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Nr. S4.
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Unterhaltungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
Dora.
Novelle von Marie Treuter.
(Fortsetzung.)
Eines Nachmittags unternahmen wir einen Ausflug zu einer Burgruine. Bald hatten wir den auf einem mäßig hohen bewaldeten Berge liegenden Zielpunkt erreicht. Ur» plötzlich, ohne daß wir die Vorzeichen beachtet hatten, zog sich ein Gewitter über unseren Häuptern zusammen. Schon auf unferm eiligen Rückzüge brach es los. Es war ein Tosen und Brausen in den Wipfeln der Bäume, Blitze zuckten, und prasselnd stürzte der Regen vom Himmel. Bis auf die Haut durchnäßt, langten wir an der Fahrstraße an.
Um die Krümmung des Weges kam eine große, schwerfällige Reisekutsche. Wir gingen dem Gefährt entgegen und winkten dem Kutscher, zu halten. Während wir noch mit ihm verhandelten, bog sich der Kopf eines Herrn aus dem Wagenfenster. Ein Blick auf unsere durchweichten Gestalten ließ ihn unser Begehren errathen. Mit einem Ruck wurde die Wagenthür geöffnet, und nach einer Sekunde stand ein großer Mann vor uns.
Er verbeugte sich tief, half uns, die wir erschreckt und verwirrt unsere Bitte um einen Platz im Wagen stammelten, in den Wagen und nahm Dora gegenüber Platz. Es war eine kraftvolle Gestalt mit ausdrucksvollen Zügen, üppigem, lichtblonden Haar und Bart und blauen, ruhigen, vertrauenerweckenden Augen. Der Schnitt seiner Kleider verrieth den Geistlichen. In der That stellte er sich später im Laufe de» Gespräches als Prediger Wagener aus B. vor und theilte uns mit, daß er in unserem kleinen Badeorte ein Landhaus besitze und jeden Sommer daselbst einige Wochen zubringe.
Da er sich vorstellte, so war ich gezwungen, auch unsere Namen zu nennen.
„Emmy Wilkens, meine Tochter Dora," sagte ich mit möglichst fester Stimme.
Er blickte mich an, ich weiß nicht, war es Schreck, Staunen oder Zweifel, genug ein seltsamer Ausdruck malte sich auf seinem schönen Gesicht, der mich verwirrte.
Er nahm zerstreut Dora's vom Regen arg zugerichteten
Hut, den sie vor sich auf der Decke liegen hatte und betrachtete ihn mit leisem Lächeln.
„Da wird der Herr Papa wohl einen neuen kaufen müffen," sagte er und legte den Hut wieder auf seinen Platz.
Dora lachte.
„Die Mutter oder der Onkel," gab sie lachend zur Antwort, „einen Papa habe ich nicht mehr."
Er fragte nichts weiter, er blickte mich nicht einmal an.
Sein Blick schien sich traumverloren nach innen zu richten.
Seltsam, ich hatte nie solche Augen gesehen, wie sie dieser Mann besaß. Blau, ruhig, aber kalt, ganz ohne Leidenschaft- Aber jetzt leuchtete plötzlich heller Glanz aus denselben. Ich sah den liebevollen Blick, mit welchem er mein Kind betrachtete.
Wer sollte auch Dora nicht lieb haben?
Mit einem Male kamen mir meines Bruder» Worte ins Gedächtniß zurück: „Hüte mir Dora, Dein Kind!"
Der Fremde hatte meine Bewegung bemerkt.
„Ist Ihnen nicht wohl, Madame?" fragte er mit dem Tone des Erschreckens-
Ich schüttelte den Kopf, zu sprechen war ich nicht im Stande.
Froh war ich, als wir unser Hau» erreicht hatten. Wir dankten dem Fremden für den großen Dienst, den er uns erwiesen hatte. Er lehnte jedes Dankeswort ab und küßte mir zum Abschiede ehrfurchtsvoll die Hand. Dora reichte ihm unbefangen beide Hände, die er herzlich schüttelte, indem er zugleich die Hoffnung auf ein Wiedersehen aussprach.
Der auf diesen erlebnißreichen Tag folgende Sonntag brachte uns eine freudige Ueberraschung, den Besuch meines Bruders. Das Erste, was ihm Dora erzählte, war unser gestriges Abenteuer.
Er hörte erst mit wachsendem Erstaunen dem Geplauder zu, doch als sie mit lebhaften Farben die Liebenswürdigkeit unseres Retters pries, umwölkte sich seine Stirn, und vorwurfsvoll traf mich fein düsterer Blick.
Schweigend folgte er Dora, welche ihn bat, sie und Marianka zu einem nahen, romantisch gelegenen Wasserfall zu begleiten.


