Dienstag, den 9. Januar.

1804.

Unteichaltrrirgsblatt $um Gietzenev Anzeigen (Genepal-Anzeig-v^

ÄE fir sS$$i o 'S

ML

»'S

^AMssS

MMEEx 4»M-rnÄMN

Bekehrt.

Novelle von F. Gtöckert.

(Fortsetzung.)

Er ist Alles aus," wiederholte Dora sich am andern Morgen, und die Welt dünkte ihr wie verwandelt. Ihre Stube mit der alterthümlichen, werthvollen Einrichtung, in der sie sonst so viel Freude gehabt, erschien ihr heute in dem fahlen Licht eines regnerischen Tages finster und ungemüthlich. Ja, sogar auf dem Bilde ihrer Großmutter, der Tänzerin mit dem strahlenden Antlitz und den dunklen Rosen in dem lockigen Haar, schienen heute trübe Schatten zu liegen. Dora blieb sinnend vor dem Bilde stehen.

Man sagt, ich gleiche Dir, meine liebliche, graziöse Groß­mama," sagte sie,den leichten heitern Sinn aber, der Dir eigen gewesen, hast Du mir nicht vererbt sonst....."

es zuckte schmerzlich um ibre Lippen,sonst hätte ich diese Nacht nicht mein Kopfkissen naß geweint um ihn. Ich Thörin o, ich Thörinl"

Sie stampfte unwillig mit dem Fuße auf den weichen Teppich und trat an das Fenster. Die Welt hatte sich nicht verwandelt seit gestern, es war dasselbe Bild, worauf ihre Augen schon seit Jahren geruht. Der alterthümliche Markt­platz mit den hohen Giebelhäuiern und dem steinernen Roland in der Mitte. Und das Leben in dem Städtchen und in diesen alten Häusern wurde heute ebenso gleichmäßig fortgesetzt, wie man es gestern beendet. Nur dasjenige Doras war etwas aus dem Gleichgewicht gerathen, aber als ein echtes Kind der kleinen Stadt, als eine simple Kaufmannstochter mit einer Krämerseele, wie sie sich gestern Abend selbst bezeichnet, würde sie sich ja bald wieder in das gewohnte Leben schicken und ver- geffen, daß etwas wie eine große Leidenschaft in ihrem Herzen hatte Wurzel faffen wollen, der Schmerz ihres Herzens würde sich verlieren in dem Sumpfe der Alltäglichkeit.

Und es ist gut fo es taugt nichts, sich auf seinen Lebensbahnen in Gefühlsschwärmerei und Leidenschaften zu ver­irren," so dachte schließlich Dora sehr vernünftig, aber sie ver­scheuchte damit keineswegs ihre trüben Gedanken und auch nicht das Bild eines blaffen, ernsten Männerantlitzes, auf welches das Licht des Mondes fiel, und traurige Liederweisen tönten an ihr Ohr: von dem Mühlenrad im kühlen Grunde und dem Liebchen, das verschwunden. Es war erstaunlich, wie sie, die doch eine echte Krämerseele sein sollte, zu all' diesen Ge­danken kam!

* * «

Seit der Wafferpartie hatte sich der Unterhaltungsstoff in den verschiedenen Damenkaffees der Honorationen der Stadt wieder um einige interessante Themata vermehrt. So wußte man seit jenem Abend ganz genau, daß Dora Herrn Leonhards Heirathsantrag zurückgewiesen, trotzdem es auf einsamer Haide geschehen, und besagter Herr sich durchaus nicht wie ein ver­schmähter Freier benahm. Der Scharfsinn gewisser Damen in solchen Dingen geht eben oft weiter, als die meisten der kurz­sichtigen, gewöhnlichen Sterblichen vermuthen. Diese scharf­sinnigen Damen hatten natürlich auch bemerkt, daß der Afsissor Born von Dora vor anderen Bewerbern sehr bevorzugt wurde, und mit großer Genugthuung beobachtete man jetzt, daß sich dieser ganz von ihr zurückzog. Diese Niederlage fand man aber für die junge Dame sehr gerecht und heilsam. Sie konnte daraus ersehen, daß es denn doch auch noch Männer gäbe, die nicht allein dem Gelde huldigten und ihre Persönlichkeit eben nicht so bezaubernd sei, um einen Mann wie den Assessor länger zu fesseln. Da gäbe es denn doch noch andere, zehnmal hüb­schere junge Mädchen in der Stadt. Allerdings kümmerte sich der Assessor Born um diese auch nicht, die ganze Damenwelt der Stadt schien ihm auf einmal sehr gleichgiltig geworden zu sein. Trotzdem aber erschien er den Damen immer noch sehr interessant, und heute in einer großen Kaffeegesellschaft, wo auch Dora zugegen war, drehte sich die Unterhaltung stunden­lang um diesen interessanten Mann, nur war man nicht ge­rade seines Lobes voll. Ec verführe die jungen Herren der Stadt zu allen möglichen Tollheiten, hieß es ganz allgemein, und ganze Nächte säße er mit seinen Cumpanen in der Wein­stube bei Ungar.

Haben Sie denn die letzte Geschichte von dem Assessor und den Kirschen schon gehört, meine Damen?" nahm jetzt die Frau Apotheker das Wort.

Von den Kirschen? Nein, nicht ein Sterbenswörtchen!" rief es im Chor.Bitte, erzählen Siel'

Aller Augen richteten sich jetzt gespannt auf dis Frau Apotheker. Nur Dora spielte die Gleichgültige und ließ ihre Blicke zum Fenster hinaus schweifen, wobei ihr aber nicht ein Wort de» interessanten Vortrags der redseligen Dame entging.

Es war am letzten Wochenmarkt," begann diese jetzt, und der feine Herr Assessor, der lange Referendar Stumpf und der Hauslehrer von Ooeramtmanns hatten die ganze Nacht durch gekneipt. Als sie nun in der Morgenfrühe das Local verließen, erschienen gerade die Marktweiber mit ihren Obst­körben auf dem Marktplatz und nun denken Sie sich, meine Damen, jeder von den drei Herren kaufte sich einige Liter Kirschen und damit postirten sie sich auf dem Sockel der Ro­landssäule, wo sie die Kirschen feierlich verspeisten. Sie können