Zum genaueren Verständniß wollen wir eins der von vr. Meige aus den officiellen Krankenjournalsn gesammelten Beispiele mit den Schilderungen und Abbildungen vergleichen, welche uns aus früheren Jahrhunderten von dem „ewigen Juden" überliefert sind.
nn Im Jahre 1882 kam zu Professor Charkot der 38 Jahre alte polnische Jude Moser B., genannt Moise. Er war in Warschau geboren und wurde noch als Kind in einer militärischen Schule untergebracht. Frühe schon ge- rieth er in schwere Seelenkämpse, da seine Vorgesetzten ihn drängten, den Glauben seiner Väter abzuschwören und sich taufen zu lassen. Dashalb entfloh er aus Rußland. Er zählte damals 16 Jahre und hatte noch keinen Beruf erlernt. Seit dieser Zeit nun irrte er von Land zu Land, ohne ein beMmmtes Ziel zu haben. Endlich verheirathete er sich in Budapest und blieb einige Zeit dort; auch wurden ihm da« selbst drei Kinder geboren. Aber dieser Aufenthalt bäuchte ihm schon zu lange, und die Reisewuth quälte ihn unaufhör- l'ch- „Er reiste mit seiner Familie nach Jerusalem, wo er dieselbe jedoch ließ, um allein die Welt zu durchwandern. Von fünf zu fünf Jahren kehrte er von seiner Pilgerfahrt zurück, verweilte nur einige Tage bei den Seinigen und irrte dann wieder rastlos von Land zu Land. Als Grund für diese beständige Ruhelosigkeit giebt er in der Klinik an: ! "Dies geschah, um ein Heilmittel für meine Krankheit zu I finden, an der ich seit meiner Jugend litt, eine Krankheit, welche mir nirgends Ruhe gestattet, und für welche ich alle Specialärzte der Welt consultirt habe!" So durchwanderte er Polen, Deutschland, Oesterreich, Belgien, England, Frankreich. Endlich zog ihn der Ruf der Nervenheilanstalt Salpetriöre im Jahre 1882 nach Paris. Er erschien in einem schmutzigen Aufzuge, bekleidet mit einem langen, dunklen Mantel, der abgenutzt und geflickt war, gestützt auf einen tüchtigen Stock. Sein mageres Gesicht war von tiefen Falten durchfurcht. Eine Furche durchzog auch seine Wangen, die | first unaufhörlich nervös zuckten. Die lange gekrümmte Nase | fiel auf starke, wulstige Lippen. Mächtige, buschige Augen« I brauen näherten sich über der Nase durch zwei senkrechte I Stirnfalten. Weit herab über Ohren und Nacken fielen dichte I
Der ewige Jude — ein kranker Mann!
Von Dr. Otto Gotthilf.
(Nachdruck verboten.)
Die Legende vom „ewigen Juden", der nicht sterben kann, sondern ewig die Welt durchwandern muß, verbreitete fich in Deutschland etwa seit dem dreißigjährigen Kriege. Damals wurde in Schrift und Wort berichtet, daß ganz glaubwürdige Personen den ewigen Juden wiederholtkgesehen und gesprochen hätten, so der Bischof von Schleswig, Paulus von Eitzen, im Jahre 1542 in Hamburg, und die aus Spanien zurück- gekehrten fürstlichen Gefanden 1575 in Madrid. Von da an mehren, ja häufen sich in den verschiedensten Ländern die Nachrichten von dem Erscheinen dieses Mannes, der ewig rastlos umherwandeln müsse, weil er den Herrn Jesus Christus auf seinem Leidensgange, als dieser vor dessen Haus rasten wollte, mit rauhen Worten fortgejagt hätte. Auch viele Forscher und Gelehrte glaubten, daß die Legende des sogenannten ewigen Juden doch nicht ganz und gar aus der Luft gegriffen sein könne, sondern wenigstens ein Körnchen Wahrheit enthalten muffe. Jetzt endlich scheint nun das Räthsel gelöst zu sein. ! l)r. Henry Meige hat nämlich vor Kurzem darauf hingewiesen, daß in den berühmteren Nervenkliniken, namentlich in der weltbekannten Salpetriere des Professor Charkot zu Paris, öfter solche „ewige Juden" auftauchten. Und zwar ist es im wahren Sinne des Wortes ein „Auftauchen", denn bald find sie wieder verschwunden, um in einem andern Lande bei einer anderen ärztlichen Antorität Heilung zu suchen für — ihre Sucht zu reisen. Von dieser Wandersucht sind sie ganz be- sessen, sie ist bei ihnen zur wahren Manie geworden.
VermEchtes.
Erster Gedanke. Lehrer: „Wohin wurden nun wohl ?r^°«bten Sabinerinnen geschleppt?" - Schülerin (Backfisch): „Aufs Standesamt, Herr Lehreri"
Redaction. A. Scheyba. Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfiKts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.
I Haare in fettigen, schmierigen Locken. Auch der länge, schlecht I gepflegte Bart war an den Seiten gekräuselt.
Vergleichen wir hiermit Beschreibung und Abbildung de» I „ewigen Juden", so finden wir eine merkwürdige Ueberein- : I Atmung. In einem Buche vom Jahre 1602*) befindet fich I Ein Bildniß de» Ahasverur, welches ihn genau so darstellt, I ™ ?en geschildert: angethan mit einem langen, schäbigen I Mantel, einen festen Stock in der Hand; das Aus ehen ist I duster, das Gesicht von zahlreichen tiefen Falten durchzogen I und eingerahmt von einem langen, verwilderten, seitlich ae- I kräuselten Bart, welcher in die dichten, fettigen Locken des I Haupthaares überzugehen scheint. Kurz, es ist da» Urbild I eines echten polnischen Juden, ebenso wie Moise.
I , r Der nervenkranke Morse verstand englisch, türkisch I ^bEsch, russffch, französisch, sprach aber hauptsächlich deutsch. | Seine Leiden schildert er in weinerlichem Tone und redete 1 n ur'1„^enn ^on ihn fragte. Und von Ahasveru» heißt es I Eich: In seinem Leben sei er still und eingezogen ge- I wesen, habe nicht geredet, al» wenn man ihn gefragt. In I welcher Land er gekommen, desselbigen Sprache habe er ae- I redet, wie er denn damals die sächsische Sprache so wohl I geredet, al« wenn er ein geborener Sachse wäre" Also | wiederum merkwürdige Uebereinstimmung!
| , m Ferner sagt Dr. Meige von Moise: Wenn man ihm ein I ^stimmte- Gehalt in Aussicht stellt, merkt er im ersten ! »usenblick auf, dann aber lächelt er still vor sich hin und I 'chuttelt abwehrend den Kopf mit skeptischer Miene, indem I tiA Alles, «>as er bisher versucht habe, miß. I Hlückt sei. Und von Ahasverur heißt es: „So man ihm S? "«ehrt, habe er nicht über zwei Schillinge genommen,
I doch alsobald wieder unter die Armen vertheilt, mit Ver- melden, er bedürfe er nicht, Gott werde ihn wohl ver. sorgen". ’
Die Lebensgeschichten der anderen nervenleiden Wanderer, welche Dr. Meige aus den Krankenjournalen zusammengestellt hafisind in ihren Hauptzügen der eben beschriebenen fast ganz gleich. Eine nervöse Ruhelosigkeit treibt diese Leute von Land zu Land, wie „jenen Ahasverur, der das Ite in orbem Universum langwierig praktizieret". Mächtig vom Wandertrieb ! ergriffen, werden sie immer nervöser, und ihre Nervosität steigert sich zur Wandersucht, zum Reisezwang. Sie reden sich ein und ihren Mitmenschen reden sie vor, sie müßten wieder einen anderen Specialarzt consultiren, um — ja — um eben ihre Wandersucht zu curiren. Unterwegs leben sie von Almosen. Die Physiognomie all' dieser nervenkranken Pilger drückt Leiden und Lebensüberdruß aus. Stets er- scheinen sie nervös ganz erschöpft, sie sind eben Neurastheniker, von denen sie alle physischen und psychischen Merkmale dar. vielen.
M,?irJe^n daß der „ewige Jude" kein sagenhaftes Wesen oder eine Erscheinung nur der vorigen Jahrhunderte *Lt> er existirt vielmehr noch heute und wandelt unter uns. Seine Gestallt, seine Tracht und seine Gebahren haben sich von einem Menschenalter zum andern vererbt. Der ewige Jude der Legende und der w a n d e r n d e Jude der Kliniken haben ein und denselben Typus: den eines ruhelosen Pilgers, eine» ""vös Wandernden, heute auftauchend, morgen verschwindend, gefolgt über kurz und lang von einem andern, der ihm in allen Pnnkten gleicht, weil eben auch er von derselbe« Nerven- krankheit besessen ist.
deutschen Volksbücher, gesammelt und in ihrer Frankfurt a M^1847 Ei>erhergestellt" von Karl Simrock. VI. Band


