufinden, und bald schaute sie mit den alten, Hellen, von reiner, schuldloser Liebe widerstrahlenden Augen ihm von Neuem entgegen.
Bleicher noch, als Martha in diesen rasch vorübergehende») Tagen, fast einer wandelnden Leiche gleich erschien Fräulein Tietjens seit Neuerts Flucht. Aber zugleich war etwas Gehobenes, Elastisches in ihr Wesen gekommen, als trage sie ein großes, gefährliches und zugleich beglückendes Geheimniß mit sich umher. Am wenigsten zeigte Frau Henninger sich von dem Geschehenen berührt. Sie hatte den Entflohenen kaum gekannt, und nachdem der Schrecken des ersten Augenblicks vorüber war, gedachte sie des Vorgefallenen nur noch flüchtig, wie man einer vorüberziehenden^Gewitterwolke nachschaut und sie vergißt. Ihr Wesen war durch die Beichte ihres Bruders und die nachfolgenden Eröffnungen des Taubstummen im Innersten erschüttert und aufgewühlt. Alles Andere verschwand gegenüber diesem Gefühl/ auch für die Wandlung, die mit ihrer Gesellschafterin vorgegangen war, hatte sie kaum Empfindung und Blick.
Daß etwas geschehen mußte, daß sie die That ihres Bruders auslöschen, das erschlichene Geld ersetzen wollte, stand bei ihr so fest, wie der Wille zum Guten, einem unverrückbaren Sterne gliech, der über ihrem Lebensweg leuchtete. Aber seit sie den Namen des schuldigsten Mannes kannte, seit sie in die Abgrundstiefen seines Characters hineingeblickt hatte, fühlte sie sich wehrlos und ohnmächtig wie nie zuvor. Konnte sie hoffen, mit ihrer Frauenklugheit und Frauengewandtheit einen Mann zu besiegen, der jetzt, wo ein Kampf um seine Existenz beginnen mußte, kein Mittel scheuen würde, .seine Stellung und seinen Ruf zu wahren?
Sie stand allein in diesem Kampf, den sie aufnehmen mußte und den sie noch immer nicht zu beginnen wagte. Georg war fern von ihr, nicht eine einzige arme Zeile hatte er ihr bisher gesandt. An wen konnte sie sich wenden um Hilfe und Rath? Sie grübelte und fragte und fand keine Antwort, bis plötzlich in einer einsamen Stunde, die sie mit finsteren Gedanken geängstigt hatte, ein Name, wie ein Heller, freundlicher Schein, vor ihr auftauchte. Busenius! Dort oben im Giebel wohnte ja der Alte, der Weise, der Milde! Ihm konnte sie vertrauen/ Georg hatte es ihr gesagt, und sie selbst hatte es empfunden mit döm sicheren Gefühl, das ein unsichtbares, aber unzerreißbares Band zwischen guten und reinen Menschen webt.
(Fortsetzung folgt.)
Der Blinde.
Von Felix von Stenglin.
—— (Nachdruck verboten.)
An einem Frühlingsabend war es. Der Garten der großen Brauerei dort im Norden Berlins war von Besuchern dicht gefüllt. Eine Militärcapelle spielte.
Zu zwei Männern, die an einem der Tische saßen, trat eine ältere, wohlgekleidete Frau.
„Ist es erlaubt?" fragte sie freundlich, augenscheinlich sehr bereit, bald nach ihrem Niedersetzen eine Unterhaltung zu beginnen.
„Bitte!" erwiderte der Aeltere bärbeißig, während der Jüngere starr vor sich hin blickte, ohne ein Wort zu äußern.
Das entmuthigte die Dame/ sie nahm zwar Platz — was mit der ganzen Wucht ihrer 180 bis 190 Pfund geschah —, hüllte sich aber in tiefes Schweigen.
Eine Viertelstunde später. An dem Glase Bier, das der Kellner ihr gebracht, hatte sie kaum genippt. Sie lauschte den Klängen der Musik, die ihr mancherlei Bilder aus ihrem Leben — heitere und ernste — hervorzaubern mochten. Dazwischen schielte sie zu den beiden Männern hinüber. Was waren denn das eigentlich für Gesichter? Sprachen fast kein Wort zusammen, die Beiden. Wie ein biederer Handwerksmeister sah der ältere von ihnen aus, — konnte das wohl der Vater sein von dem jungen da mit seinem feinen, hübschen Gesicht und den wehmüthigen Augen? Hu, war der Mensch schwermüthig! An der Rechten trug er einen Trauring, —


