Es geht mir auch ganz gut- Uevrigens bringen Sie keine neuen Nachrichten aus der Heimath mit?"

Doch, Lola. Kommen Sie mit hinunter an das Ufer. Ich werde Ihnen unterwegs erzählen. Kommen Siel"

Langsam schreiten sie zusammen über den blanken Kies dähin. Lolas Züge verrathen ängstliche Spannung.

Wissen Sie schon, daß der Herzog von Edenfield ge» storben ist?" fragte Gerald ernst.

Wirklich?" entgegnet ste bedauernd.Ein guter Mensch weniger auf der Welt! Und die Herzogin?"

wird wohl kaum lange Wittwe bleiben. Wenn Lord Rawdon von seiner Nordpol-Expedition zurückkehrt, so wird der Hauptanziehungspunkt für ihn wohl wieder London sein."

Wohl möglich."

Lola's Ton ist gleichgiltig. Die Herzogin war ihr nie sympathisch.

Beide schweigen eine Zeit lang. Dann fragt Gerald langsam:Sie wiffen, daß Orlowsky der Nihilistenpartei an­gehört?"

Schweigend nickt sie mit dem Kopf.

Und daß er sich in Gefahr befindet?"

In Gefahr befindet? Inwiefern?"

Er hat sich nicht nur an verschiedenen politischen Um­stürzen betheiligt, sondern ist sogar vielfach das Haupt der­selben gewesen. Ein hoher Preis steht auf seinem Kopf. Einmal glaubte man, ihn bereits zu haben, da entwischte er wieder."

Lola hat mit großen, starren Augen zugehört. Jetzt ruft sie hastig:Und wenn sie ihn fangen?"

So wird er entweder nach Sibirien geschickt, oder sein Kopf fällt."

Tief ausathrnend bleibt sie stehen.

Sein Kopf fällt!" wiederholt sie erregt.Ach, Gerald, Gerald, wie schlecht bin ich, daß ich mich darüber freue!"

Abwehrend erhebt er die Hand.

/,Nein, Lola, Sie irren sich in Ihren Empfindungen. Ihr Herz ist viel zu edel, als daß es sich über den Tod eines Menschen freuen könnte, und wäre er selbst ein Tod­feind. Es ist nur das Gefühl der möglichen Freiheit, welches Sie aufathmen läßt."

Leise stimmt sie bei. Dann sprechen sie von etwas Anderem.

Als sie sich wieder der Villa zuwenden, macht Lola ihren Begleiter auf eine kleine, dunkle Wolke aufmerksam, die sich über dem Vesuv zusammenballt.

Das bedeutet Sturm," sagte ste nachdenklich, mit dem Finger nach jener Stelle deutend.Paffen Sie auf! Wir bekommen eine böse Nacht."

Auch die Baronin Hastings ist nicht wenig über die Nachricht von Orlowsky's Flucht und Verfolgung überrascht. Den ganzen Abend aber bildet der Russe das Hauptgesprächs­thema. Während Lola früher feinen Namen auszusprechen vermied, hat sie jetzt, da sie ihn in Gefahr weiß, hundert Fragen über sein Thun, seine mögliche Gefangennahme und felne geschickten Fluchtversuche.

Und Gerald erzählt getreulich Alles, was er aus den Zeitungen weiß. Die Baronin tadelt seine Handlungsweise mit strengen Worten, und Lola stimmt ihr bei. Nur Gerald sucht ihn zu entschuldigen.

Ich fühle Mitleid mit ihm, wie mit einem gehetzten Wild," sagt er sanft.Ich verstehe die Kämpfe einer ver­zweifelnden Seele, die nach allen Mitteln greift, um sich aus dem Staub smporzuheben."

Wie gut Sie sind, Gerald," ruft Lola lebhaft, voll Be­wunderung zu der hohen, männlichen Gestalt an ihrer Seite ausblickend.Sie finden eine Entschuldigung für Alles. Ich glaube, es giebt keinen edleren Menschen als Sie auf der ganzen Welt."

Lola hat mit auffallender Wärme gesprochen. Ein heißes Roth steigt in sein Antlitz bis unter das gelockte Blondhaar.

Wie wunderbar ist diese Vereinigung von Kraft und

Milde in Ihnen," fährt sie begeistert fort-Die Kraft allein macht den Mann heftig und hart; die Milde allein läßt ihn schwach und weiblich erscheinen. Nur Beides vereinigt bringt Vollkommenheit hervor."

Gerald verneigt sich lächelnd. Was ihn diese anscheinende Unbefangenheit kostet, weiß Gott allein. Nur mit größter Willenskraft überwindet er das brennende Verlangen, die Ge­liebte in seine Arme zu nehmen und ihr den Mund mit seinen Küssen zu verschließen.

Und fie? . . . Voll süßer Befangenheit senkt sie plötzlich die Augen. Sie fürchtet, ihr Blick könne ihm mehr sagen, als fie darf ste, die Gattin eines Anderen.

Die Luft wird schwüler; der Horizont verdunkelt sich. Eine unheimliche Stille beherrscht die ganze Natur.

Besorgt blickt die Baronin von den sich langsam hebenden Wellen zu dem düsteren Himmel, von welchem der Mond ge­spenstisch in die Nachtlandschaft hineinleuchtet.

Plötzlich ein heftiger Windstoß; dann noch einer und noch einer. Die Bäume biegen sich unter der Wucht der hereinbrechenden Sturmes.

Erschauernd verlassen die Drei die Terrasse.

Eine Stunde später schläft Alles in der Villa Flora, während der Sturm weiter und weiter tobt und die dunklen Wellen sich schäumend an dem Felsenufer brechen.

XXX.

Lange nach Mitternacht erwacht Lola durch einen fürchterlichen Donnerschlag. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Mit bebenden Händen kleidet sie sich an und eilt hinunter in das Wohnzimmer. Hier findet sie bereits Gerald vor, der am Fenster steht und in den strömenden Regen hinausblickt. Auch er kann nicht schlafen, während die Natur stchflin vollstem Aufruhr befindet.

Ach, Gerald, wie schrecklich!" ruft sie ängstlich.Ich kann nicht allein oben fein. Lassen Sie mich bei Ihnen bleiben!"

Ehe er antworten kann, erleuchtet ein fürchterlicher Blitz das ganze Zimmer, gefolgt von einem dröhnenden Donnerschlag.

Lola erbleicht bis in die Lippen. Angstvoll umklammert sie Geralds Arm.

Ich fürchte mich so sehr," schluchzt sie.Bleiben Sie bei mir."

Eine Zeit lang stehen sie schweigend neben einander am Fenster. Jeder Blitz zeigt ihm ihr angsterfülltes Antlitz, ihre zitternden Lippen.

Plötzlich ein Kanonenschuß.

Ein Schiff ist in Gefahr!" ruft Gerald hastig.

Lola horcht auf.

Gott schütze die armen Leute. Sie gehen dem sicheren Tode entgegen," murmelt sie.Horch, da schießen sie wieder!"

Sanft ergreift er die kleine Hand, die noch immer seinen Arm umklammert hält.

Ich will sehen, ob den Armen noch zu helfen ist!" ruft er entschlossen.

Doch nur um so fester umklammern ihre Hände seinen Arm.Nein, nein," ruft sie angstvoll.Sie dürfen mich nicht verlassen«"

Die Leute sterben vielleicht, Lola, während ich hier müßig stehe. Lassen Sie mich gehen!"

So will ich wenigstens mit Ihnen gehen."

In diesem Unwetter? Es würde Sie tödten."

Besser, als allein hier bleiben."

Unmöglich, Lola. Ich bleibe nicht lange. Inzwischen werde ich meine Mutter zu Ihnen rufen."

Nein, nein. Ich will lieber allein sein, wenn Sie mich verlassen müssen."

Ein neuer Blitzstrahl beleuchtet ihre geisterbleichen Züge, $rc töbtlicher Angst auf ihn gehefteten Augen.

Voll herzlichen Mitleidens beugt er sich herab und küßt sanft ihre klare Stirn.

Gott schütze Sie, Lola," flüstert er.

Im nächsten Augenblick ist er draußen.