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Sinnend schaute sein blaues Auge dabei auf die malerische Landschaft hinaus und er freute sich der Schönheiten seiner geliebten Heimath. ,

Weit, weit schweiften auch seine Gedanken zurück m sein heimathliches Dorf, wo am letzten Ende, an den Berg gelehnt, die altersschwache elterliche Hütte stand. Der Vater war ja längst tobt. Bei dem Holzfällen hatte ihn ein gewichtiger Stamm erschlagen. Damals nahm sich der reiche Rosenbauer des Waisenknaben sehr an und noch heute tagelöhnerte sein Mütterchen dort auf dem Rosenhof. Ach, sein gutes Mütter, chen! Wie er sich nach ihr sehnte I Ja, und dann zog es ihn noch zu Einer hin! Von Jugend auf hatte er mit ihr gespielt, war mit ihr aufgewachsen und als sie Beide größer wurden, da hatten sie sich, wie es sich eigentlich von selbst versteht, aber ohne daß sie es wußten, geliebt. Er war Knecht auf dem Rosenhof geworden und hatte sich gefreut, wenn sie ihn freund» lich angesehen. Erst im Juni 1870, bei Beginn des deutsch­französischen Krieges, da hatte sie heimlich, ganz heimlich von ihm Abschied genommen, da hatte sie viel geweint, ihn zum ersten Mal geküßt und ihm einen Henkeldukaten an silberner Kette als Andenken um den Hals gehängt. Da war er es auch mit Schrecken und hoher Wonne zugleich inne geworden, daß er, der arme Knecht auf dem Rosenhof, er, der arme Tage­löhnerssohn Josef Ropp, des reichen Rosenbauers Tochter, Loni Straffer, von ganzem Herzen liebe und daß nur mit seinem Leben diese Liebe aufhören könne. Sie hatten sich dann heim­lich Treue geschworen, und manchen Brief von ihr und von ihm selbst hatte die Feldpost nach dem Tagelöhnerhäurchen in Schwengau befördert. Was aber sollte noch aus dieser Liebe werden? War Aussicht vorhanden, den reichsten Bauer der Umgegend zu bewegen, seine einzige Tochter einem armen Knechte zu geben? Das wußte nur Gott allein; aber das wußte Josef auch, daß er nie eine Andere als Loni lieben wollte und konnte. L r

Jetzt betrachtete er wehmüthig den Henkelducaten, der so­gar bei Wörth einen Schuß aufgefangen hatte. Und da stand ihm wieder das ganze Kriegsbild vor Augen: die Schlachten bei Weißenburg und Wörth, wo dieblauen Teufel", wie die Bayern von den Franzosen genannt wurden, mit dem Kolben drauf gingen, wie der gewaltige Tag von Sedan, der, unerhört in der Weltgeschichte, den Deutschen ein ganzes Heer mit dem Franzosenkaiser an der Spitze in die Gefangenschaft lieferte. Aber die Aussicht auf Frieden erlosch, als Gambetta den Volls- krieg in Frankreich entzündete. Josef traf das Loos, mit dem Werder'schen Corps gegen den General Bourbaki zu ziehen, der Süddeutschland mit einer großen Armee bedrohte. Auf den ersten Vorstoß der ungeheuren französischen Maffen wich allerdings die kleine Anzahl der Deutschen zurück, um eine festere Stellung zu gewinnen, freilich nicht ohne blutige Ver­luste. Josefs Offizier war damals ein blutjunger Prinz, dem Königshause nahe verwandt, ein humaner, liebenswürdiger, tapferer junger Mann, der für Josef, der damals schon zum Unteroffizier avancirt war, manch freundliches Wort hatte. Beim Rückzug vermißte Josef plötzlich seinen Offizier. Um­kehren, trotz der französischen Kugeln und des tiefen Schnees, war bei Josef das Werk einer Secunde. Richtig, da lag der Prinz verwundet am Wege. Josef hob den Bewußilosen auf und trug ihn mit sich, hart verfolgt von den französischen Plänklern, bis er die deutschen Schanzen erreichte, in welche eintretend er schwer an der Schulter verwundet ward. Nieder stürzte Josef mit dem geretteten Offizier, dann schwanden ihm die Sinne. Josef fand sein Bewußtsein erst nach einigen Wochen im Lazareth wieder. Da hieß es, Bourbaki sei. nach der Schweiz htneingedrängt, Frankreich niedergeworfen. Jose aber mußte das Krankenzimmer noch lange hüten, denn seine Schulterwunde war gefährlich; auf seinem Bette aber lag eines Morgens als Belohnung für seine Tapferkeit das eiserne Kreuz, bei deffen Anblick sich seine Augen mit Thränen füllten. Daß aber der inzwischen genesene Prinz eine Aufforderung er» lassen, sein Retter möge sich bei ihm melden, entging deshalb Josef ganz. Auch wußte Niemand von dieser That, da be der Eile des damaligen Rückzuges jeder Soldat mit sich selbst

genug zu thun gehabt hatte. Freilich hatte man wohl die leiden Verwundeten zusammen gefunden, ober verschiedene Am» mlanzen hatten sie weiter befördert und so war auch hier die Verbindung zwischen dem verwundeten Offizier und seinem treuen Unterosfizier zerrissen.

Nun endlich war Josef aus dem Lazareth und vom Militär selbst entlassen, hatte die Bahn bisher benutzt und mußte nun den Rest des Weges bis zur Heimath zu Fuß zurücklegen.

Dort um die Biegung des Weges herum konnte man ja Schwengau schon sehen. Zu guter Stunde wollte er es er­reichen und eine Stunde nach dem Abendläuten mußte er ja laheim sein.

Er sprang auf und eilte die Straße weiter.

Inzwischen versank die Sonne hinter den Bergen und er wurde dunkel im Thal. Dort aber tauchten die bekannten Bergspitzen auf und dahinter lag Schwengau.

Schneller schritt Josef den Weg hinab, während es dunk­ler und dunkler wurde und das Mondlicht sich matt über die Wipfel der Bäume verbreitete. Da hörte er mit voller Kraft ein Gespann hinter sich herrasen. Sehen konnte man in dem Hohlwege, in dem Josef sich eben befand, gar nichts, wohl aber war es ihm, als höre er Hilferufe. Schnell warf Josef den Tornister bei Seite, stellte sich mitten auf den Weg und horchte. Das Gespann kam näher; jetzt griff Josef mit einem gewal­tigen Ruck zu, fast hätten die rasenden Thiere ihn mit sich fortgerissen, dann aber standen sie zitternd und schnaubend. Er beruhigte sie und untersuchte das Gefährt. Ein Mann lag darin, verwundet und ohnmächtig.

He, holla!" rief Jofef.

Jetzt kam der Jnsaffe des Gefährtes zu sich. Mühsam richtete er sich ans.

Wo bin ich?" fragte eine tiefe Stimme mit allen Zeichen der Erschöpfung.

Herrgött'l," fchrie Jofef, «das ist ja Martin Straffer, der Rosenbaueri"

Und Du? Wer bist Du denn?" frug der Bauer und sein Auge suchte vergeblich die Dunkelheit zu durchdringen.

Rathet einmal, Bauer!" neckte Josef.

Die Stimm' ist mir bekannt, weiß aber halt nit, wem ich mein Leben dank'!"

Kennt Ihr den Joses nicht mehr, Bauer, den Josef Ropp?" _

Du bist's, Josef?" fragte der Bauer erstaunt.Dir dank' ich's Leben? Ich mache es schon noch gut!"

Laßt gut sein, Bauer! Seid Ihr schwer verletzt?"

Der linke Arm scheint gebrochen! War kaum aus der Stadt 'naus, so gingen mir plötzlich die Rappen durch; weiß nicht, was dem Vieh in den Sinn gekommen!"

Warum fuhrt Ihr auch fo spät, Bauer?"

Halt' viele Geschäft' und zur Nacht ist doch Mondschein!

Bei diesen Worten ward der starke Mann abermals be­wußtlos und fiel hintenüber.

Josef, der während des Gespräches das Geschirr wieder in Ordnung gebracht hatte, war in Verlegenheit, wie er den Bauer wieder in's Leben zurückrufen sollte; zuletzt gelang es ihm mit einem Schluck Rum aus seiner Korbflasche. Dann warf er den Tornister auf den Wagen und schnell ging es heimwärts, nachdem er die Zügel ergriffen.

Bald tauchten die Lichter des Dorfes vor ihnen und zur Seite auf; in den Zwischenpausen, wenn der Schmerz den Bauer zu sich kommen ließ, meinte er:Es ist gut, daß Du heim bist, Josef; trittst gleich Dein' alte Stell' wieder an; hab'n tüchtigen Mann nöthig wie's liebe Brod. Josef, vergiß auch nicht in der Still', meinen Stutzen" im Gebirge nennt man kurze Jagdbüchsen Stutzenaus'm Wagen in's Haus zu schaffen."

Josef war erstaunt; wozu brauchte der Rosenbauer den Stutzen? Doch da lag ja schon der Rosenhof und Joses lenkte den Wagen hinein.

Auf dem Hof und im Haufe ward's lebendig.

Herrgött'l, der Josef!" fchrie die Bäuerin, die Lampe