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1894.
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Samstag, den 13. Januar.
Bekehrt.
Novelle von F. Stockerl.
(Fortsetzung.)
Einige Wochen banger Sorge waren vergangen, bis die Aerzte endlich an Borns Krankenlager rückhaltlos die Jubelworte ausrufen konnten, daß er gerettet sei. Born aber war noch sehr schwach und lernte erst allmälig wieder klarer denken und Traum und Wirklichkeit unterscheiden.
Der alte Herr Schmidt brachte seinen Damen an einem sonnigen Octobertag die erfreuliche Nachricht aus der Stadt mit, daß der Affessor Born nun gänzlich außer Gefahr sei.
„Nun wird ja wohl mein armes, blaffes Nichkchen auch einmal wieder etwas fröhlicher ausschauen," wandte er sich gutmüthig an Dora, die kein Wott über die Lippen gebracht und nur wie im stummen Gebet die Hände gefaltet hatte; heiße Thränen rollten dabei über ihre Wangen.
Ihr Onkel blickte seine Frau kopfschüttelnd an.
„Sie ist wie verwandelt, gar nicht wieder zu erkennen," murmelte er, als Dora jetzt das Zimmer verließ und nach dem kleinen Garten ging.
Der Octoberhimmel wölbte sich fast tiefblau über der bunten, herbstlichen Erde. Astern und Reseda blühten noch in reicher Fülle in dem Garten und die zierlichen Ranken des wilden Weins hingen in leuchtend rother Pracht draußen an dem Stacket herunter. Ein Hauch von Melancholie aber lag doch über all' dieser, bunten Farbenpracht, die Luft war so mild und wie träumerisch, zitternd fielen die bunten welken Blätter von den Bäumen und Sträuchern zur Erde.
Die Natur lag eben im Sterben und es war nur ein trügerisches Aufleuchten, welches ihr der sonnige Octobertag schenkte. Ein einziger Nachtfrost vermochte Alles zu zerstören, womit Mutter Ecde sich, einer verblühten alternden Schöaen gleich, heute noch so kokett geschmückt.
Dora hatte sich in die weinumsponnene Laube gesetzt, auch in ihren Augen hatte der sonnige Herbsttag eine sehr melancholische Bedeutung. Trotz der guten Nachrichten, welche der Onkel über Bo ns Befinden gebracht, war es ihr unendlich bange um's Herz. . Die nächste Zeit mußte ein Wiedersehen mit ihrem Lebensretter bringen; es würde ihr dann endlich vergönnt sein, ihm zu danken. Sie hat sich diesen Moment schon sehr oft ausgemalt. Aber wie sollte sie ihm danken! Jedes Wort dünkte ihr armselig und verbraucht ihm gegenüber. Sollte sie ihm sagen, daß ihr ganzes Leben, ihr ganzes Sein fortan ihm gehörte, daß sie mit der hingehendsten Liebe ihm
Alles lohnen wollte. Aber wie, wenn er ihre Liebe, ihre Hingebung nur als ein Opfer ansah, das er nicht annehmen wolle, weil er ein siecher, verkrüppelter Mann geworden war, dem auf seinen Lebenswegen Frauenliebe nicht mehr erblühen konnte?!
Was sollte Dora dann beginnen? Sollte sie sich so ttef vor ihm d.milchigen, daß sie um seine Liebe bettelte?
Mit solchen Gedanken zermarterte Dora stundenlang ihr Gehirn, bis es sie hinaustrieb aus dem Garten in's freie Feld, wo sie herumlief, bis es Abend wurde und wallende Herbstnebel überall geisterhaft emporstiegen. Die Nacht aber brachte ihr keinen Schlaf, trotzdem sie todtmüde von ihrem Spaziergang nach Hause gekommen war. Nur zeitweise schlossen sich ihre müden Augen zu einem unruhigen Schlummer, in welchem sie die aufregendsten Träume quälten, die ihr all' die Schreckensbilder des Brandes wieder vor Augen führten. Sie sah dann im Traume Born leblos hingestreckt auf der Bahre liegen, sie sah wieder sein blasses, blutüberströmtes Antlitz. Das Erwachen aus diesen Träumen erschien ihr eine Wohlthat. Er lebte ja, er war gerettet!
Ja, das Leben war ihm wiedergeschenkt! Und wie Alle, die nach langer Krankheit genesen, empfand es Born wie eine Himmelsgabe, als er heute zum ersten Mal in dem Garten des Arztes hin und her ging und die milde, warme Herbstlust ihn schmeichelnd umfächelte. Ec freute sich der Blumen und des Sonnenscheins- Hatte er doch alles dies lange Tage entbehrt und nichts gesehen, als die Wände seines Krankenzimmers und das gleichgiltige Gesicht seiner Wärterin und die Aerzte, die um ihn beschäftigt waren. Mit vollen Zügen athmete Born die milde Luft und wie neue Lebenskraft und Lebenslust überkam es ihn.
Er dachte dann auch an Dora; der Doctor hatte ihm heute gesagt, daß Dora»ihren Beistand bei der Pflege Borns angeboten, daß er sie aber zurückgewiesen habe, da gerade Dora zu nichts weniger tauge, als zur Krankenpflege. Born hatte nichts weiter darauf erwidert, aber als er jetzt allein auf den schmalen Gartenwegen hin und her ging, malte er es sich aus, wie süß es hätte sein müssen, wenn das geliebte Mädchen nur dann und wann an seinem Schmerzenslager erschienen wäre-
Eine namenlose Sehnsucht erfaßte ihn nach einem Wiedersehen mit ihr. Nun mußten ja alle Zweifel weichen und es klar zwischen ihnen werden. Aus den Schrecknissen jener Brandnacht mußte die Liebe geläutert und hell für Beide empor» lodern- Nicht nur bei ihm, auch bei Dora konnte es nicht anders sein Sie mußte ihn ja lieben trotz seiner Verunstaltung. Ein trüber Blick irrte bei dem letzten Gedanken an Borns linker Seite herunter. Es war ja sür sie geschehen.


