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Glück bei dem Wiedersehen der Mutter und seine Bestürzung, den Bruder nicht daheim zu finden. Dann besann er sich, daß dieser als ehemaliger dänischer Offizier der ganzen Strenge des Militärgerichts verfallen und also für immer, wie er sich überzeugt hielt, aus der schönen Heimath verbannt war.
»Armer, unglücklicher Justus I" klagte Hans in aufrichtigem Schmerz, „warum folgte er den Revolutions-Helden und nicht feinem militärischen Pflichtgefühl, das in dem Fahnen-Eid und in der Disciplin wurzelt. Ich müßte ihn deshalb hasten und verachten, wenn nicht vor zwei Jahren die halbe Welt verrückt und Schleswig - Holstein seit dem Entstehen des verrätherischen meerumschlungenen Liedes nicht überhaupt schon unzurechnungsfähig gewesen wäre. Ich will ihn nicht verurthellen —*
„Das würde Dir, dem unreifen Knaben, auch schlecht anstehen/ fiel ihm die Mutter streng in» Wort. „Justus that, wie ihm sein deutsches Gefühl und die Vaterlandspflicht gebot. Er muß die Verbannung, welche viele tapfere Kameraden mit ihm theilen, ruhig tragen, bis ein schönerer Morgen tagt/
Han» zuckte ungeduldig die Achseln und meinte dann, daß e» ihm leid thue um den Bruder, weil dieser Morgen niemals tagen werde, daß er aber nicht nach Kopenhagen zurückkehren wolle, ohne ihn vorher gesehen zu haben.
„Justus ist augenblicklich noch in Hamburg," sagte die Baronin, welche außerordentlich leidend aussah, wie Han» mit geheimer Angst bemerkte, „er wird aber in den nächsten Wochen eine überseeische Reise antreten, um die Welt kennen zu lernen. Ich hätte ihn ebenfalls noch gern gesehen, wenn meine Gesundheit e» mir gestattete —"
„Du fühlst Dich nicht wohl, Mama?" fiel Han» hastig ein.
„Rur äußerst schwach, mein Sohn, ich wollte, D« wärest erst soweit, um Altinghof übernehmen zu können."
«Ich, Mama? — Wa» fällt Dir ein? Wie kann ich al» Seemann, als Marine-Offizier unser Gut übernehmen? Ich leiste Verzicht darauf."
„Du bist noch zu jung und zu unerfahren, um eine solche Verzichtleistung begreifen zu können. Justus muß verzichten und ich bin nun erst recht nicht im Stande, für Dich einzutreten. Sprich, was soll geschehen? Das väterliche Testament nennt nur Dich als den Erben von Altinghof, während Justus ei« Baarvermögen erhält."
„Dann verkaufe ich das Gut, Mama," warf Hans Joachim leicht hin.
«Da» Haus, wo Eure Wiege gestanden? Das Stammgut Eurer Vorfahren?" rief die Baronin entsetzt, „niemals darf das geschehen, mein Sohn, Dein Vater würde im Grabe keine Ruhe finden. — Aber Justus wird einen Ausweg ersinnen und deshalb ist Dein Gedanke, ihn in Hamburg zu besuchen, gut. O, könnte ich den armen Jungen nur noch einmal in diesem Leben Wiedersehen," setzte sie mit hervorbrechendem Schmerze hinzu. „Aber laß nur, mein Kind, und mach' ihm da» Herz nicht schwer damit, — versprich mir aber, die leidige Politik, welche uns so viel Unglück und Wehe gebracht, nicht zu berühren, ihm keine Vorwürfe zu machen, und e» niemals zu vergessen, wie sehr er Dich, den Nachgebornen, stets geliebt und verhätschelt hat. Bedenke, daß er der Aeltere ist und daß er als deutscher Mann für sein Heimathland gekämpft hat, willst Du dies nicht vergessen, wenn Du Deinem Bruder gegenüber stehst, mein Sohn?"
Hans versprach Alles. Ernst reiste am nächsten Morgen ab und traf den überraschten Justus noch in Hamburg anwesend. Der junge Cadett hielt sein Wort in Betreff der Politik, hätte es, im Vertrauen, auch nicht gewagt, dem ernsten, ihm so weit überlegenen Bruder irgend einen Vorwurf zu machen. Auch brach die alte Liebe zu mächtig hervor, um noch Raum für politischen Zwist zu gewähren, weshalb es dem stürmischen Drängen des Jünglings sogar gelang, die gewichtigen Bedenken des Bruders in Hinblick auf den Herzenswunsch der leidenden Mutter zn besiegen. Justus willigte ein, ihn heimlich in der Livröe eines Kutschers nach Altinghof zu begleiten. Hans kaufte sich in Hamburg einen leichten Wagen und ein schnelles Roß, um nicht die
Bahn zu benutzen, und den Bruder, welcher das Fahren ausgezeichnet verstand, in dieser Vermummung glücklich heimzubringen. Wer jene Jahre nach dem Friedensschluß bis zum Tode Friedrich VII. von Dänemark in Schleswig-Holstein durchlebt hat, der weiß auch genugsam, welche Gefahren mit der Heimkehr eines „Insurgenten", der vordem als Offizier dem dänischen -Heere angehört hatte, verbunden waren.
Die Baronin Alting erschrak deshalb auch ebenso sehr beim Anblick ihres ältesten Sohnes, wie sie sich seines Opfer- muthes freute, zumal sie es nur zu sicher empfand, daß dieses Wiedersehen auf Erden das letzte fein werde. Und doch athmete die Mutter erst wieder erleichtert auf, als ste nach seinem Scheiden die Anzeige seiner glücklichen Ankunft in Hamburg von ihm empfing.
Justus hatte Alles nach Wunsch der Mutter geordnet, indem er einen Schein - Verkauf mit dem langjährigen, erprobten Verwalter abschloß, den die Baronin als Vormünderin ihres minderjährigen Sohnes gerichtlich ausführen ließ, während ein geheimer Contract dem Käufer nur das Pachtrecht zusicherte. Baron Justus wurde darin, wie Mutter und Bruder es verlangten, als Gutsherr beglaubigt.
Dieses geheime Document war durch den alten Sachwalter des verstorbenen Barons angefertigt und mit seinem Notariats-Siegel versehen dem ältesten Sohne eingehändigt worden.
Ms Justus Alting, welcher in der Schleswig-Holsteinischen Armee den Rang eines Rittmeisters bekleidete, seine erste Reise übers Weltmeer gemacht und den amerikanischen Boden betreten hatte, ahnte er nicht, daß seine geliebte Mutter daheim im Sterben lag und mit einem Segenswunsch für ihre Söhne für immer die Augen schloß.
Erst nach zwei Jahren, als er von seiner Amerika- Reise wohlbehalten in Hamburg wieder eintraf, fand er unter den mittlerwelle an ihn etngelaufenen Briefen, die sein Hotel- wirth für ihn aufgehoben hatte, auch ein Schreiben seiner Bruders mit der Todes-Anzeige.
Diese Nachricht traf ihn wie ein Donnerschlag, well er sich in seinem Gewissen schwer bedrückt fühlte. Hatte ers doch in einer unbegreiflichen Zerstreutheit und Fahrlässigkeit, die nur mit dem Gefühl lebenslänglicher Heimathlosigkeit entschuldigt werden konnte, unterlassen, irgendwelche Nachricht übers Weltmeer gelangen zu lassen — und «un? Er nahm den Brief noch einmal zur Hand, und sah an dem Datum zur schmerzlichen Beruhigung, daß die theuere Mutter schon wenige Monate nach dem letzten Wiedersehen dem Vater in» Grab gefolgt war. Und er, der Verbannte, Heimathlose, durfte da» Vaterhaus nicht aufsuchen, nicht an der Gruft der geliebten Verblichenen seinen Schmerz ausweinen.
Er schrieb an den Verwalter Petersen und legte einen Brief für Hans Joachim bei. Die Antwort erfolgte um» gehend mit einer großen Summe in Banknoten und der dazu gehörigen Abrechnung. Es hatte dem braven Verwalter viele Mühe gekostet, deutsche Kassenscheine zu erhalten, weil deutsches Geld in Schleswig-Holstein bei Confiscation und hoher Straft verboten war. Nur der Umstand, daß dieses Geld an die Adresse de» dänischen Consulats-Secretärs in Hamburg, welcher dem Verwalter Petersen zum großem Dank verpflichtet und dabei ein braver, verschwiegener Herr war, gerichtet wurde, ermöglichte den richtigen Empfang der hohen Summe.
Justus Alting, der au» dem Schreiben des Verwalters ersah, daß dieser für einen getreuen Dänen gehalten und o- mit in keiner Weise belästigt wurde, daß Altinghof sich im besten Zustande befand, der junge Baron Han» aber M Lieutenant seine erste Reise auf einem großen dänischen Kriegsschiffe nach dem indischen Meere angetreten hatte, hielt sich als abgedankter Jnsurgeuten-Osfizier urplötzlich für recht überflüssig in der Welt. Er war mit 30 Jahren zum Müssiggänger, zu einem nutzlosen Menschen degradirt, welcher große Summen verbrauchte, ohne für deren Erwerb einen Finger zu rühren, während sein Bruder, ein Jüngling von 20 Jahren, im strengen Dienste einem ehrenvollen Beruft angehörte.


