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Eine Bremsscheere.
Alljährlich mehren sich die Unglücksfälle, die von durchgehenden Wagenpferden hervorgerufen werden- besonders häufig sind dieselben naturgemäß in größeren und großen Städten zu verzeichnen, wo kaum ein Tag vorübergeht, ohne daß die Presse von einem Unfall zu berichten wüßte. Es beruht dieses einerseits auf dem ausgedehnten Verkehr in den oft verhält- nißmäßig engen Straßen und dem ständigen Geräusch und Getön von Bahnen, Schellen, Fabrikpfeifen u. s. w., wodurch die Thiere leicht zum Scheuen gebracht werden,- andrerseits aber auch auf dem gänzlichen Mangel an geeigneten Vorrichtungen, nm das eigenmächtige Durchgehen scheu gewordener Pferde zu verhindern. Die polizeilichen Anordnungen in Betreff der Gangart der Gespanne und bezüglich des Festbindens der Pferde an einem Hause oder Pfosten, während der Kutscher den Wagen verläßt, welche Verordnungen besonders auf Milchverkäufer, Floschenbierhändler und Metzger Bezug haben, nützen lange noch nicht ausreichend; denn Gleichgiltigkeit und Leichtsinn sind gerade bei der edlen Zunft der Roffe- lenker nur zu sehr verbreitet. Mannigfache Versuche sind deshalb auch schon angestellt worden, den Pferden das Scheuen abzugewöhnen, bezw. ihnen das Durchgehen zur Unmöglichkeit zu machen- allerlei, zum Theil phantastische Erfindungen wurden von berufener und unberufener Seite gemacht, von denen die leidigen Scheuklappen am längsten angewendet wurden, am wenigsten ihrem Zweck entsprachen und die größte Qual für die geplagten Thiere sind, deren Augapfel, der ursprüng-
„Jch habe das Geld verloren!" keuchte Pietro, als ich ihn eben wieder mit dem Kopf gegen die Mauer stieß. „Laß mich los, Polly, ich schwöre bei meiner Seele, ich habe das Geld nicht mehr!"
Er hatte wirklich die Wahrheit gesprochen. Seine Beute | war fort- irgend ein anderer Gassenjunge hatte sich damit aus dem Staube gemacht- an eine Wiedererlangung des Geldes war daher nicht zu denken. Ich schlug und stieß ihn, bis ich müde war- dann nahm ich Nau bei der Hand und ging mit ihr die Treppe hinauf nach unserer Dachstube. Ich wußte wohl, was unserer dort harrte.
Pietro wußte es auch, denn er brüllte mir schadenfroh nach: „Warte nur, Du Kröte, jetzt kommt die Reihe au Dich!"
Und so kam es denn auch. Als Großmutter Serag das Schicksal des Geldes und der Flasche vernahm, fiel sie wie eine Furie über die kleine Nan her. Schlag auf Schlag fielen ihre harten Kuochenhände auf das zarte, weiche Fleisch der Kleinen nieder. Ich vermochte es nicht länger mit anzusehen. Eine ganze Schaar Dämonen schien sich meiner zu bemächtige», und ich stürzte mich mit solcher Wuth zwischen die Beiden, daß Großmutter Smog, die in Folge übermäßigen Gin-Genusses schwach auf den Beinen war, in's Wanken ge- rieth und der Länge nach auf den Boden niederstürzte. „Wage es noch einmal, rief ich, „Ran zu schlagen, Du alte Hrxe/ ermorde ich Dich! Ja, bei Gott mit Deiner eigenen Ginflasche schlage ich Dir den Schädel ein. Prügle mich, fobiet Du willst, aber laß es Dir nicht einfallen, ja wieder Hand an die Kleine zu legen!"
Großmutter Serag erhob sich langsam vom Boden; sie war durchaus keine hübsche Frau- ihre Nase berührte fast ihr Kinn, sie hatte grausame, schielende Augen und borstige eisengraue Haare, die sich unter dem Saum ihrer schmutzigen Haube hervordräugten. Alle die Lumpen die fie anhatte, rochen nach Gin. „Warte, Du schwarzer Satan!" keuchte sie, ich hatte nämlich schwarze Augen und Haare, und mein kleines, dünnes Gesicht war braun, wie das eines Arabers. Sie packte mich beim Hals, und in weniger als "drei Minuten war das stolze Siegesbewußtsein völlig aus mir geschwunden- mein ganzer Leib war wie zu Brei geschlagen.
(Fortsetzung folgt.)
wackeligen Tisch, zwei oder drei Stühlen, einem Haufen Lumpen, der als Bett diente, und einem zerbrochenen Ofen
dem es fast unmöglich war, ein Feuer in Gang zu bringen selbst wenn die Bewohner d.s Zimmers sich einen solchen Luxus erlauben wollten. In einem Eckschrank befanden sich zwei oder drei zersprungene Schüsseln, eine Flasche Gin und zuweilen ein Korb voll Speiseüberreste, die auf mühsamen Bettelgängen von Haus zu Haus eingesammelt worden waren
Und in dieser Stube, unter dem Dach dieser elenden Baracke, lebte ich mit Nan und Großmutter Scraq Ich hatte dort gelebt, soweit mein Gedächtniß zurückreichte In unserer Alley waren Nan und ich als Kinder der alten Scraq bekannt- ich aber hatte mir in Folge meiner außerordentlichen Bösartigkeit, die sich in Kratzen und Beißen und wilden Balgereien mit den anderen Kindern des Gäßchens offenbarte den besonderen Beinamen „Kröte" erworben. Ich nannte Nan meine Schwester, obwohl ich keinen Grund zur Annahme hatte, daß sie wirklich in dieser verwandtschaftlichen Beziehung stand.
Wir waren professionelle Bettlerinnen. Bei gutem Wetter wurden wir auf die Straße geschickt, um mildthätige Leute um Almosen anzugehen oder au den Gasthofthüren um Ueberbleibsel von Mahlzeiten zu bitten. Nan war ein ober zwei Jahre jünger als ich, und ich selbst konnte nicht mehr als sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein, als sich merkwürdlge Dinge zutrugen.
Grausamkeit uns Entbehriutgen aller Art hatten mich zu einer Zeit, da andere Kinder noch harmlos mit ihren Puppen spielten, verbittert und altklug gemacht- man kann es daher nicht auffallend finden, daß ich, noch so jung, schon Eindrücke erhielt, die an Kilidern gleichen Alters fast spurlos I voruberzugehen pflegen.
Eines Tqges sandte Großmutter Serag — sie verdankte diese Benennung weniger ihren Jahren als dem Umstände, daß fie,, nur aus Haut und Knochen bestehend, wie ein altes Großmütterchen zusammeligefallen war — die kleine Nan mch der Schnapsbude an der Ecke der Gasse nach Gin. Mit der Flasche und einem Stück Geld in ihren kleinen Hauben machte sich Nan auf deu Weg. Sie stieß auf Pietro, einen italienischen Knaben, den Sohn eines Leierkastenmannes, der eine benachbarte Dachstube inne hatte.
Oft hatte ich mich mit dem kleinen Burschen gebalgt I imb tljn jedesmal besiegt. Vielleicht war es die Erinnerung cm diesen Umstand, die ihn jetzt veranlaßte, Nan anzugreifen, schnell wie der Blitz warf er sich nieder, entriß ihr das Geld^imd die Flasche und rannte davon.
Ich vernahm das Geschrei der Kleinen, während ich mich mit einem Korb Kohlen die Treppe hinauf mühte. Auf der stelle setzte ich meine Last nieder und eilte auf die Gaffe herab. Noch hatte ich diese nicht erreicht, als ich eine warnende Stimme rufen hörte: „Laus', Pietro! Da kommt e listige Kröte- sie wird Dich schön zurichten! Laus'!" ■ , . Warnung kam zu spät. Wie ein Rachegeist stürzte ourch die Schaar der zerlumpten Kinder und der trief- “«Sigeit, ungekämmten Weiber, die auf Nan's Geschrei herbei- geeilt waren, wie eine Wildkatze sprang ich auf Pietro zu und ergriff ihn an seinem braunen Hals.
. i toar größer und stärker als ich- dennoch zitterte bebte er in tödtlichem Schrecken vor mir.
»Oh Polly! Polly!" schluchzte Nan, die in mir eine oretterm und Rächerin erblickte: „Er hat die Flasche zer- l™) ogeit und mir das Geld genommen!"
rti r raufte Pietro's Haare aus, ich würgte ihn und
8 seinen hübschen, dunklen Kopf gegen die Mauer. „Das
g , "der ich bringe Dich um!" zischte ich wie ein kleiner U.V, 1L Vergebens suchte er sich von mir loszumachen, ‘Wib die Umstehenden aus vollem Halse lachten.
e;„ »-oravo! Sie wird es ihm besorgen!" rief eine Stimmest ?uoere ließ sich vernehmen: „Sie ist Mannes genug ist girier Größe- nimm Dich in Acht, Pietro - sie dem Teufel selber gewachsen!" |


