sie, wenn sie nach England zurückkehrten, eher nach Schloß Treville gehen würden, als an diesen unglückseligen Ort."
„Ich hörte, daß sie des verstorbenen Lord Faros Angelegenheiten ordnen wollen. Sie wiffen vielleicht nicht, daß än Schriftstück existirt, welches erst geöffnet werden sollte, wenn Miß Netta siebzehn Jahre alt ist. Jetzt hat sie das bestimmte Alter erreicht. Darum zweifle ich auch nicht, daß Graf Treville wegen dieses Schriftstückes hierhergekommen ist."
Lady Marston antwortete nicht sogleich. Sie verglich vielleicht ihr Schicksal mit demjenigen Nettas.
Frau Aston wollte sich eben zurückziehen, als Schritte in der Halle hörbar wurden und der Diener raschen Schrittes mit einer Karte auf dem silbernen Tablett eintrat, welche die Haushälterin in Empfang nahm und sie der Gräfin mit kaum zu verbergender Neugier, wie dieselbe diesen Besuch wohl aüf- nehmen würde, überreichte.
Die Karte trug den Namen des Mannes, der soeben der Gegenstand der Unterhaltung gewesen war, des Grafen von Treville.
„Wollen Sie ihn empfangen, Mylady?" fragte die Haushälterin.
„Ja," versetzte die Gräfin etwas unbehaglich, „ja, aber nicht hier. Führen Sie ihn in das Bibliothekzimmer. Das ist ein paffender Ort für eine geschäftliche Unterredung . - • denn nur eine solche führt vermuthltch den Grafen Treville zu mir."
Graf Trevilles Gruß, als er der Lady gegenüberstand, war sicherlich viel freundlicher, aber nicht weniger verlegen, als bei der früheren Unterredung in Cannes.
„Sie werden mein Eindringen verzeihen," Hub er an, „da es sehr dringende Geschäfte sind, die mich herführen, Lady Marian. Und da ich nicht länger als nothwendtg auf Villa Faro bleiben werde, bekämpfte ich meine geheime Abneigung gegen einen solchen Besuch und kam lieber selbst, al» daß ich meinen Auftrag einem Anderen anvertraut hätte."
Marian verneigte sich schweigend. Der Graf nahm den Stuhl an, den sie ihm neben dem ihrigen anbot.
„Es scheint," fuhr er fort, „ein seltsames Verhängniß über meines Bruders und meinem eigenen Schicksal zu schweben, Lady Marston, da» uns gewissermaßen Ihnen und den Ihrigen näher gebracht. Und die Entdeckung meines eigenen, längst verloren geglaubten Sohnes ist kaum eigenthümltcher als das, was ich Ihnen mitzutheilen habe."
Marian fühlte, wie ihr bei dieser erschreckenden Einleitung alle Pulse schlugen. Die frühere Geschichte ihrer Familie war von so viel Gehetmnißvollem umgeben, daß es wohl kein Wunder war, daß sich ihrer bei jeder Anspielung darauf ein schmerzlicher, banges Gefühl bemächtigte.
„Sie sind sehr gütig, Mylord. Gewiß ziehe ich vor, die Mittheilung von Ihren eigenen Lippen zu hören," sagte sie
Ma» wünschen Sie von mir?" fragte die Gräfin. „Ist es nicht genug, daß ich eine Dame bin, deren lgnges Leben jederzeit im Einklang mit ihrer vornehmen Herkunft gestanden hat? Kind, noch nie habe ich meine Lippen mit einer Lüge befleckt. Wenn ich Ihnen mein Wort darauf gebe, daß ich Alle», was Sie mir sagen werden, treu bewahre, so ist das so gut wie ein Gelübde, das nur mit Ihrer Einwilligung gebrochen werden kann."
Der milde Ernst in der Gräfin Blick und Miene nahm Cora mehr für die Dame ein, als fie selbst einer Fremden gegenüber für möglich gehalten hätte.
„Es ist im Grunde ja gar nicht von so großer Wichtigkeit," rief sie endlich in ungeduldigem Tone, aus dem mehr Selbstverleugnung als irgend ein anderes Gefühl sprach. „Es ist thöricht von mir, vor irgend einer Gefahr zurückzufchrecken, wo ich nichts zu hoffen und so wenig zu fürchten habe. Ja, Lady Belfort," sprach sie weiter und warf sich, von einem plötzlichen Impuls getrieben, vor der Gräfin auf die Knie, „es ist hart, sehr hart, von den Reinen und Edlen unseres Geschlechts verachtet und verkannt zu sein und zu sehen, wie sie sich mit einer wahren Abneigung von Einem wenden ... doch ist nothwendig, daß Sie Alles wissen."
Und mit beredter Zunge und gutgewählten Worten, die ihr aus dem tiefsten Herzen kamen, erzählte Cora die ganze traurige Geschichte ihres Lebens und ihrer Leiden und der Ereignisse der letzten Monate, die in ungekünstelter Weise ihren Muth und ihre Aufopferung, die sie dabei bewiesen, zeigten.
Lady Belfort hörte ihr aufmerksam zu.
„Und Sie retteten ihn? Retteten meinen Sohn?" fragte sie ruhig, als Cora schwieg.
„Ich konnte wenigstens die Gefahr abwenden, in der er sich befand," versetzte Cora bescheiden.
„Und Sie verließen ihn nicht eher, als bis er sich unter anderem Schutzs befand?"
Cora neigte bejahend den Kopf.
Wieder herrschte eine Weile Schweigen, obwohl die bang klopfenden Herzen Beider mehr als Worte die Aufregung bewiesen, in der sich beide Damen befanden.
Cora schrack unwillkürlich zusammen, als der Gräfin Stimme wieder durch die Stille drang.
„Cora, ich will Ihnen so zuversichtlich glauben, wie ich mir selbst glauben würde," sagte sie, „aber als Ernsts Mutter möchte ich Sie um aufrichtige Antwort auf eine Frage von mir bitten, und hieraus werde ich sehen, wie weit ich Ihrer Mittheilung Glauben schenken dars: Geschah diese heroische That Ihrerseits aus Liebe zu meinem Sohn?"
Cora ließ den Kopf sinken.... sie konnte nicht den forschenden Blick der Mutter des Mannes ertragen, den sie liebte und der ihr — das wußte sie — theurer war als Alles auf Erden. Endlich verließ sie ihre Kraft und ein Strom von Thränen erleichterte ihre Brust.
LXVI.
„Haben Sie gehört, daß Graf Treville, fein Sohn und Miß Netta zurückgekehrt und in der Villa find, Mylady?" fragte Frau Aston, indem sie noch ein wenig in dem Boudoir der Gräfin verweilte, nachdem fie ihre Befehle für den Tag erhalten hatte.
Marian war wieder feit einigen Wochen in ihrer alten Heimath; die Begräbnißfeierlichkeiten waren vorüber und eine traurige Leere schien sich gleich einem Leichentuch über ihr ganzes jetzige« und zukünftiges Leben auszubreiten.
Frau Aston ahnte vielleicht, daß noch ein anderer Kummer als die Trauer um den Vater ihre junge Herrin drückte und ' die überraschende Mittheilung der Rückkehr Netta» zielte hauptsächlich darauf hin, Lady Marston ein wenig au» ihrer trüben Stimmung zu reißen.
Marian nahm hastig die Hand von dem Buche, da» sie vor sich liegen hatte.
„Wirklich? Was mag sie hierhergeführt haben, Frau Aston?" fragte sie voll Interesse. „Ich hätte geglaubt, daß
in gedämpftem Ton.
„So dachte ich ebenfalls und gewiß kommt es mir auch zu, die Bitte meines unglücklichen Bruders auszuführen, wenn sie auch die Wiederholung seiner Geständnisses enthält," fuhr der Graf mit fester Stimme fort. „Es scheint nämlich, daß einst mein unglücklicher Bruder ein Nebenbuhler der beiden Brüder war, deren traurigem Schicksal Ihr Vater den Besitz Ihrer Ländereien und Ihres Titels zu verdanken hat. Ohne Zweifel haben Sie von der verhängnißvollen Schönheit Miß Merricks gehört, welche schuld an einem Streit zwischen den Söhnen des damaligen Lord Marston war und die auch meinen eigenen unerfahrenen Bruder berückt zu haben scheint?"
Der Graf wartete auf ein bejahendes Zeichen der jungen Dame und fuhr dann fort: „Das erklärt die auffallenden Verfügungen und Mittheilungen des Schriftstückes, welches mein Bruder hinterlassen hat und das ich erst gestern gelesen habe. Es wirft viel Licht auf die Geschichte Ihrer Familie und
Wieder hielt er inne und Marian wurde ungeduldig über sein langes Zögern. _ ..
„Verzeihen Sie, Mylord . . . aber die größte Güte, die Sie mir erweisen können, ist, mir rasch die Wahrheit zu


