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Unterhaltungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
Nr. 96
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Dora.
Novelle von Marie Treuter.
(Fortsetzung.)
Mit wachsendem Erstaunen hatte ich dem Laufe der Erzählung gelauscht. Eine bange Ahnung beschlich mein Herz, erst leise, dann immer gewaltiger. Sie ließ mein Blut in den Adern gerinnen.
„Wann hat sich das Ereigniß zugetragen?" fragte ich mit bebenden Lippen.
Es war gut, daß er mich nicht ansah, wie hätte er mein Entsetzen deuten sollen?
„Vor sechzehn Jahren, ,lm Spätsommer des Jahres 1846."
„Und wie hieß das Kind?" fragte ich mit der letzten Anstrengung aller meiner Kräfte.
„Es hieß Wilhelmine, Willi nannten wir sie." Ich hörte nichts mehr. Fast bewußtlos lehnte ich den Kopf an den Stamm der Akazie.
In demselben Augenblick erschien Dora. Wie einen rettenden Engel begrüßte ich in dieser Minute mein Kind.
Sein Kind! Zur rechten Zeit noch sandte ste die göttliche Vorsehung an diesen Ort, ehe das Entsetzliche geschah, daß der Vater um die Hand der eigenen Tochter warb.
Wir traten den Heimweg an. Zerstreut und augenscheinlich verstimmt über das so frühe Erscheinen Doras ging er neben uns her. Was wir mit einander sprachen, ob wir überhaupt sprachen, weiß ich nicht mehr.
Erst nach Stunden und allein in meinem Zimmer konnte ich meine Gedanken sammeln. Diese hießen: „Fliehen, schweigen!" Das Schreckliche aber mußte ich zu verhindern suchen um jeden Preis, daß die beiden Menschen, die mir das Theuerste auf Erden waren, den Grund der plötzlichen Flucht jemals erfuhren.
Was nützte es, wenn ich mein Kind, die Sonne meines Daseins, opferte und dem Vater die Tochter zurückgäbe? Konnte er ihr ein Vater sein, wenn er in ihr das Weib liebte? — Und Dora? Würde Sie den Mann wie eine Tochter lieben können, dem die ersten Gefühle ihres eben er
wachten, in vielleicht noch kaum bewußter Liebe schlagenden Herzens galten?
Lieber wollte ich das Bewußtsein der Schuld mein ganzes Leben lang auf mein Gewissen laden, als mit einem Schlags das Glück all meiner Liebe vernichten.
Mit fieberhafter Hast begann ich die Vorkehrungen zur Abreise zu treffen. Marianka und die Dienerschaft waren verwundert, Dora untröstlich.
Ich benachrichtigte meinen Bruder von meinem Vorhaben und bat ihn, uns in den nächsten Tagen nach unserer Heimath abzuholen.
Seine Antwort war eine freudige Zusage.
Täglich ließ sich Doras Vater bei mir melden, täglich wurde er mit irgend einer Entschuldigung abgewiesen. Es sollte, es durste zu keiner Katastrophe kommen.
Es war der letzte Tag, den wir in L. zuzubringen gedachten. Ich war allein im Hause. Da plötzlich schellte er an der Hausglocke. Gedankenlos und ohne Arg gehe ich zu öffnen. Thörichtes Menschenherz, das da glaubt, seinem Schicksal entrinnen zu können! Da stand er vor mir. Ein schmerzliches Lächeln umzuckte seine bärtigen Lippen.
„Einem Zufall, Madame, wie mir scheint," sagte er mit seltsam bebender Stimme, „verdanke ich das Glück, Sie vor Ihrer Abreise noch einmal zu sehen."
Ich fand kein Wort der Erwiderung, keines der Begrüßung. Wortlos deutete ich auf einen Sessel.
„ „Nennen Ste mich unbescheiden, Madame," begann der Prediger mit hastiger, heftig vibrirender Stimme, „daß ich, trotzdem Sie mich aus einem mir unerklärlichen Grunde wiederholt abweisen ließen, dennoch ein Wiedersehen erzwingen wollte. Was ich Ihnen aus meinem früheren Leben erzählte, konnte doch unmöglich eine Abneigung Ihrerseits zur Folge haben. Lassen Sie mich an dies anknüpsen, wovon ich Ihnen unter den Akazien zuletzt erzählt habe. Mehr als zehn Jahre brachte ich, ein einsamer Mann, nur den Pflichten meines Amtes lebend, noch in Afrika zu. Endlich aber trieb mich, obgleich ich keine Anverwandten mehr befaß, ein unbestimmtes Sehnen nach der Heimath. Ich fand in B. einen geeigneten Wirkungskreis für meinen Beruf, aber mein Sehnen wurde jahrelang nicht gestillt. Mein Herz hatte den Frieden, auf den ich meine Mitmenschen Hinweisen sollte, selbst noch nicht


