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bekannt, daß ich weder ein reicher Tourist noch ein angesehener t Großhändler bin, wie die meisten unserer Reis- issährten, sondern nichts als ein einfacher Clerk im Dienste der Firma Conington und Blomfield zu Yokohama — ein Mensch, den Sie wahrscheinlich als tief unter Ihnen stehend betrachten."
„Ah, es ist gar nicht hübsch, daß Sie so sprechen," erwiderte das junge Mädchen im Ton eines freundlichen Vorwurfs. „Ich habe bisher nicht einen Augenblick daran gedacht, was Sie wohl fein könnten, und ich finde nicht, daß es etwas Unehrenhaftes ist, ein Clerk zu fein. Auch nach der Landung werde ich mich immer freuen, einem meiner Reisegefährten von der „Affyria" zu begegnen."
Georg kam nicht mehr dazu, ihr zu antworten; denn, in diesem Augenblick trat ihre Mutter, von Thomas Ellis und einem der Schiffsofstziere begleitet, auf sie zu und Maud eilte sofort an die Seite der kleinen, schmächtigen Dame, sie in kindlicher Zärtlichkeit umfassend. Der höfliche Seemann fuhr fort, allerlei Erklärungen zu den am Ufer sichtbar werdenden Einzelheiten zu geben, die beiden anderen Männer aber betrachteten sich für einen Moment mit kalten, mißtrauischen, beinahe feindseligen Blicken.
Thoma» Elli» stand an stattlicher Körperhöhe hinter dem jungen Deutschen nicht zurück und trotz ihrer Hagerkeit ver- riethen feine Glieder mit den unter dem leichten Reiseanzug scharf hervortretenden Muskelpartieen ebensoviel Geschmeidigkeit al» Kraft.
Aber die Züge seines kühn geschnittenen, starkknochigen Antlitzes hatten nichts von jener heiteren, gutmüthigen Offenheit, die das Gesicht Georgs zu einem so angenehmen und sympathischen machte. Das Alter des Manne« wäre nach seinem Au»sehen schwer zu bestrmmen gewesen, doch war er sicherlich nicht jünger als dreißig oder einunddreißig Jahre. Er war ganz bartlos und der mächtig entwickelte Unterkiefer mit dem energischen Kinn und den harten Linien an den Mundwinkeln trat dadurch noch auffallender hervor. Am wenigsten wohlthuend aber wirkten an diesem scharf markirten Männerkopse jedenfalls die tiefliegenden, kalten Augen, deren Blicke etwas etgenthümlich Stechendes hatten, obwohl sie nach Form und Farbe an und für sich keineswegs unschön zu nennen waren.
Lange Zeit hindurch sprach er kein Wort und hörte gleich den Anderen mit großer Aufmerksamkeit den Erklärungen des Schiffsosfizier» zu, der von den beiden Damen, namentlich aber von der wißbegierigen Maud, mit tausend Fragen überschüttet wurde.
„Diese Hügelkette dort längs de« Ufers sind die sogenannten Bluffs," belehrte der liebenswürdige Cicerone, „und die Terrasse, die sich an ihrem Fuße hinzieht, nennt man den Bund. Alle Gebäude, welche Sie auf ihnen sehen, dienen als Wohnungen, Hotel«, Hospitäler ober Geschäftshäuser für die Fremden. Denn die eigentliche japanische Stadt liegt weiter landeinwärts in der Ebene und ist nach unseren Begriffen nichts als ein ziemlich jammervolles, armselige« Nest."
Jetzt zum ersten Male mischte sich Thomas Ellis in das Gespräch.
„Können Sie mir ein halbwegs menschenwürdige« Gasthaus in Yokohama empfehlen?" fragte er den Oifizier.
„Gewiß — es gibt deren mehrere. Da« Hotel International gilt für da« vornehmste. Wenn Ihnen aber an einem ruhigen Aufenthalt gelegen ist, werden Sie gut thun, da« Oriental-Hotel vorzuziehen."
„Und glauben Sie, daß es möglich sein würde, ein Haus für längeren Aufenthalt zu miethen?"
„Ohne Zweifel! Von den leicht gebauten Bungalows auf dem Bluff sind immer einige zu haben. Da sie ganz nach japanischer Art errichtet sind, haben diese luftigen Dinger einen verhältnißmäßig geringen Werth."
Georg Stralendorf, in dessen Zügen ein ziemlich offen- kundiges Unbehagen zu lesen war, konnte sich nicht enthalten, zu fragen: „War efi denn nicht Ihre Absicht, Herr Elli«, sogleich nach Hakodate weiter zu reisen? Nach Allem, was ich gehört habe, meine ich wahrhaftig, daß für einen unternehmen
den und thatkräftigen Mann dort auch ein viel dankbareres Arbeitsfeld fein müßte, als hier in Yokohama."
(Fortsetzung folgt.)
Ilkilterwochen.
Skizzenblatt von F. Storck.
(Schluß.)
Da« Paar mußte auf der Bank am Fuße der Ruine sitzen, denn es klang nun der Schall zahlloser Küffe deutlich herauf.
Und dann lachte er hell auf. Ernst Weigels unwiderstehliches Lachen. „Siehst Du, Schatz, das wußte ich, wenn Du blos mich hast, nachher hältst Du es sogar in Baden- Baden aus."
„Ja, Ernst, weil ich Dich anbete. O, wenn Du mich jemals täu'chen könntest, ich stürbe daran. Weil wir uns aber so innig lieben, so denke ich immer: Daheim ist's am allerschönsten. Warum immer bei diesen zahllosen Menschen, in diesem betäubenden Sprachgewirre?'
„Sei nicht kindisch, Paula! Wir reifen heim, wenn'» Zeit ist. Jetzt habe ich auf zwei Uhr ein feines Diner bestellt. Gehen wir also über das neue Schloß hinab," entgegnete er, merklich verstimmt.
Ich beugte mich über die zerbröckelte Brüstung, da unten gingen sie thalabwärts, mein Ohr hatte mich nicht getäuscht. Hielten die erborgten hundert Mark wirklich noch vor? Das Pflaster in diesem Welt- und Luxurbade ist doch wahrlich Nicht billig. Bis jetzt schien die Blindheit der jungen Frau noch nicht gewichen. Sie betete ihn sogar noch an, den Herrn Leichlfuß.--
Der Nachmittagscorso in der Lichterthaler Allee war an diesem klarsonnigen Spätsommertag so wechselvoll belebt, wie kaum in der Hochsaison. Meine Freundin und ich schlenderten auf der breiten Promenade, unter den schattenden Bäumen, immer umringt von dichten Colonnen eleganter Kurgäste und schlichter Touristen. Man plauderte ungenirt lebhaft in allen Zungm. Kostbare Toiletten fesselten die Augen der minder eleganten Passanten. Auf den Polstern der unablässig inmitten der Allee rollenden Equipagen wiegten sich graziöse Frauengestalten, eine Schaustellung von Jugend, Schönheit und Reichthum.
Unter all diesen, scheinbar von Fortunas Hand Beschützten, flog auch unser hochzeitsreisende» Paar, wie ein Phantom, in elegantem Landauer an uns vorüber.
Der junge Gatte mußte neue Hilfsquellen entdeckt haben. Oder war es wirklich, wie er gegen seinen Lehrherrn behauptet hatte, nur ein verspätetes Eintreffen erwarteter Gelder gewesen?
Jedenfalls sah er aber sehr selbstbewußt und ungemein hübsch aus. Sein Frauchen lächelte ihn bewundernd an, denn er war ja glücklich und mit ihr zufrieden.--
Wie es kam, daß ich Abend« im Hotel nicht gleich schlief, ich weiß es selbst nicht. Meine Frau, die schlief längst den Schlaf de» Gerechten. Ich war mir nun zwar auch nicht bewußt, Schänd- und Fremlthaten verübt zu haben. Dennoch ward e» mir unerträglich heiß und bange. Ich erhob mich leise, hüllte mich in meinen warmen Reisemantel und trat behutsam hinaus auf den kleinen Balkon. Da« Zimmer lag im zweiten Stock- Die Nacht war warm und still. Es mochte etwa gegen Mitternacht sein. Auf dem Glasdach des Speisesaals sang eine Katze einige Coloratur-Arien. Im Treppenhaus des Hotels war noch stetes Kommen und Gehen. Ich lehnte an dem zierlichen Eisengitter und athmete tief die von den Bergen kommende reine Luft, als unter mir die Balkonthür der Belletage klirrte. Ernst Weigel» aufgeregte Stimme tönte herauf.
„Fange um Alles nicht an zu meinen! Ich kann Thränen nicht sehen und Frauen macht das Weinen entschieden häßlich. Eine häßliche Frau ist aber ein Unglück für einen schönheitsliebenden Mann!"


