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„Ich wundere mich nur, daß der Doctor Schmit sich nicht endlich einmal erklärt," sagte die Frau Professor eines Tages zu Emmy, als sie sich Beide zu einer Gesellschaft schmückten, in welcher der Genannte auch erscheinen sollte.
„Warum erklären, es ist ja so so schön," erwiderte Emmy sorglos.
„Ja, aber so kann es doch nicht ewig bleiben, Kind! Solcher ungestandenen Liebe drohen überall Gefahren durch Mißverständnisse, Klatschereien; steht man aber vereint derartigen Irrungen gegenüber, so ist das eine ganz andere Sache."
„Mein Gott, was sollen uns denn für Gefahren drohen? Wir wissen Beide, daß wir uns lieben, ach, und dies Bewußtsein ist so süß, so beseligend, ich kann mir gar nicht denken, daß es noch schöner werden könnte."
„Solche Liebe, so beseligend sie auch sein mag, sie steht auf keinem festen Fundament, ein Windhauch kann sie umstoßen."
„Ein Windhauch? O nein, Elise, da müßten schon verheerende Stürme Hausen!"
Lächelnd steckte sie eine Rose in die glänzenden Flechten. Ihre und seine Welt war ja in Frühlingsglanz und Licht getaucht, und wenn ihnen Stürme nahten, so waren es Frühlingsstürme, die waren selten verheerend und zerstörend.
„Run, vielleicht erklärt er sich heute," neckte Elise- „Du hast Dich ja überaus reizend geschmückt, das Liebesgeständniß drängt sich vielleicht angesichts Deiner Schönheit ganz von selbst über seine Lippen."
Die Frau Professor aber irrte sich leider, das Wort wurde nicht gesprochen, heute nicht und die folgenden Tage auch nicht.
Auch der Professor wurde endlich ungeduldig. „Er hält andere Bewerber um Emmy zurück," meinte er ärgerlich zu seiner Frau, „und es wäre doch sehr wünschenSwerth, wenn sie sich bald verheirathete."
„Warum so sehr wünschenSwerth, Emmy ist ja noch jung, möchtest Du sie gern los sein?"
„Das nicht — aber — Schmit hat Vermögen — und Emmy —" Eine hilflose Verlegenheit malte sich in des Professors Zügen. Er holte ein paar Mal tief Athem, als hätte er etwas auf dem Herzen, was er sich scheute, auszuspreche«.
Seine Frau sah ihn verwundert an. „Was hast Du nur, Otto, schon seit einiger Zeit bist Du so sonderbar. Bist Du nicht wohl?"
Er lachte etwa» gezwungen. „Nicht wohl! Wie kommst Du darauf, sehe ich etwa leidend aus? Es gibt eben kleine Verdrießlichkeiten für uns Männer, die nicht gerade für Frauenohren taugen. Sie werden sich ja wohl alle beseitigen lassen, ohne daß Du damit beunruhigt wirst."
„Ich wollte doch, Du verschwiegst mir nichts. Jedes Aussprechen erleichtert, und gerade Deine Natur bedarf desselben."
„Nein, Kind, ich kann mich jetzt nicht darüber aussprechen, und Gott mag es verhüten, daß es je geschehen muß."
„Mit solchen Reden ängstigst Du mich mehr, als die ganze Geschichte vielleicht werth ist," klagte Frau Elise. „Eine Frau kann das volle Vertrauen ihres Mannes beanspruchen!"
„Quäle mich jetzt nicht, Kind," erwiderte ihr Mann etwas gereizt. „Ich habe den Kopf so voll jetzt, auch mit den leidigen Schulgeschichten, Du weißt ja, mit dem Director stehe ich mich schlecht genug, ich glaube, das beste wird sein, ich gehe ganz fort von hier."
„Fort von hier?" rief seine Frau erschrocken. „Das kann Dein Ernst nicht sein! Die Residenz verlassen, vielleicht nach einer kleinen Stadt gehen, das wäre schrecklich."
„Das Schrecklichste wäre es noch nicht," murmelte der Professor und stahl sich aus dem Zimmer, weiteren Auseinandersetzungen zu entgehen. Kopfschüttelnd blickte die junge Frau ihm nach. Was kann das nur sein? fragte sie sich und griff zerstreut nach der Zeitung, in welcher ihr Mann gelesen; den Börsenartikel aber, der seine Laune so gründlich verdorben, beachtete sie in keiner Weise.
Ein leichter Schritt ließ sich jetzt draußen vernehmen und Emmy, mit rosig angehauchtem Gesicht, die Schlittschuhe am Arm, trat in das Zimmer.
„Ach, war das schön heute!" rief sie, indem sie sich ihrer winterlichen Umhüllungen entledigte. „Das Eis wird nur leider schon zu weich, die Februarsonne hat zu viel Kraft."
„Ja, das Vergnügen hat wohl nun die längste Zeit gedauert," erwiderte die Frau Professor.
„Ich hoffte immer, es würde beim Schlittschuhlaufen nun endlich das schwergefundene Zauberwort von einem gewissen Jemand gesprochen werden," fuhr sie lächelnd fort.
„Heute dachte ich es selbst," sagte Emmy und blickte sinnend auf ein Veilchensträußchen, das sie in der Hand hielt. „Es war, als ob Lenzeslüfte wehten, Veilchensträußchen wurden feilgeboten, und Schmit führte so verwirrte, wunderbare Reden, die mir vorkame«, wie die Einleitung zu einer endlichen Erklärung. Ich glaube, geistvollen Männern wird solche Erklärung schwerer als andern; die gewöhnlichen banalen Redensarten wollen sie nicht machen."
Elise lachte hell auf bei diesen letzten Worten ihrer Schwester.
„Ich bin wirklich gespannt, wie die Worte schließlich lauten werden, mit welchen dieser große Geist seiner Liebe noch Ausdruck geben wird. Vielleicht thut er es schriftlich, wie Otto, der mir, nachdem er mir acht Wochen lang die Cour gemacht, kurz und bündig schrieb, er liebe mich und so weiter."
„Ja, Otto!" Emmy verschluckte noch rechtzeitig die etwa» geringschätzige Bemerkung, die auf ihren Lippen schwebte. Hier einen Vergleich zu machen, da» war Unsinn. In seiner Art mochte ihr Schwager seine Frau gewiß lieb haben und diese ihn auch. Solche Liebe aber, wie sie ihr aufgegangen, so voll Poesie, so reich an Seligkeit und Glück, nein, da» war denn doch etwa» ganz anderes.
Ihre Schwester mochte ihre Gedanken errathen.
„Du denkst natürlich, Eure Liebe ist einzig in ihrer Art, da sind keine Vergleiche möglich; aber tritt nur erst ein in die Prosa des Ehestands, da ändert sich Manches."
„Run, vorläufig find wir noch gar nicht verlobt und von Prosa ist noch lange keine Rede."
Fröhlich ein Liedchen trällernd, suchte sie ihr Zimmer auf und warf sich dort, müde vom Schlittschuhlaufen, auf das Sopha. Die vergangenen Stunden zogen noch enmal an ihrem Geist vorüber, alle Worte, die Schmit zu ihr gesprochen und die ihr seinen erregten Seelenzustand genugsam verrathen, tönten wieder an ihre Ohren, wie leidenschaftlich, wie bestrickend hatte seine Stimme geklungen, dazu die Herzenslust, die Veilchendüste, der blaue Himmel, der warme Sonnnenschein. Jetzt war die Sonne, die ihnen in diesen seligen Stunden geleuchtet, im Untergehen, und, als wollte sie das junge Mädchen noch einmal grüßen, sandte sie ihre letzten, verglühenden Strahlen in da« trauliche, blumendurchduftete Gemach, dieselben fielen grade auf das Bild Sidonien», und unwillkürlich richtete Emmy ihre Blicke darauf.
Wie interessant war dieser Kopf, mit den großen dunklen Augen, der schmalen Stirn, und um den Mund jener feine Leidenszug! Daß fie auch all ihr reiches Lieben an einen Unwürdigen verschwenden mußte; und wie lächerlich, daß sie jemals hatte denken können, Schmit sei dieser Unwürdige gewesen. Die Personalien jenes Tagebuchhelden stimmten ja allerdings so ziemlich mit denen Schmit's, und Fritz hießen sie auch Beide, aber sie kannte jetzt den. noblen, vornehmen Character des Doctors viel zu gut, um ihm eine derartige Schlechtigkeit zuzutrauen. Später wollte sie ihm einmal Alle» erzählen, wie sie durch dieses Tagebuch so unendlich mißtrauisch gegen alle Männer geworden. Sie hörte schon im Geiste sein fröhliches Gelächter, womit er diese Eröffnungen aufnehmen würde; und es geschah ihr auch ganz recht, wenn sie ausgelacht würde, warum hatte fie solchen kindischen, thörichten Gedanken Raum gegeben in ihrem Herzen, erst neulich wieder, wo er gesagt, daß auch er einst eine Sidonie gekannt. Dünste sie ihr Glück zu groß, zu übermächtig, daß sie er selbst ver-


