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Herz entscheiden sollte, kann mein Urtheil nicht maßgebend fein. Ich möchte Dich fast schelten, daß Du noch immer keiner standhaften, wahren Liebe einem sehr ehrbaren Freier, der Dein Herz gewonnen zu haben schien, gegenüber- fähig bist und nun in bösen Zweifeln darüber bist, ob Du den Hauptmann Lingen ober den General von Bomsdorf erhören willst. Jutta, in Deinem stolzen Herzen kämpfen die Eitelkeit und die Liebe noch sehr heftig mit einander. Nach Deiner Meinung und Characteranlage glaubst Du Dich nur dann glücklich zu verheirathen, wenn Du auch dem mächtigen Triebe der Eitelkeit Deines Herzens Folge leistet, nach meiner Ueberzeugung wirst Du aber nur dann eine glückliche Ehe schließen, wenn Du Dich von wahrer Liebe unb' vernünftiger Erkenntniß leiten läßt."
„O, Hilda, Du sprichst so klar und verständig, daß ich wünschte, ich könnte Deinem Rathschlage sofort und ohne jedes Bedenken folgen," erwiderte Fräulein von Helborn. „Aber mein Herz ist so wankelrnüthig und meine Empfindungen sind so von Widersprüchen erfüllt, so daß ich thatsächlich nicht weiß, welche Entschließungen ich treffen soll. Es liegt dies wohl an meiner Erziehung, denn in mir wurden schon sehr frühzeitig die stolzesten Gefühle von den Eltern geweckt, aber als ich dann hinaustreten mußte in die Gesellschaft und in die große Welt, da waren meine Eltern, die mir den rechten Weg zu einer glücklichen Heirath hätten zeigen können, bereits gestorben. Mir blieb nur noch der anerzogene Stolz und der Glaube, nur einen Gatten mit hohem Range wählen zu dürfen. Dir ist es übrigens einst ähnlich ergangen, Hilda I"
„Allerdings," erwiderte die Baronin» „aber ich möchte um Alles in der Welt keiner Freundin rathen, so ohne tiefe erpropte Liebe und ohne Prüfung der Charactereigenschaften des zu wählenden Mannes nach äußerem Glanze zu heirathen, wie ich es einst gethan habe."
„Run, weil Du so erfahren und meine beste Freundin bist, bin ich ja auch zu Dir gekommen, um Deinen Rath zu hören," erwiderte Fräulein von Helborn.
„Aber jetzt, wo Du in Deinem Briefe birect bie Wahl zwischen dem General von Bomsdorf und Hauptmann Lingen aufgestellt hast, kann ich Dir doch nicht rathen, für welchen Freier Du Dich entscheiden sollst, denn dies ist Deine eigene Herzenssache," fuhr die Baronin sehr ernst fort. „Ich kann Dir nur empfehlen, nach den wahren Empfindungen Deines Herzens, vereint mit den Erwägungen der Vernunft, Deine Wahl zu treffen. Hochachtbare Ehrenmänner sind beide Freier. Der eine ist General in glänzender Stellung, von adeliger Abkunft und wohl vierundzwanzig Jahre älter als Du, der andere ist schlichter Hauptmann mit bürgerlichem Namen und wohl fünf Jahre älter als Du. Nun wähle nach Deinem Herzen."
„Mein Herz ist aber leider so entsetzlich wankelrnüthig," entgegnete Jutta und stieß mit dem kleinen Fuße ärgerlich auf den Fußboden. „Du weißt, liebe Hilda, daß Lingen mein Herz erobert hatte, daß ich seinetwegen allen Standesstolz und allen Hochmuth schon abgelegt hatte, und daß es bereits mein liebster Wunsch war, die Frau dieses braven Hauptmanns mit dem bürgerlichen Namen zu werden. Da trat auf einmal der General von Bomsdorf mit feiner Werbung auf und mein Herz wurde wankelrnüthig."
„Das heißt die Eitelkeit, der Stolz und die Sucht, in der Gesellschaft zu glänzen, bei den Festlichkeiten als eine der ersten Damen zu gelten, schlugen die Liebe zu einem edlen Manne in wenig hoher Stellung unbarmherzig aus Deiner Brust," sagte die Baronin sehr scharf.
„Hilda, Du bist ungerecht," antwortete Fräulein von Helborn und eine glänzende Thräne stahl sich in ihre schönen Augen, „denn anstatt mir zu rathen und den rechten Weg zu zeigen, läßt Du mich harte Worte hören."
„Ich kann Dir in dem Sinne, wie Du es wünschst, nicht Rath ertheilen," bemerkte die Baronin bitter, „Du mußt die Entscheidung selbst treffen, weil ich nicht die Empfindungen Deines Herzens haben kann. Und wenn dann Deine Wahl dennoch mit einer bösen Enttäuschung enden würde, dann
verkennbare Huldigungen dargebracht, daß es wohl nur noch einer kleinen Ermunterung von Seiten des Fräuleins von Helborn bedurfte, um den General zu einer ossictesten Werbung zu veranlassen.
Diese Sachlage hatte in Jntta's Gemüth, welches für hohen Rang und stolze Titel so sehr empfänglich war, eilten schweren Ccmflict hervorgerufen, denn ihr innerster Herzenstrieb entschied sich wohl für den Hauptmann Lingen, aber ihre maßlose Eitelkeit neigte sich der deutlichen Werbung des Generals von Bomsdorf zu.
In dieser verzweifelten Lage hatte sich Jutta von Helborn heute brieflich an die Baronin Sassen gewandt und dieser ihre geheimsten Gedanken anvertraut.. Noch heute Vormittag wollte Jutta dann selbst der Freundin einen Besuch machen und deren Rath einholen.
„Wie so manches Frauenherz, bethört von Stolz und Eitelkeit, doch oft so schwer den rechten Weg bei der Wahl eines Gatten findet," flüsterte die Baronin Sassen, indem sie nochmals den Brief der Freundin kopfschüttelnd las.
Obwohl über die Jugendjahre längst hinaus, so war bie Baronin doch noch eine sehr schöne Frau. Auf ihrem fein geformten Kopfe schimmerte goldblondes Haar, ihr weißes Antlitz war lieblich und frisch, ihre blauen Augen leuchteten in den entzückenden Strahlen sanfter Herzensgüte und auf ihrer reinen Stirn thronten siegreich die Zeichen der Selbstbeherrschung und des wahren Sselenadels.
Die Jahre bitterer Enttäuschungen und herber Prüfungen an der Seite ihres verstorbenen, erst von Glück und Lebenslust strahlenden, bann dem Unheile verfallenen Gemahles hatten aus der einst noch halb kindlichen, unerfahrenen Hilda von Hausen, deren Reichthum und knospende Schönheit der Baron von Sassen mächtig angezogen, eine welterfahrene Dame von ungewöhnlicher Characterstärke und Seelenkraft gemacht.
„Sie mag nur kommen, meine stolze Jutta," dachte die Baronin, „ich will ihr schon den von Eitelkeit und Oberflächlichkeit verdrehten Kopf zurecht setzen. Nun schwankt wieder ihr Herz zwischen dem braven Hauptmann und dem glänzenden Generaltitel, denn mehr als den Titel liebt sie an dem General sicher nicht."
Es wurde jetzt an die Thür geklopft und die Gouvernante mit dem reizenden, nun acht Jahre alten Töchterchen der Baronin traten ein.
„Der Vormlttagsunterlcht ist beendigt, gnädige Frau," sagte die Gouvernante mit einer leichten Verbeugung, „befehlen Sie nun, daß ich mit Erna den gewöhnlichen Morgen- spazlergang mache."
„Jawohl, Fräulein," erwiderte die Baronin und strich zärtlich über das goldige Lockenhaar des Kindes, welches eine unverkennbare Ähnlichkeit mit der Matter hatte.
„Adieu, Mamal" sagte jetzt die wohl erzogene Erna, reichte der Mutter ihre kleine Hand und machte einen zierlichen Knix.
Glücklich lächelnd nickte bie Baronin der Tochter und Gouvernante, welche beide wieder das Zimmer verließen, zu, und dann las die Dame des Hauses in einigen Zeitungen.
Eine halbe Stunde später klopfte es wieder an die Thüre und das Kammermädchen trat ein, um die Ankunft bes gnädigen Fräulein von Helborn ihrer Herrin anzumelden.
„Ich lasse bitten," tief die Baronin mit ihrer klangvollen Stimme, und bald trat Fäulein von Helborn, eine junonische Erscheinung, ein.
Die Freundinnen begrüßten sich herzlich durch Handschlag und Umarmung und saßen bald plaudernd neben einander auf dem zierlichen Sopha des reizenden Boudoirs.
„Nun, den wahren Grund meines heutigen Besuches kennst Du doch wohl bereits aus meinem Brief," bemerkte jetzt Fräulein von Helborn halb laut und verlegen, während sich zugleich ihre Wangen tiesroth färbten.
„Ja, den Grund kenne ich, Jutta," erwiderte die Baronin, „und es ist eigentlich schlimm, daß Du in dieser Angelegenheit noch meinen Rath brauchst, denn da, wo nur Dein


