Nirrerchaltrmgsblatt 3«m Giefzenev Anzeigen (Genevttl-2lnzergev)

1894.

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Samstag, den 8. September.

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In den Fesseln der Schuld.

Criminal-Novelle von C. Sturm.

(Fortsetzung.)

Von Wonne erfüllt und mit der zuversichtlichen Hoffnung auf ein glückliches Leben saßen die vier guten und arglosen Menschen in dem Pavillon, ohne Ahnung, daß des Unglücks rauhe Hand halb in ihre Lebenspfade greifen und sie traurig verwirren würde.

Wie weise war es doch für sie wie für alle Sterblichen von der Vorsehung eingerichtet, daß sie auch keinen Tag in die Zukunft schauen und das Nahen des Unglückes nicht sehen konnten, denn dann wären ihnen auch diese wenigen glücklichen Stunden nicht beschieden gewesen.

Frau Director Pohlman» verließ jetzt den Pavillon und den Garten, um nach den Vorbereitungen für das Festmahl und nach der Rückkehr des in Director Rustans Wohnung ge­sandten Boten zu sehen.

Der Bote war zurück und meldete niedergeschlagen, daß ein Feldarbeiter Herrn Rustans Pferd zurückgebracht habe und daß derselbe wahrscheinlich von einem schweren Unglück be­troffen worden sei, auch schiene man ihn noch nicht aufgefun­den zu haben, denn Niemand wisse, wo er sei.

Händeringend nahm die von großem Mitgefühle für Director Rustan und dessen Familie erfüllte Frau Pohlmann diese Hiobspost entgegen, und sie brauchte einige Zeit, ehe sie sich so weit wieder beherrschte, um die letzten Vorbereitungen sür das kleine, zu Ehren der verlobten Paares zu gebende Festessen zu prüfen.

Da mein Mann noch nicht zurückgekehrt ist, so muß das Diner noch verschoben werden," befahl sie dann der Köchin und dem Diener.Ich hoffe aber, daß es spätestens in einer Stunde stattfinden kann."

Der Unglücksfall des Directors Rustan und die noth- wendige Antheilnahme an demselben durch ihren Gatten und sie selbst machten der guten Frau das Herz sehr schwer und das geradezu unheimliche Zusammentreffen dieses Unglückes mit der Verlobung der geliebten Tochter verdarb fast die ganze schöne Freude an diesem Ehrentage wenigsten« für Frau Director Pohlmann und voraussichtlich auch für deren Gatten.

Frau .Pohlmann ging in ihr einsamstes Zimmer und stehle inbrünstig zu Gott um Beistand sür den unglücklichen Rustan und sammelte ihre Seelenkräfte, um in dieser peinlichen Situation sich zu beherrschen. Dann blickte sie aus dem Fenster, um zu sehen, ob ihr Gatte noch nicht zurückkehre.

Nach einer weiteren Viertelstunde fuhr der Wagen des­selben heran, und Frau Pohlmann eilte hinab, um ihren Gatten zu empfangen.

Frohe, glückliche Botschaft bringe ich Dir, Bernhard," rief sie ihrem Gatten zu,Carola ist die glückliche Braut des Professors Galen, der um Deinen Segen bittet."

Danke, danke Dir herzlich, liebe Minna," entgegnete Director Pohlmann gepreßt,ich werde gleich dem Herrn Pro­fessor meine Aufwartung machen, ich muß mich nur erst ein wenig umkleiden."

Armer Mann, Du siehst schrecklich angegriffen aus," flüsterte dann Frau Pohlmann, den Gatten in sein Zimmer geleitend,bringst wohl böse Nachrichten über Director Rustan mit?"

Rustan ist tobt," berichtete Pohlmann mit seltsamer Stimme,sein scheu gewordenes Pferd warf ihn in den Wald­bach, wo er wahrscheinlich betäubt liegen blieb und jammervoll ertrank."

Der beklagenswerthe Mann!" seufzte Frau Pohlmann. Welch' ein Mglück für seine Familie!"

Für Rustans Hinterbliebene Frau und Kinder scheint gesorgt zu sein," bemerkte Pohlmann,doch bleibt natürlich trotzdem der Verlust für die Familie ein großer. Aber ich verliere auch einen treuen Freund und Mitarbeiter in Rustan und sein Ersatz für die Central-Commerzbank wird unter Um­ständen sehr schwer sein. Wir befinden uns mitten in schwierigen Finanzoperationen und ist mir durch den plötzlichen Tod Rustans eine große Sorgenlast aufgebürdet worden. Und dies geschieht Alles heute an dem schönsten Freudentage für unser Haus! Seltsame Wege geht das Schicksal uud trifft un- erbarmungslos I".

Das Schicksal trifft uns erbarmungslos!" wiederholte Frau Pohlmann im höchsten Grade betroffen.Bernhard, Du kannst doch nicht von uns so reden, wo wir allen Grund haben, jetzt Gott für das große Glück zu danken, welches er unserer Tochter und auch uns geschenkt hat. Professor Galen ist ein so edler, guter Mann, und ihn als Schwiegersohn zu besitzen, wiegt manchen Verlust auf."

,O, Du hast mich wohl mißverstanden, Minna," ent­gegnete Pohlmann hastig,ich sprach nur vom Menschenschicksal im Allgemeinen und welchem jähen Wechsel es unterworfen ist. Mir geht auch der Tod Rustans sehr nahe, es ist dies ein herber Verlust für mich, ich.kann es Dir kaum schildern- Und daß ich an dem Tage, wo der beste Freund elend um­kam, unsere Tochter verloben soll, ist mir peinlich, ja qualvoll, so herzlich gern ich auch in Carolas Verlobung mit dem Pro- fessor Galen willige. Wir sind durch den Trauerfall in der