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Verschiedene seiner Kameraden waren nach dem Frieden in preußische Dienste getreten. Man hätte sich auch hier gern abgeschüttelt, wenn man nicht die Nothwendigkeit einer Entgegenkommens gezeigt hätte. Justus aber, den keine Lebensnoth dazu zwang, konnte sich zu einer Art Demüthigung nicht bequemen, .die er bet der verzweifelten Lage seines unglücklichen Heimathlande«, auf welchem jetzt doppelt da» ab- geschüttelte Joch lastete, nur zu bitter empfand.
WÄchen Beruf aber sollte er jetzt ergreifen? Reise- Schriftsteller werden? Nein, die Feder war ihm stets verhaßt, das Schreiben ein Gräuel gewesen.
So packte er schließlich aufs Neue seinen Koffer, nahm den Wanderstab und durchzog wieder als Heimathloser die Welt, diesmal aber Europa, das er nach allen Himmelsgegenden hin durchstrich, ungeduldig und ruhelos, sich nirgends eine längere Rast gönnend. Dann und wann kehrte er heim, fand Briefe von Hans, ihn selber aber nie, weil der Dienst ihn festhielt und er fast immer auf fernem Meere umherschwamm. Einmal war ein kleines Bild von dem jungen Marineoffizier beigefügt, da« Justns mit staunender Bewunderung erfüllte. War dieser wunderschöne Mann mit dem kecken Schnurrbart, dem übermüthigen Ausdruck in den dunklen Augen und dem etwas spöttischen Zug um die schwellenden Lippen sein Bruder Hans Joachim? Er betrachtete es aufmerksam, immer mehr trat die Aehnlichkeit mit der verstorbenen Mutter hervor, und doch störte ihn in dem schönen Gesichte ein unbestimmtes Etwa», dem er keinen Namen geben konnte und von dem er sich, soviel er auch dagegen kämpfen mochte, abgefloßen und unangenehm berührt fühlte.
Mit einem Seufzer legte er da» Bild in sein Taschenbuch, beantwortete die verschiedenen Briefe und beschloß, um vorerst in Hamburg zu bleiben, sich einen Bekanntenkreis zu schaffen und ein seßhafter Mann zu werden. Er war immer ein guter Zeichner gewesen, hatte von seinen letzten Reisen viele Skizzen mitgebracht und wollte in dieser schönen Kunst sich unter eines tüchtigen Lehrer» Leitung zu vervollkommnen suchen, um wenigstens die Wohlthat der Arbeit zu empfinden. Wie von einer zwingenden Gewalt getrieben, kaufte er stch plötzlich die verschiedensten landwitthschaftlichen Werke zum fleißigen Studium, um stch in dieser Weise mit erwachter Energie eine ernste Arbeit zu schaffen, die ihn beruhigte und mit stiller Freude erfüllte.
Daß für den stattlichen schleswig-holsteinischen Offizier und Baron sich gar bald die Thüren der stolzen hamburgischen Patricier öffneten, war nicht verwunderlich, zumal die exclusiven Kreise iber reichen Hansestadt von jeher eine große Schwäche für altadelige Namen besessen haben.
I« einer Senatoren - Famflie sollte sich Justus Attings Geschick erfüllen. Die Nichte und einzige Verwandte derselben, ein schöne» Mädchen von neunzehn Jahren, schwärmte für Schleswig-Holstein und brachte dem exilirten Offizier sofort ihre Huldigung entgegen, wa« freilich ganz erklärlich erschien, da ihre Tante eine Schleswig-Holsteinerin von echt deutscher Gesinnung war. Der gute Justus war verloren, er hielt die Schwärmerei des jungen Mädchens für echte Liebe und verlobte sich mit ihr zur großen Freuds der Verwandten. Die Partie war nach ihrer Ansicht in jeder Hinsicht paffend, da der Baron erst vierunddreißig Jahre alt, ein hübscher stattlicher Mann, vermögend und Träger eines alten Namens und vom besten Adel war. Justus Alting schwamm in einem Meer von Seligkeit, die Hochzeit wurde festgesetzt und ungeduldig wartete er auf eine Nachricht von Hans, um ihm seine Verlobung mitzutheilen.
Diese Nachricht kam srüher als er dachte und zwar in der eigenen Person des Bruders, welcher einen kleinen Kriegs- Kutter, der im Altonaer Hafen vor Anker gegangen war, befehligte und nun mit einer Art mitleidiger Herablassung auf Justus herabsoh. Natürlich thetlte er die Freude des Wiedersehens mit dem Bruder, obwohl es diesem war, als ob sich eine Kluft zwischen ihm und dem Nachgebornen, den er al« Säugling auf den Armen getragen, gehegt und ge
pflegt hatte, öffnete, und ein erkäitendes Gefühl jeden Ausbruch brüderlicher Liebe zurückbämmte.
Die Mittheilung der Verlobung hörte Hans Joachim mit einem ironischen Lächeln, einer beleidigenden Bewunderung an, nahm die Bemerkung, welche Art von politischer Gesinnung im Hause des Senator» herrsche, mit verächtlichem Achselzucken auf und kritisirte dann der Bruders bürgerliche Wahl mit scharfen Worten.
„Du vergissest, daß unsere Mutter ebenfalls von bürgerlicher Herkunft war," schnitt Justus ihm kurz und empört das Wort ab. „Meine künftige Gattin wird den Namen Alting ebensowenig schänden, wie es unsere unvergeßliche Mutter gethan."
Hans Joachim war geschlagen, er ließ sich bei dem Senator einführen, wo er einerseits als dänischer See-Qsfizier eine sehr getheilte Ausnahme fand. Doch war er zu gewandt, eine zu glänzende und sonnige Natur, um nicht bald auch in diesem Kreise zu siegen, und daß er hier gefallen, und die Herzen erobern wollte, war sichtbar genug. Der arglose Justns freute sich seines Erfolges und war dem Bruder dankbar dafür, daß er so tactvoll alle politischen Klippen zu vermeiden suchte. — Er bemerkte e« nicht, wie seltsam sich seine Braut seit des Lieutenants Anwesenheit verändert hatte, wie launisch und abwehrend sie gegen ihn geworden war. Der Arme war mit sehenden Augen blind, selbst die Frau Senator schien nichts Besonderes in der Veränderung der Braut und dem Betragen der dänischen Marine- Lieutenants seiner Schwägerin gegenüber zu finden, obwohl die beiden jungen Leute in auffällig verträultcher Weise miteinander verkehrten. Hans Joachim sollte vier Wochen lang mit seinem kleinen Kriegs-Fahrzeug in der Nordsee kreuzen, so lautete der Befehl, während er nun schon seit acht Tagen bei Altona vor Anker lag.
Al» Justus eine darauf bezügliche Frage an den Bruder richtete, maß dieser ihn mit einem scheuen Blick, biß flch auf die Lippen und bemerkte- dann, daß er aus höheren Befehl noch bi» morgen hier bleiben müsse. Am selben Abend wurde ihm zu Ehren ein kleines Abschiedsfest in der Villa des Senators, welche vor dem Dammthore lag, gefeiert und am nächsten Frühmorgen hatte der dänische Kutter die Anker gelichtet.
Baron Justus stand am Hafen. Er blickee dem schnellen Fahrzeug, das wie eine Möve über den im Sonnenglanz blinkenden Strom dahinschoß, so lange nach, bis es als kleiner Punkt seinen Blicken entschwundeen war, worauf er mit einem tiefen Athemzug, der wie eine Erlösung klang, nach Hamburg zurückkehrte.
(Fortsetzung folgt.)
Der Sandkarren.
Von Lars Dilling. Ins Deutsche übertragen von G. Denwitz.
------- (Nachdruck verboten.)
Die Frühlingssonne drang durch die Spiegelscheiben, spielte auf einem breiten, vergoldeten Gemälderahmen und warf einen leuchtenden Streifen auf die schwere rothe Plüschportiere.
Die Hausfrau saß, mit einer Stickerei beschäftigt, am Fenster und blickte zuweilen auf die Straße hinaus. Der Herr des Hauses aber lag, ein Zeitungsblatt in der Hand, in einem Lehnstuhl hingestreckt und rauchte.
Sie war eine schöne, junge Frau mit reichem, goldblondem Haar und feinem Teint; ihr Gatte erschien beträchtlich älter, er hatte ein edel geformtes, aber etwas gelangweilt dreinschauendes Gesicht und eine elegante, schlanke Figur.
Die junge Frau hustete.
„Könntest Du nicht etwas weniger stark rauchen, mein Lieber?"
„Ich wußte nicht, daß es Dich belästigt. Du rauchst ja selbst Cigaretten."


