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Professor,wahrhaft bewunderungswürdig, der Deserteur kann sich bei Dir bedanken."

Ach, der arme Willibald," seufzte die Frau Professor, er geht mir zu nahe, wo er nun wohl umherirren mag. Es wird heute Nacht kein Schlaf in meine Augen kommen."

Unb wirst mir auch noch krank davon werden," grollte der alte Herr, zornig auf« und abfchreitend.Und der Bursche verdient's nicht einmal, ist uns doch im Grunde auch fremd. Herrgott, habe ich sogar lügen müssen um seinetwillen, und wenn der Commissar die Thür gefunden, mich als Lügner gebrandmarkt hätte, Kinder, habt Ihr keinen Begriff von dieser Schande, vor welcher mich nur die Klugheit und Energie eine» so jungen Dinges wie unsere Lore bewahrt hat?"

«Ja, Heinrich, ich begreife Deine Angst sehr wohl, da ich sie selber schwer genug empfunden," versetzte seine Gattin. Danken wir dem Himmel, daß er die Gefahr so glücklich an uns vorübergeführt"

Unsinn," unterbrach der Professor sie ärgerlich, «als wenn der Himmel einer Gesetzesverletzung und Lüge extra beistehen sollte. Das ist schon mehr eine gedankenlose Lästerung, meine Liebe."

Der Denuneiant spielt aber doch die schlechteste Rolle in diesem Drama," ries Leonore mit zornblitzenden Augen, und ich schwöre darauf, daß die Melchior uns diesen Dienst erwiesen hat. Wie eine Spionin ging sie neben uns her und al» ich mit Elisabeth aus dem Hause kam, ihr die Mitthei­lung machte, da"

Sie verstummte plötzlich, starr vor sich hinbltckend, und nickte dann dem Vater energisch zu.

Sie hat's gethan, verlaß Dich darauf, Papa! Elisabeth vergaß bei der unerwarteten Mittheilung alle Vorsicht, stieß einen Schrei aus und rief dabei feinen Namen. Als ich mich erschrocken umsah, konnte ich nur ein Frauenzimmer entdecken, das unter einem großen Regenschirm eiligst über den Fahr­damm nach der entgegengesetzten Seite schritt- Es war sicher­lich Bernhardine Melchior."

Ohne Zweifel,* brummte der Professor,die rachsüchtige Hexe ist zu Allem fähig, fobald es gilt, den Ehrhards zu schaden. Sie wird, schon mißtrauisch geworden, in einem Straßenwinkel gewartet haben, um irgend ein Geheimniß zu ergattern, was ihr denn auch glücklich gelungen ist. Wenn der tolle Bursche nur jetzt Hal» über Kopf die Stadt ver­ließe, da sicherlich alle Hotels revidirt werden."

Seinem Freunde Hamson wird man doch nichts anhaben können?" meinte Leonore.

Nein, doch muß er jedenfalls angeben, wer und wo fein Begleiter ist, der mit ihm im Bahnhofs-Hotel logirt. Nun, es wird genau genug nachgeforscht werden, besonder» von der Militärbehörde. Dieser letzte Streich des saubere« Neffen kann dem armen Hauptmann den Garaus machen."

Ach, schweige von ihm!" rief die Frau Professor er­regt.Sr ist und bleibt mit feiner Despotie die eigentliche Ursache seines Unglücks und würde ihn jetzt ebenfalls denun- eirt haben. Ein verknöcherter Soldat, wie er stet» gewesen ist, besitzt kein menschlich fühlendes Herz mehr."

Ra, na, nur nicht über's Ziel hinausschießen, Alte!" brummte der Professor.Ich konnte ihn doch nicht hier be­halten und wünsche ja von Herzen, daß er glücklich über's Weltmeer zurückkehrt. Herrgott," unterbrach er sich plötz­lich,nun erwacht der Wind auch noch und peitscht den Regen in Strömen herunter. Horch was ist denn das?"

Das sind die Thurmglocken I" rief Leonore.

Der alte Thomas öffnete die Thür und meldete:Das Wasser ist schon da; nun ist das Elend fertig, Herr Pro- feffor!" , .,

Dieser verließ das Zimmer, fuhr in feinen Ueberzieher, riß den Hut vom Nagel und stürmte hinaus.

V.

Willibald Ehrhard, welcher den ihm von früherer Zeit noch wohlbekannten Weg durch den Pferdestall des Professors trotz der Dunkelheit glücklich passtrt hatte, war draußen auf

dem Hofe einen Augenblick im Zweifel darüber gewesen, in welcher Weise er seine Flucht fortsetzen sollte. Durch bett «« den Stadtgraben stoßenden Garten, der sicherlich von jener Seite ebenfalls bewacht wurde, durfte er nicht entfliehen, er entschloß sich also kurz, einen ziemlich gefährlichen Weg über eine Planke, welche den Hof von dem benachbarten Besttzthum trennte, zu wählen. Wie es hier freilich jetzt nach zehn Jahren aussah, konnte er nicht wissen, damals hatte ein bös­artiger Kettenhund Haus und Hof bewacht.

Diese Erinnerung schoß ihm blitzschnell durch den Kopf. An seiner Freiheit an und für sich war ihm im Grunde nicht viel gelegen, oder doch? Der Gedanke an Elisabeth ließ sein Auge aufleuchten. Vor allen Dingen aber mußte er des Professors Ehre retten, ihn und die Familie nicht in fein Verderben mit hinetnreißen.

Er war stets ein vorzüglicher Turner gewesen und befand sich im nächsten Augenblick schon auf der anderen Seite, wo zu feiner Beruhigung kein Hund anschlug und zwar aus dem einfachen Grunde, weil das Besttzthum zum Verkauf stand und augenblicklich ganz unbewohnt war. Die größte Gefahr war jetzt überwunden, die weitere Flucht leicht bewerkstelligt. Er brauchte nur durch den großen Garten und schließlich über eins etwas bröcklige Mauer, um sich vorderhand wenigsten« in Freiheit zu wisse«.

Rasch durchschritt er die wohlbekannte Promenade und gelangte unangefochten nach jenem alten Hause, wo Tante Dorothea wohnte. Er zog den Hut tief in die Stirn und drückte sich in einen Winkel der Thür, wo er ziemlich lange warten mußte, bis Elisabeths Stimme, welche dem alten Thomas eine gute Nacht wünschte, sein Herz schneller klopfen machte. Sie trat heran und blieb zögernd vor der Treppe stehen. Die kleine flackernde Gasflamme, welche den Platz nur nothdürstig erhellte, ließ ihr unruhiges Umherspähe« dennoch deutlich erkennen.

Willibald hustete leise und trat dann rasch an sie heran.

Elisabeth, da bin ich," flüsterte er,ich wollte Dich nur sehen und dann meine Flucht fortsetzen, da ich voraussetze, daß es wirklich die Häscher gewesen sind."

Ja, sie waren es, Gott fei gelobt, daß Du hier bist," erwiderre sie ebenso leise.Du kannst jetzt nicht fort, da jedenfalls Dein Gasthof und der Bahnhof bewacht werden. Folge mir rasch hinein, Willibald, hier wirst Du ein sicheres Asnl finden."

Nein, Elisabeth, Du sollst um meinetwillen nicht leiden, Tante Dorothea aber hat mich bereits verurtheilt."

Um Gotteswillen, komm', ich höre Stimmen. O, wenn Du nur ein wenig Liebe für mich empfindest"

Alle Liebe meine» Herzens gehört Dir von Kindheit an," flüsterte er, den Arm um fie legend,führe mich wohin Du willst, Geliebte!"

Sie eilten hinein, die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo Tante Dorothea wohnte und wo ein Mauervorsprung ein natürliches Versteck für ihn bildete. Dann zog fie die Klingel.

Tante Dorothea öffnete nach einer Weile.

Ist Papa ungehalten?" fragte Elisabeth unruhig.

Nein, noch nicht, er ist sogar sehr bei Laune. Hast Du Willibald gesehen?"

Ja, Tante, er wird verfolgt, man hat ihn denuneirt, beim Professor war Haussuchung."

Und hat man ihn gefunden?"

Nein, Tante Dorothea, ich bin entwischt," sprach Willi- bald, rasch hervortretend,ich wollte Dich nicht belästigen, doch Elisabeth meinte

Die alte Dame streckte ihm tief erschüttert die Hände entgegen und zog ihn wortlos in ihre Arme.

Zum Henker noch einmal," tönte die Stimme de« Hauptmanns plötzlich aus der geöffneten Zimmerthür,wie lange soll das Geschwätz denn noch dauern? Ist e» die Lisbeth?"

Ja, Papa, ich bin'«; komm' nur, man fürchtet das Hoch­wasser. Ich muß den Keller räumen lassen, wir könnten am Ende nicht mehr in'» Hau» gelangen."